Analyse von L. Mathes / Chartbüro Dr. H.-D. Schulz DAX: Vorsicht ist besser als Nachsicht

Lutz Mathes

In den vergangenen Wochen legten die Aktienmärkte weltweit spürbar zu. Auch der DAX gab kräftig Gas und holte inzwischen deutlich mehr als die Hälfte des vorangegangenen Kurssturzes wieder auf. Technisch bleibt die Lage bei Kursen über 11.000 Punkten bullish. Doch wehe, wenn die Stimmung erneut kippen sollte. Mit etwas Fleiß und einfachen Hilfsmitteln können Anleger vorsorgen.

Lutz Mathes vom Chartbüro – Büro Dr. Hans-Dieter Schulz analysiert einmal im Monat für das comdirect magazin die aktuelle Entwicklung des DAX.

Die unwirkliche Diskrepanz zwischen den wieder vorsichtig aufstrebenden Börsenkursen und den übrigen Nachrichten im Wirtschaftsteil erinnert mich an das Jahr 2008. Die Kurse waren damals im Januar und März in zwei Etappen eingebrochen und erholten sich bis Mai auf über die Hälfte des vorangegangenen Kursverlustes. Es fehlte zwar eine erkennbare Trendwende­formation, aber wenn die Kurse erst einmal 50 % des vorangegangenen Absturzes aufgeholt haben, dann ist das für technisch orientierte Anleger auch ein Zeichen für die wieder erwachenden positiven Marktkräfte. Eine längere Zeit positive Börsenentwicklung beeinflusst auch immer die Berichterstattung und man konnte als Anleger den Eindruck gewinnen, dass die Krise ausgestanden sei. Es kam aber anders. Es folgte der verheerendste Absturz der jüngeren Börsengeschichte bis in den März 2009. Wer zu früh kaufte, verbrannte sich gehörig die Finger.

Heute sprechen die Optimisten davon, dass die Wirtschaft zwar durch Corona kurzzeitig in die Knie gezwungen werde, aber sie sich danach – wie nach einem unglücklichen K.-o.-Schlag – wieder berappeln werde. Allerdings zeigt die Erfahrung auch, dass ein durchschnittlicher Bärenmarkt statistisch 14 Monate andauert. Und mit Blick auf belastbare Konjunkturindikatoren wie Auftragseingänge, Anstieg der Kurzarbeit und die Lage bei Airlines, Touristik und den Dienstleistern im Allgemeinen wird klar, dass wir in ganz Europa bis Ende des Jahres keinen wirtschaftlichen „Normalbetrieb“ mehr hinbekommen werden.

Kursniveau ambitioniert

Vor diesem Hintergrund ist das aktuelle Kursniveau bei gut 80 % des Höchststandes vom Februar dieses Jahres als sehr ambitioniert zu bezeichnen. Ohne die Multimilliarden, die seitens der EU sofort als Nothilfe ins Spiel gebracht wurden, wäre der Markt in normalen Zeiten vermutlich längst erneut unter die Räder gekommen.

Schaut man genauer hin, erkennt man allerdings dennoch das Feuer unter dem Dach: Die Zinszahlungen von Unternehmensanleihen wurden von vielen Schuldnern hinausgezögert. Bereits 14 % haben im Mai später bezahlt, als es im Prospekt vorgesehen war. Und ruft man dieser Tage bei der Hotline seiner Bank an, dann ist der Menüpunkt Nummer eins häufig denjenigen vorbehalten, die über die Stundung ihres Kredites reden möchten. Notleidende Kredite von Häuslebauern sind keine gute Basis für prosperierende Börsen.

Stop-Loss-Limits nachziehen

Noch streben die Kurse allerdings nach oben. Investoren sind daher gut beraten, die Gewinne noch laufen zu lassen. Bullish könnte sich auswirken, dass offenbar die Anleger mit freiem Kapital gegenwärtig mehr Zeit als sonst haben, sich um ihre Geldanlage zu kümmern. Aber angesichts der wirklich dunklen Konjunkturwolken am Horizont empfiehlt es sich, das eigene Depot durchzugehen und bei gefährdeten Werten einen Sturmschutz beispielsweise in Gestalt eines Stop-Loss-Limits zu platzieren. Berücksichtigt man die neuesten Gewinnschätzungen, die bei den US-Bluechips fürs zweite Quartal bei minus 40 % und bei minus 20 % für das dritte Quartal liegen, dann ist der S&P 500 trotz des Einbruchs nämlich erheblich höher bewertet als an seinem Allzeithoch.

Ähnlich dürfte es beim DAX aussehen, für den aber keine so detaillierten Quartalsschätzungen seitens der Unternehmen veröffentlicht werden. Er hat jetzt die im Chart grau eingezeichnete Widerstandszone um 11.600 Punkte erreicht. Eine erneute Konsolidierung mit seitwärts laufenden Kursen ist wahrscheinlich. Ohne die Sogwirkung der zuletzt weiter anziehenden Kurse besteht aber die Gefahr, dass sich die Kauflaune an den Börsen verflüchtigt – so wie schon in den Einkaufszentren. Dann könnte der DAX schnell wieder in den Bereich um 10.600 und 10.300 Punkte zurückfallen, wo die nächsten Unterstützungen liegen. Die Erfahrung spricht dafür, die Gewinne bestehender Positionen mit Stopps zu sichern.

DAX 5-Jahres-Chart vom 27.05.2020
Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Referenzzeitraum: 27.05.2015 bis 27.05.2020, Quelle: comdirect

Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Es handelt sich um die Angabe der Bruttowertentwicklung (siehe „Hinweise zu Chart‐ und Performanceangaben“). Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente dient ausschließlich Informationszwecken und stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Sie soll lediglich Ihre selbstständige Anlageentscheidung erleichtern und ersetzt keine anleger- und anlagegerechte Beratung. Bei den hier dargestellten Informationen und Wertungen handelt es sich um eine Werbemitteilung, die nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit einer Anlageempfehlung oder Anlagestrategieempfehlung genügt. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Darüber hinaus unterliegen die dargestellten Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente keinem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Anlage- oder Anlagestrategieempfehlungen. Stand: 27.05.2020; Quelle: comdirect.de