Streitgespräch Neue Preisblase?

Drei Internetunternehmen gaben im Herbst 2014 ihr Börsendebüt. Selbst für kleinere Unternehmen der Branche wurden Milliarden gezahlt. Droht eine neue Internetblase? Ein Streitgespräch
© Andreas Reeg
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Drei Internetunternehmen gaben im Herbst 2014 ihr Börsen­debüt. Selbst für kleinere Unternehmen der Branche wurden Milliarden ­gezahlt. Droht eine neue Internetblase? Ein Streitgespräch.

compass: Herr Reuss, die Aktie von Zalando kostet das 75-Fache des ­für 2015 erwarteten Gewinnes, Rocket Internet machte in der Vergangenheit vor allem Verluste. Würden Sie in die Aktien investieren?
Michael Reuss:
In den Kursen sind extreme Wachstumsfantasien eingepreist, von denen ich nicht weiß, ob sie sich realisieren lassen. Ich investiere lieber in Unternehmen mit bewährtem Geschäftsmodell, die seit Jahren Gewinne erwirtschaften und ­Dividenden zahlen. Die bekomme ich ­aktuell zu einem vernünftigen Preis.

compass: Dennoch war das Interesse bei beiden Börsengängen groß. Anlegerschützer warnen daher vor einer zweiten Internetblase …
Stefan Mayerhofer: Eine Internetblase sehe ich nicht. Blasen leben von und sterben in Euphorie – und die kann ich aktuell nicht erkennen. 1999 riefen die Kunden bei uns an und wollten Aktien von Unternehmen, die sie noch nicht einmal aussprechen konnten. Heute tun sich Anleger dagegen schwer, überhaupt Aktien zu kaufen.
Michael Reuss: … ein wenig Internet­euphorie ist schon im Markt. Die Bewertungen von Twitter, LinkedIn, Facebook & Co. sind extrem hoch. Ob die Geschäftsmodelle dann am Ende auch funktionieren und die hohen Bewertungen rechtfertigen, bleibt abzuwarten. Mir wäre das Risiko eines Rückschlages zu hoch.

Stefan Mayerhofer: Man kann die Internetbranche nicht über einen Kamm scheren. Beispiel Online-Handel: Da sehen wir Potenzial, aber man muss den Bereich ja nicht über Börsenneulinge abbilden, die keine Historie haben. Der Tierbedarfslieferant Zooplus oder der englische Lebensmittellieferant Ocado beispielsweise liefern gute Ergebnisse und Wachstumsfantasien.

Michael Reuss ist geschäftsführender Gesellschafter der Münchner Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen. Seine Devise: Wert ist wichtiger als Fantasie
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„Viele Internetaktien haben zu hohe Erwartungen eingepreist. Das birgt Rückschlagrisiken.“ Seine Devise: Wert ist wichtiger als Fantasie

Michael Reuss ist geschäftsführender Gesellschafter der Münchner Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen.

compass: Als Facebook 2012 an die Börse ging, wurde auch vor Fantasien gewarnt …
Stefan Mayerhofer: Damals hat man das Geschäftsmodell vielleicht noch nicht richtig verstanden. Erst nach und nach wird klar, dass der Zugang zu mehr als einer Milliarde Nutzern extrem wertvoll ist. ­Gelingt es, das richtig zu transformieren, kann ­daraus eine Cash-Maschine entstehen.
Michael Reuss: Bisher sind Investoren aber bereit, allein für den Zugang zu einer Masse von Menschen viel Geld zu bezahlen. Dem Facebook-Hype könnte beispielsweise die Ernüchterung folgen, wenn junge Menschen das Netzwerk nicht mehr spannend finden.

compass: Facebook hat für den Fotodienst Instagram mit nur einem Dutzend Beschäftigter 1 Milliarde US-Dollar bezahlt, Whats App war dem Netzwerk sogar 19 Milliarden US-Dollar wert – das Dreifache des Börsenwertes der Lufthansa. Stimmen die Verhältnisse noch?
Michael Reuss: Die Politik des billigen Geldes verführt ganz sicher zu Investitionen, die in einem normalen Umfeld nicht getätigt würden. Übernahmen werden womöglich zu teuer bezahlt – und niemand kann heute wissen, ob sich das je rechnen wird. Aber Unternehmen wie ­Facebook haben auch keine andere Wahl, als ihre Marktmacht auszubauen. Nur so lässt sich die Konkurrenz auf Abstand halten.
Stefan Mayerhofer: Die Börse unterliegt immer bestimmten Strömungen. Wenn alle die gleiche Vision von Zukunft haben, entsteht ein Trend, der nur schwer zu stoppen ist. Ob Google, Facebook, Linked­In, Xing: Wir sehen, dass alles in die gleiche Richtung läuft. Als Investor kann man von solchen Strömungen profitieren.

