Interview Weltbörsen: Der Optimismus nimmt zu

Amerikanische Flagge vor dem Empire State
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Vermögensverwalter Michael Reuss über den Schwung durch den neuen US-Präsidenten, die Erholung nach der Pandemie und das Comeback der Industriewerte.

Michael Reuss

Michael Reuss ist Geschäftsführender Gesellschafter der im Jahr 2000 gegründeten Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen. Die Münchner Anlagespezialisten belegen regelmäßig Spitzenplätze in Vermögensverwalter-Rankings.

comdirect: Für die nächsten vier Jahre heißt der US-Präsident Joe Biden. Macht Sie das grundsätzlich optimistisch für das Jahr 2021?

Michael Reuss: Biden tut uns gut. Er ist für die Weltpolitik und die Kontinuität der Märkte der bessere Präsident. Trump war aber unter rein wirtschaftlicher Betrachtung für die USA nicht so schlecht. Er hat Bürokratie abgebaut, Steuern gesenkt und den Zukunftskonflikt mit China erkannt. Auch unter Biden wird der Konflikt mit China bleiben. Der neue Präsident wird aber insbesondere gegenüber Europa deutlich verbindlicher auftreten.

comdirect: Biden hat mit dem überraschenden Erfolg bei den Nachwahlen in Georgia den Durchmarsch in beiden US-Kammern geschafft und kann jetzt durchregieren. Was bedeutet das für Wirtschaft und Märkte?

Reuss: Ganz optimal ist dieser Durchmarsch aus meiner Sicht nicht. Mittelfristig drohen Steuererhöhungen, und auch eine Aufspaltung der Tech-Unternehmen ist nicht auszuschließen. Das lässt sich aber jetzt noch nicht wirklich beurteilen. Positiv für die Märkte ist in jedem Fall, dass die monetären und fiskalpolitischen Spritzen anhalten und sogar verstärkt werden. Das Geld wird nach einer Anlage suchen – und damit dürfte der Konjunktur- und Börsenmotor weiterlaufen.

comdirect: Halten Sie eine Aufspaltung der Tech-Konzerne wirklich für realistisch?

Reuss: Google/Alphabet, Facebook und Amazon stehen zunehmend wegen ihrer Marktmacht in der Kritik; nicht nur in Europa, sondern auch in den USA. Eine Aufspaltung ist nicht auszuschließen. Wenn sie denn kommen sollte, würde das kurzfristig für Verwerfungen sorgen. Mittel- und langfristig aber hat sich gezeigt, dass bei solchen Entflechtungen die Summe aller Teile mehr wert ist als der ehemalige Mutterkonzern. So war es bei der Aufspaltung von Standard Oil vor mehr als 100 Jahren oder auch bei der Entflechtung von AT&T in sieben regionale Telefongesellschaften.

comdirect: Welche Faktoren stimmen Sie für eine wirtschaftliche Erholung der USA optimistisch?

Reuss: Seit November nimmt der Optimismus zu. Denn mit dem Beginn der Impfungen wird das Jahr 2021 wieder planbar. Die Monate bis zum Frühjahr werden zwar noch schwer werden. Danach aber dürften sich die massiven Impulse durch die Fiskalpolitik auswirken. Biden hat neben Finanzhilfen für die bedürftigen Bürger große Investitionen angekündigt – insbesondere in Infrastruktur, Nachhaltigkeit und regenerative Energien. Diese enormen Stimulationsprogramme treffen auf einen Markt mit aufgestauter Nachfrage. Das sollte einen positiven Effekt auf das Wachstum und grundsätzlich auch auf die Börsenkurse haben.

comdirect: Also könnte sich auch die Outperformance der US-Märkte fortsetzen?

