Interview Gesundheitsmarkt „Wir müssen mehr impfen“

Nahaufnahme der Hand eines Arztes, der einen Patienten mit der Spritze impft

Biotech-Experte Kristoffer Unterbruner über den nächsten Corona-Winter und die Chancen der Gesundheitsindustrie.

Portrait Kristoffer Unterbruner

Kristoffer Unterbruner ist seit 2018 Analyst/Portfoliomanager bei der Münchner Medical Strategy, die zu den führenden europäischen Investment­beratern und Fondsmanagern im Bereich Healthcare gehört. Unterbruner hat in Wien Molekulare Biotechnologie mit Spezialisierung auf Immunologie studiert.

comdirect: Herr Unterbruner, halten Sie den Gipfel der Corona-Virus-Pandemie dank der Impfungen für überschritten?

Kristoffer Unterbruner: Ich fürchte nein. Für diesen Winter muss aufgrund der hochinfektiösen Delta-Variante noch einmal mit einem starken Anstieg der Inzidenzen gerechnet werden. In Deutschland reichen die Impfquoten von 60 bis 70 % nicht aus, um die Pandemie zu stoppen. Allerdings sollte die Anzahl der schweren Verläufe absinken, weil bei vollständig Geimpften das Risiko für Krankenhaus- und Intensivstationsaufenthalte oder gar tödliche Verläufe deutlich sinkt. Covid-19 wird uns aber weiterhin begleiten. Zumindest solange die Impfquoten nicht ausreichend sind – in Deutschland und weltweit.

comdirect: Drohen neue Virusvarianten?

Kristoffer Unterbruner: Durchaus. Neue Varianten haben sich bisher schnell durchgesetzt, weil sie immer infektiöser waren als ihre Vorgänger. Das Problem: Wir wissen nicht, ob etwaige neue Varianten noch viel gefährlicher sind als die bisher bekannten. Möglich ist auch, dass die bisher sehr wirksamen Impfungen gegen neue Varianten nicht mehr ausreichend schützen.

comdirect: Was ist zu tun?

Kristoffer Unterbruner: Impfen, impfen, impfen. Das gilt für Deutschland und die europäischen Nachbarn. Hier muss weiter Überzeugungsarbeit geleistet werden. Aber in unserem ureigenen nationalen und europäischen Interesse ist es auch, dass global viel mehr geimpft wird. Die Impfquoten in vielen afrikanischen Ländern sind noch einstellig. Herdenimmunität kann so in der globalisierten Welt nicht erreicht werden. Wir müssen mehr impfen – in Deutschland und weltweit.

comdirect: Die Impfstoffforschung war ein großer Erfolg. Aber wirksame Medikamente gegen Covid-19 gibt es bisher noch nicht wirklich. Können wir in naher Zukunft mit einem Durchbruch rechnen?

Kristoffer Unterbruner: Im Vergleich zum Impfstoff-Erfolg hat es bislang keinen vergleichbaren Durchbruch bei Medikamenten gegeben. Sehr vielversprechend erscheinen erste Daten einer antiviralen Behandlung von Merck, die die Vermehrung der viralen RNA stört. Mittelfristig ist also davon auszugehen, dass wirksame Behandlungen entwickelt werden, ein „Wundermittel“, das vielleicht sogar Impfungen unnötig machen würde, sehe ich aber nicht. Covid-19-Behandlungen müssen möglichst früh nach einer Infektion verabreicht werden und sind zudem sehr teuer.

comdirect: Welche Faktoren sprechen aus Anlegersicht für Investitionen in den Gesundheitsmarkt?

Kristoffer Unterbruner: Gesundheit ist der zentrale Faktor für ein langes und gutes Leben. Der demografische Wandel mit der alternden Bevölkerung gibt einen starken Anreiz für innovative Produkte. Mit dem Alter nehmen auch Volkskrankheiten wie Diabetes und koronare Herzerkrankungen zu, die mit entsprechenden Medikamenten immer besser im Griff zu halten sind. Aber auch jüngere Menschen haben in unserer Gesellschaft ein stärkeres Gesundheitsbewusstsein als vergangene Generationen. Zudem wächst in Asien, allen voran in China, eine neue Mittelschicht heran, die den Wunsch und die Mittel hat, für Gesundheitsdienstleistungen zu zahlen. Der Gesundheitsmarkt ist damit ein globaler Wachstumsmarkt.

„Die Impfquoten in vielen afrikanischen Ländern sind noch einstellig. Herdenimmunität kann so in der globalisierten Welt nicht erreicht werden. Wir müssen mehr impfen – in Deutschland und weltweit.“

Kristoffer Unterbruner, Analyst/Portfoliomanager der Münchner Medical Strategy

comdirect: Bei welchen Krankheiten erwarten Sie in den kommenden Jahren große medizinische Durchbrüche?

