So wirken sich Saisonalitäten auf die Börse aus.
So wirken sich Saisonalitäten auf die Börse aus.
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Interview Saisonalität: „Weihnachten ist die beste Börsenzeit“

Finanzanalytiker Dimitri Speck über den Effekt der Saisonalität und warum er in diesem Jahr bisher ausgeblieben ist.

Dimitri Speck

Der empirische Finanzmarktforscher Dimitri Speck arbeitet seit Jahrzehnten als Handelssystementwickler, Finanzanalytiker und Buchautor. Speck ist zudem Mitgründer des Fintechs Seasonax.

Herr Speck: Die Taktik „Sell in May and go away“ ist historisch bewährt. Aber in diesem Jahr kamen Anleger damit zu spät. Warum?

Saisonal steigt der DAX bis Mai/Juni und fällt dann bis zum Oktober. Saisonalität ist aber nicht der einzige Einflussfaktor auf die Kurse. Dieses Jahr kommen der russische Angriff auf die Ukraine, die Inflationsraten und auch die Leitzinserhöhungen der Zentralbanken hinzu. Investieren nach Saisonalitäten ist eine Strategie, die sich über lange Zeiträume empirisch sehr bewährt hat. Aber sie bietet wie jede Anlagestrategie natürlich keine jederzeitige Garantie für Investmenterfolge. Sie kann aber die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich ein Kurs zu einer bestimmten Zeit im Jahr in eine bestimmte Richtung bewegt.

Wie ausgeprägt ist der Saisonalitätentrend denn im langfristigen Durchschnitt?

Er ist sehr signifikant und lässt sich auf nahezu allen Märkten der Welt beobachten. Für die USA ist er seit mehr als 100 Jahren belegt, auch in Deutschland ist er deutlich zu beobachten. In den vergangenen 25 Jahren etwa hat der DAX im Durchschnitt 4,6 % pro Jahr zugelegt. In den sechs Monaten vom 1. November bis 1. Mai lag das Plus dagegen bei 7,5 %. In den Sommermonaten haben Anleger also im Durchschnitt rote Zahlen eingefahren.

Gilt die Saisonalität auch für Einzelwerte?

Bei einigen Werten gibt es zusätzliche Impulse durch individuelle saisonale Verläufe. So zog etwa Microsoft in der Vergangenheit typischerweise ab der zweiten Oktoberwoche bis zur ersten Novemberwoche überproportional an. Der Grund ist anscheinend, dass die Ergebnisse dort oft deutlich besser sind als die Erwartungen. Es gibt aber auch Aktien, die gegen den Trend im Sommer stärker sind als üblich – zum Beispiel das Biotechunternehmen Gilead.

Auf welche Trends können sich Ihrer Ansicht nach die Anleger langfristig verlassen?

Grundsätzlich gibt es einige ökonomische Zusammenhänge, die auf die Börsen wirken. Hohe und vor allem steigende Zinsen belasten tendenziell die Märkte, weil sie die Finanzierungskosten der Unternehmen und die Attraktivität der Anlagealternative „Anleihen“ erhöhen. Niedrige und sinkende Zinsen dagegen beflügeln Aktien, wie wir es ja in den Jahren nach der Finanzkrise eindrucksvoll gesehen haben. Für die europäischen und speziell die deutsche Börse spielt auch die Entwicklung des Euro-Dollar-Kurses eine wichtige Rolle. Ein starker US-Dollar wirkt sich daher tendenziell positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportunternehmen aus.

Das hat sich in diesem Jahr trotz des bärenstarken US-Dollars aber nicht in Kurssteigerungen niedergeschlagen?

Beim starken US-Dollar handelt es sich zwar um einen empirisch festgestellten Trend. Aber dass er in diesem Jahr nicht bestätigt wurde, ist angesichts der gerade in Deutschland hohen Energiepreise nicht erstaunlich.

Die Börsenweisheit von „Sell in May“ fordert ja auch dazu auf, Ende September an die Märkte zurückzukehren. Sind Sie persönlich bereits voll eingestiegen?

Nicht wirklich. Der Oktober hat zwar langjährig gesehen passabel abgeschnitten. Im Dow Jones stieg er über die vergangenen 125 Jahre im Mittel um 0,13 %. Andererseits ist er aber historisch auch der Monat mehrerer großer Börsenkräche. Zudem ist die Inflation zuletzt auf 10 % gestiegen, und die Zentralbanken sind mitten im Zinserhöhungszyklus. Angesichts der vielfältigen Belastungen ist ein bisschen mehr Vorsicht als zu dieser Jahreszeit sonst üblich eine Überlegung wert.

Was macht Ihnen aktuell aus historisch-empirischer Sicht Hoffnung für den Rest des Jahres und 2023?

Der Wahlzyklus in den USA ist ein bekanntes und bewährtes Muster. Das zweite Jahr einer Präsidentschaft ist im langjährigen Durchschnitt das schlechteste. Das hat sich 2022 bisher zum Leidwesen der Anleger eindrücklich bestätigt. Jetzt stehen im November die Zwischenwahlen an. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein. Im dritten und vierten Jahr eines Präsidentschaftszyklus schneiden die Börsen meist besser ab. Denn dann greifen die amtierenden Präsidenten oft zu Wahlgeschenken, um sich eine gute Position für eine Wiederwahl zu sichern.

Können wir uns wenigstens auf die Weihnachtsrallye verlassen?

Weihnachten ist die beste Börsenzeit. Diese Rallye ist statistisch sehr signifikant – auch wenn sie im DAX zwischen 2017 und 2019 dreimal in Folge ausfiel: Langfristig, in den vergangenen 25 Jahren, jedoch haben die Kurse an den Handelstagen zwischen dem 14. Dezember und 2. Januar im Durchschnitt gut 3 % zugelegt. Das sind annähernd zwei Drittel der gesamten Jahresperformance – in nur elf Handelstagen.

Woran liegt das?

Für die Weihnachtsrallye spielt das sogenannte Window-Dressing der Fondsmanager eine gewisse Rolle. Zum Jahresende hübschen sie ihr Portfolio auf und kaufen gut gelaufene Aktien zu. Dazu kommen psychologische Effekte. Die allgemein gute Kauflaune überträgt sich auf Aktien. Wenn dann vielleicht – ausnahmsweise für dieses Jahr – schlechte Nachrichten ausbleiben und vielleicht sogar positive aufkommen, könnte eine Weihnachtsrallye einen kleinen Teil der Jahresverluste wiedergutmachen.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung der comdirect – eine Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 12.10.2022; Quelle: comdirect.de

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