compass: Spielen Bewertungen im Wachstumssegment keine Rolle mehr?
Michael Reuss: Für mich spielt die Bewertung immer eine ganz zentrale Rolle. Wenn ich günstig einkaufe, ist das Rückschlagpotenzial gering. Bei hoch bewerteten Unternehmen kann es rasant nach unten gehen, wenn sich die Erwartung nicht erfüllt. Noch ist dank der Notenbankpolitik viel Liquidität im Markt – eine Finanzierung kann auch ohne nachhaltiges Geschäftsmodell gelingen. Doch wie heißt es so schön: Erst wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer ohne Badehose schwimmt.
Stefan Mayerhofer: Infolge der Finanz­krise sind die Bewertungen aller Vermögensklassen gestiegen. Auch eine Nestlé gibt es längst nicht mehr zum Zwölffachen des Gewinnes, bei Technologiewerten fällt die Wachstumsprämie traditionell höher aus. Zweitens kommt es auf die Wachstums­aussichten an. Microsoft beispielsweise hatte im Jahr 2000 noch ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 200. Heute ist dieses Verhältnis niedriger als bei Nestlé, einem echten Value-Wert. Und drittens: Wenn viel Geld in einem Sektor bewegt wird, geht eine Welle los. Das ist für Investoren dann ganz unabhängig von der Bewertung ­interessant.

Stefan Mayerhofer, Geschäftsführer der Bayerischen Vermögen Asset Management, setzt vor allem auf Trends. Die Internetbranche boomt, eine Blase sieht er nicht
© Florian Jaenicke

„Wir stehen vor tief greifenden Veränderungen, auf die wir uns alle einstellen sollten.“ Er setzt vor allem auf Trends. Die Internetbranche boomt, eine Blase sieht er nicht.

Stefan Mayerhofer, Geschäftsführer der Bayerischen Vermögen Asset Management,

compass: Wie groß ist das Potenzial der Internetbranche?
Stefan Mayerhofer: Sensortechnik, Vernetzungen, künstliche Intelligenz: Wir stehen vor einer neuen Dekade, die starke Veränderungen in allen Bereichen der Wirtschaft mit sich bringt. Facebook und Google haben eine Banklizenz beantragt, die Sparkassen wollen mit Apple Pay kooperieren. Die Technik wird Industrie und Logistik revolutionieren. Anleger sollten sich mit diesen Veränderungen beschäftigen.
Michael Reuss: Veränderungen folgen aber immer dem gleichen Muster: Erst gibt es Euphorie, dann Ernüchterung – und erst danach kommt eine Phase des Wachstums, in der die Unternehmen auch Gewinne realisieren. Ein Beispiel dafür ist die Biotechnologie. Zur Jahrtausendwende gehypt, dann unter die Räder gekommen, denn die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Jetzt langsam verdienen die Unternehmen richtig gutes Geld. Wer in der Ernüchterung gekauft hat, ist gut damit gefahren.

compass: Also alles eine Frage des Timings?
Michael Reuss: Des Timings und der Bewertung. Im Idealfall findet man in der Ernüchterung Wachstumsunternehmen zu einem günstigen Preis. Google haben wir 2008 beispielsweise zum Kurs-Buch-Wert nahe eins gekauft. Bei Apple sind wir 2013 eingestiegen, als sich andere Investoren abgewandt haben. Inzwischen sind schon wieder Fantasien eingepreist, deshalb haben wir die Aktie wieder verkauft.
Stefan Mayerhofer: Das unterscheidet uns. Apple ist ein margenstarkes Unternehmen mit hohen Cash-Reserven und Wachstumsfantasie. Da würde ich auch jetzt noch einsteigen.

compass: Welche Aktie würden Sie aktuell vorziehen: Nestlé oder Alibaba? Der chinesische Online-Händler hat jüngst den größten Börsengang aller Zeiten hingelegt.
Michael Reuss: Nestlé!
Stefan Mayerhofer: Nestlé!

compass: … und auf Sicht von zehn Jahren?
Stefan Mayerhofer: Dann dürfte Alibaba höhere Renditen bringen.