Standpunkt „Wir brauchen einen Marshallplan für Europa“

Eckart Langen von der Goltz denkt, dass eine Rückzahlung der Staatsschulden illusorisch ist
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Die Europäer sollten sich zur Krisenbewältigung am Beispiel der USA orientieren. Das sagt Vermögensverwalter Eckart Langen von der Goltz, Gründer und Mehrheitsgesellschafter der PSM in Grünwald bei München.

compass: Die Europäische Zentralbank kauft seit März jeden Monat Anleihen für 60 Milliarden Euro auf. Fluch oder Segen?
Eckart Langen von der Goltz: Beides. Ein Segen, dass sie endlich zu den richtigen Instrumenten greift. Ein Fluch, denn sie hätte – wie die Fed in den USA – viel früher damit beginnen müssen. Dann wäre uns in Europa einiges erspart geblieben.

compass: Die US-Notenbank hat bereits 2008 mit dem Anleihenkauf begonnen …
Eckart Langen von der Goltz: Die Amerikaner haben rund 8 Billionen US-Dollar neuer Schulden gemacht, um die Wirtschaft aus der Krise zu führen. Das Resultat: Die US-Wirtschaft konnte sich sehr schnell erholen und ist heute in guter Verfassung. In Europa dagegen haben wir gespart und damit die Konjunktur abgewürgt. Das war falsch. Die Arbeitslosigkeit ist in Ländern wie Griechenland oder Spanien explodiert, die Schulden sind trotz der Sparpolitik noch einmal dramatisch gestiegen.

compass: Seit der Jahrtausendwende hat sich die globale Schuldenlast laut einer McKinsey-Studie auf 200 Billionen US-Dollar mehr als verdoppelt. Lassen sich diese Schulden jemals ­zurückzahlen?
Eckart Langen von der Goltz: Nie im Leben. Griechenland ist pleite, und Spanien, Portugal, Italien, Japan und die USA sind es bei ehrlicher Bilanz auch. Eine Rückzahlung der Schulden ist illusorisch, die laufenden Steuereinnahmen reichen nicht mal aus, um die Ausgaben zu finanzieren. Aber es gab sowieso noch nie einen Staat, der seine Schulden zurückgezahlt hat. Entweder er ist pleite­gegangen oder man hat inflationiert. Das Fatale heute ist, dass man aufgrund der rasant gestiegenen Produktivität gar keine Inflation mehr erzeugen kann. Wir werden mit Waren überschwemmt, wie sollen da die Preise steigen?

„Mit den gängigen ­Wirtschaftstheorien lassen sich heute keine Probleme mehr lösen“ – Eckart Langen von der Goltz, Gründer und Mehrheitsgesellschafter der PSM
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Mit den gängigen ­Wirtschaftstheorien lassen sich heute keine Probleme mehr lösen

Eckart Langen von der Goltz, Gründer und Mehrheitsgesellschafter der PSM

compass: Was wäre Ihrer Meinung nach zu tun?
Eckart Langen von der Goltz: Mit den gängigen Wirtschaftstheorien lassen sich heute keine Probleme mehr bewältigen, alle Rezepte aus der Vergangenheit – etwa die Idee, man müsse nur sparen und reformieren – führen zu keiner Lösung. Was wir heute brauchen, ist ein Marshallplan, keinen Sparplan. Da die einzelnen EU-Staaten keinen Marshallplan finanzieren können, müssen die Notenbanken handeln. Die EZB sollte Anleihen in Höhe von 3 bis 5 Billionen Euro begeben und diese Mittel nach einem noch festzulegenden Schlüssel auf alle EU-Staaten verteilen. Nur mit solch einer Art Programm lässt sich die Konjunktur dauerhaft beleben und die Arbeitslosigkeit eindämmen.

compass: Kann man ein Schuldenproblem mit neuen Schulden lösen?
Eckart Langen von der Goltz: Was wäre die Alternative für Europa? Dass die Staaten pleitegehen und wir Massenarbeits­losigkeit bekommen? Ich halte das für sehr gefährlich. In den 30er-Jahren endete das mit einem verheerenden Krieg. Die Verschuldung in den USA, Japan und selbst in China ist übrigens schlimmer als in Europa. Wachstum ohne neue Schulden gibt es nicht. So funktioniert unsere Marktwirtschaft.

compass: Bricht das System nicht irgendwann unter der Schuldenlast zusammen?
Eckart Langen von der Goltz: Schulden der Notenbanken machen mir keine Sorgen. Die EZB wird den Umfang der Anleihekäufe in den kommenden Jahren deutlich aufstocken müssen, auch wenn das heute niemand hören will. Die Rückzahlung wird über lange Zeiträume gestreckt und letzlich inflationiert.

compass: Japan zeigt aber doch, dass billiges Geld allein keine Lösung ist.
vWürde die Notenbank dort nicht massiv Staatspapiere kaufen, wäre Japan bankrott – und wir in einer Depres­sion. Denn dann müsste das japanische Auslandsvermögen von rund 6 Billionen Euro nach Japan zurückgeführt werden, was weltweit zu enormen Verwerfungen führen würde.

compass: Griechenland hat bereits viel Geld ­bekommen, dennoch droht die Pleite.
Eckart Langen von der Goltz: Das Geld wurde zur Rettung der Banken eingesetzt und kam nicht bei den Griechen an. Griechenland braucht einen Schuldenschnitt, um wieder auf die Beine zu kommen. Einen Staatsbankrott oder einen Euro-Austritt, wie ihn einige Öko­nomen fordern, halte ich für gefährlich.

compass: Scheitert der Euro, scheitert Europa, ­sagte einst Bundeskanzlerin Merkel. Stimmen Sie ihr zu?
Eckart Langen von der Goltz: Die Einführung des Euros war das Beste für die Sicherung der Zukunft Europas, was der langjährige Kanzler Helmut Kohl tun konnte – und Deutschland hat davon bisher am stärksten profitiert, weil unsere EU-Partner ihre Währungen nicht mehr abwerten konnten. Wir können heute keine Probleme mehr national lösen. Als Nationalstaaten könnten wir zum Beispiel nicht mit den USA konkurrieren. Das geht heute nur noch in einer Gemeinschaft.