Kristoffer Unterbruner: Die Biotechnologie entwickelt sich rasant. Das Immunsystem wird immer besser verstanden. In der Onkologie wird viel geforscht und die Lebenserwartung von Krebspatienten dürfte in den nächsten Jahren noch einmal steigen. Auch für seltene Krankheiten, für die es bisher keine Therapieoptionen gab, sind inzwischen Ansätze erkennbar. Bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder Huntington waren bisherige Therapieansätze nicht erfolgreich. In dem Gebiet wird aber ebenfalls sehr viel geforscht, und sollte es hier einen Durchbruch geben, wäre dies ein Meilenstein für unsere Gesellschaft.

comdirect: Sind die Biotech-Unternehmen angemessen bewertet?

Kristoffer Unterbruner: Das kann man pauschal nicht beantworten. Bei dem aktuellen Zinsniveau sind grundsätzlich höhere Bewertungen möglich. Je innovativer die Unternehmen, desto höher sind die Chancen. Gleichzeitig steigen aber auch die Risiken, wenn es zu Forschungsfehlschlägen kommt. Die größten Gewinner waren zuletzt die Hersteller von mRNA-Impfstoffen wie BioNTech oder Moderna. Auf Basis der aktuellen Gewinnzahlen haben sie sogar ein einstelliges Kurs-Gewinn-Verhältnis. Aber das Jahr 2021 ist ein Ausnahmejahr. Den aktuellen Peak bei Umsätzen und Gewinnen werden sie mit Covid-19-Impfstoffen allein kaum halten können. Wichtig erscheint mir, dass diese Unternehmen ihr gewonnenes Kapital strategisch gut nutzen – für eigene Forschung oder auch für Übernahmen.

comdirect: Erfährt der Biotech-Sektor nach dem Erfolg von BioNTech in Deutschland und Europa eine Aufwertung?

Kristoffer Unterbruner: Ich hoffe es. Die deutsche Biotechnologie ist in Forschung und Entwicklung durchaus stark, aber es fehlt das Kapital und der Schritt zum Unternehmen ist oft zu weit. Aber BioNTech hat gezeigt, wie wettbewerbsfähig die Branche sein kann, wenn sie entsprechend gefördert wird. Noch sehe ich jedoch in der europäischen Venturecapital-Szene kein großes Umdenken. Anders ist die Investmenteinstellung in den USA. Dort sind allein seit Anfang 2020 fast 200 neue Biotech-Unternehmen an die Börse gegangen.

comdirect: Sind klassische Pharmaunternehmen noch Wachstumsunternehmen oder profitieren sie nur noch durch Biotech-Übernahmen?

Kristoffer Unterbruner: Neue Wirkstoffe und Therapien kommen heute weitgehend aus den Biotech-Schmieden. Vielen Blockbuster-Produkten der Pharmaunternehmen stehen Patentabläufe bevor und die wegfallenden Umsätze müssen durch neue, innovative Produkte ausgeglichen werden. Gleichwohl hat auch die Pharmabranche ihre Vorzüge. Big Pharma hat enorme Herstellungskapazitäten, die nötige Vertriebsstruktur und Expertise, aber auch die über Jahrzehnte gewachsenen Kontakte zu den Gesundheitsbehörden, die für Zulassungen extrem wichtig sind. Dieses Know-how ist viel wert und bei innovativen Biotech-Unternehmen nicht in gleichem Umfang vorhanden. Von der Zusammenarbeit profitieren also beide Seiten. Big Pharma wächst zwar langsamer, aber die Unternehmen können durchaus langfristig attraktive Portfoliopositionen darstellen.

comdirect: Wie schätzen Sie die Chancen der Unternehmen aus den Segmenten Medizintechnik, Labor- und Hilfsmittel ein?

Kristoffer Unterbruner: Auch die Medizintechnik hat sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt. Allerdings gibt es zwischen Medtech und Biotech einen entscheidenden Unterschied. Biotechnologische Durchbrüche wie bei der Impfstoffforschung ähneln Revolutionen. In der Medizintechnik kommen solche Sprünge zwar auch vor, aber sie sind sehr selten. Meistens geht es hier um Evolution – die Weiterentwicklung und Optimierung bereits vorhandener Technologien. Entsprechend anders sind die Märkte strukturiert. Unter Rendite-/Risikoaspekten ähneln Medtechs eher der klassischen Pharmazie.

comdirect: Müssen wir bereit sein, dauerhaft mehr in Gesundheit zu investieren?

Kristoffer Unterbruner: Die Menschen möchten möglichst lange bei möglichst guter Gesundheit leben. Eine gesunde Gesellschaft ist deshalb das Ziel jeder entwickelten Gesellschaft. Im vergangenen Jahrhundert haben wir uns in den Industrienationen diesem Ziel immer weiter angenähert. Der Wunsch nach besseren Behandlungen besteht weiterhin. Das kostet Geld, aber es sollte es uns wert sein.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect, sondern die eines Dritten wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 19.10.2021; Quelle: comdirect.de