Reuss: Da bin ich eher skeptisch. Ich würde die USA 2021 nicht mehr gegenüber den anderen großen Weltregionen übergewichten. Der wesentliche Grund dafür ist, dass der Trend zu den Technologieaktien temporär erlahmen könnte. Der jüngste Hype bei den Neuemissionen wie Airbnb deutet auf eine zunehmende Überhitzung hin. 2020 war ein sehr selektives Börsenjahr. Die USA profitierten von dem Run auf die großen Hightech-Werte und Asien von der vergleichsweise schnellen Erholung von der Pandemie. 2021 dürfte die Tendenz über die regionalen Märkte gleichmäßiger verlaufen.

comdirect: Also steht Europa wieder mehr im Fokus?

Reuss: Europa ist zwar immer noch kein harmonisches Anlagegebiet. Aber ähnlich wie etwa Japan mit seinem starken Export nach China kann Europa von einem breiten Aufschwung der Weltwirtschaft profitieren. Dafür spricht die Stärke der europäischen und insbesondere der deutschen Industrie, die beide von der Konjunkturentwicklung abhängen. Unternehmen aus zyklischen Branchen wie Chemie oder Maschinenbau dürften profitieren. Zudem setzen inzwischen auch ehemals konventionelle Stromanbieter wie RWE mit einem großen Investitionsprogramm auf den Megatrend Nachhaltigkeit.

comdirect: Sehen Sie Aufholpotenzial bei den stärksten Corona-Verlierern, etwa in der Touristik und der Luftfahrt?

Reuss: Entscheidend ist, ob sich deren Geschäftsmodell nach Ende der Krise nahezu unverändert wieder aufnehmen lässt. Das halte ich etwa in der Luftfahrt für fraglich. Denn die Pandemie hat gezeigt, dass so mancher Geschäftsbesuch durch eine Videokonferenz ganz gut ersetzbar ist. Im Tourismus wird es in einigen Bereichen zu Nachholeffekten kommen. Davon sollten zum Beispiel Buchungsplattformen profitieren. Es gibt aber auch Corona-Verlierer aus weniger beachteten Sektoren, die schnell wieder durchstarten können. Beispiel Lachszüchter: Lachs gehört zu den begehrtesten Speisefischen und wird in der Wildvariante zunehmend knapp. Durch den Shutdown wird gerade weniger Fisch gebraucht. Aber wenn die Gastronomie wieder öffnet, ist der Lachs der Züchter sofort wieder gefragt.

comdirect: Was bedeutet Bidens Präsidentschaft für China und die dortigen Aktienmärkte?

Reuss: China spielt seine Machtstellung aus. Das Land orientiert sich zunehmend auf seine eigenen Bedürfnisse und den Binnenmarkt. Die unlängst beschlossene pazifisch-asiatische Handelszone dürfte zusätzlichen Schwung bringen. China ist für Anleger eindeutig der interessanteste Markt in Sachen Wachstum. Aber er ist auch ein schwieriger Markt, wie man gerade an den Verwerfungen rund um Alibaba sieht. Der Machterhalt und die Interessen der Partei stehen im Zweifel über allem. In China sollten Anleger daher möglichst breit streuen. Fonds sind besser geeignet als ETFs. Denn in den ETFs sind viele Staatsbetriebe hoch gewichtet, die nicht immer nach Effizienzkriterien gesteuert werden.

comdirect: Wo sehen Sie 2021 die größten Gefahren für die Märkte?

Reuss: Die aktuelle Bewertung an den Märkten beruht auf drei Pfeilern: eine Eindämmung der Pandemie durch Impfung, eine wirtschaftliche Erholung und eine weitere Stimulierung durch fiskalpolitische und monetäre Maßnahmen. Enttäuschungen bei der Impfkampagne würden die Erholung verzögern. Radikal ändern würde die Situation ein plötzlicher Anstieg der Zinsen. Das würde die Staatshaushalte zerreißen und soll und wird auf jeden Fall verhindert werden. Statt Zinsen erwarte ich 2021 durchaus wieder eine höhere Geldentwertung, einen temporären „Inflationsblubb“. Damit wären Inflationsängste und sehr volatile Märkte möglich. Außerdem könnten geopolitische Störfeuer wieder zunehmen, und einige Länder wie etwa die Türkei sind in zunehmend schwierigen Schuldensituationen.

comdirect: Der DAX knackt mitten in der Pandemie die 14.000-Punkte-Marke, Dow und Nasdaq sind längst über ihre alten Rekorde hinaus. Sind die Märkte nicht schon zu stark gelaufen, um jetzt zu investieren?

Reuss: Ja, die Indizes notieren auf Spitzenwerten, und im historischen Vergleich sind Aktien gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis recht hoch bewertet. Aber wir hatten eben auch noch nie Zinsen von minus 0,5 % für zehnjährige Bundesanleihen. Solange die Zinsen im Keller sind, sehe ich Aktien als Anlageklasse mit den relativ größten Chancen – auch wenn immer Kursverluste bis hin zum Totalverlust möglich sind. Insbesondere Blue Chips mit langfristig steigenden Dividenden können 2021 wieder verstärkt in den Fokus kommen. Wenn das Geschäftsmodell stimmt, bieten sie langfristig hervorragende Perspektiven.

comdirect: Also kann man auf Timing verzichten?

Reuss: Ein effizientes Timing ist bei der Geldanlage kaum möglich. Für langfristig orientierte Anleger spielt es auch keine übergroße Rolle. Aber wer sich angesichts der stark gestiegenen Kurse vor einem sofortigen Kompletteinstieg scheut, kann über Sparpläne einsteigen oder die sogenannte „Drittelregel“ anwenden: ein Drittel sofort investieren, ein Drittel bei starken Kursbewegungen nach unten oder oben, ein Drittel nach einem Jahr.

comdirect: Wenn Anleihen keine Renditen mehr bringen: Können dann Immobilien, Gold oder Bitcoins für mehr Balance in den Portfolios sorgen?

Reuss: Echte Anlagealternativen zur Aktie sind knapp. Bei Immobilien zur Vermietung bin ich skeptisch. Die Kaufnebenkosten und Unterhaltskosten sind bei Wohnimmobilien hoch und die Renditen aufgrund der gestiegenen Preise sehr niedrig. Büroimmobilien leiden unter dem Trend zum Homeoffice. Gold ist dagegen in Zeiten der Extremverschuldung und der negativen Realzinsen in größeren Portfolios sinnvoll. Denn das Edelmetall hat sich über Jahrtausende als Währung der letzten Instanz bewährt. Für sich allein bleibt Gold aber spekulativ und volatil, 5 bis 10 % Depotanteil scheinen mir eine gute Beimischung.

comdirect: Und Bitcoin oder andere Digitalwährungen?

Reuss: Bitcoin und andere digitale Währungen sind interessante Spekulationsinstrumente. Die Grundidee der einfachen Transaktion und der begrenzten Vermehrung ist gut. Aber drei Fragen konnte mir bisher noch niemand beantworten: Wer hat Bitcoin erfunden, wie funktioniert es genau und wer ist der größte Anteilseigner? Dass Hacker-Erpressungen immer häufiger in Bitcoin-Zahlungen enden, trägt auch nicht zur Vertrauensbildung bei. Ich bin überzeugt: Notenbanken werden eine elektronische Währung nur zulassen, wenn sie auch die Kontrolle darüber haben. Als Wertaufbewahrungsinstrument fällt Bitcoin deshalb für mich aus.

Aktien und Aktienfonds unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente dient ausschließlich Informationszwecken und stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Sie soll lediglich Ihre selbstständige Anlageentscheidung erleichtern und ersetzt keine anleger‐ und anlagegerechte Beratung. Bei den hier dargestellten Informationen und Wertungen handelt es sich um eine Werbemitteilung, die nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit einer Anlageempfehlung oder Anlagestrategieempfehlung genügt. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Darüber hinaus unterliegen die dargestellten Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente keinem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Anlage‐ oder Anlagestrategieempfehlungen. Stand: 18.01.2021; Quelle: comdirect.de.