- „Die USA bleiben weiterhin der mit Abstand wichtigste Markt.“
- „Asiatische Schwellenländer profitieren von Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum.“
- „Anlegende sollten niemals das „8. Weltwunder“ unterschätzen – den Zinseszins.“


Christian Subbe ist seit 2024 Geschäftsführer und Chief Investment Officer (CIO) von HQ Trust. HQ Trust ist das Multi Family Office der Familie Harald Quandt, das Vermögen von Privatpersonen, Familien, kirchlichen Einrichtungen und Stiftungen sowie institutionellen Anlegern verwaltet. Zuvor war der Diplom-Volkswirt bei der Frankfurter Leben Gruppe als Mitglied der Geschäftsleitung für den Bereich Kapitalanlagen verantwortlich und in leitenden Positionen für Deka Investment und Allianz Global Investors tätig.
Mit Ausnahme vom DAX haben fast alle Indizes im 1. Halbjahr kräftig zugelegt – trotz Iran-Krieg und Ölpreisanstieg. Kann das im 2. Halbjahr so weitergehen?
Der Börsenaufschwung hält nunmehr seit fast 4 Jahren an. Selbst große externe Schocks wie die Kriege haben ihn immer nur sehr kurzzeitig unterbrochen. Über den Sommer könnte es – wie gewohnt in der warmen Jahreszeit – durchaus etwas volatiler werden. Aber grundsätzlich dürfte der positive Börsentrend noch anhalten. Allerdings sind die Zinsen wieder höher und damit gibt es Alternativen. Auf Zinssenkungen, die die Börsen antreiben, müssen wir wohl noch länger warten. Zudem sind die Bewertungen der Unternehmen in der Technologiebranche ambitioniert. Solch außerordentliche hohe Renditen wie in den vergangenen Jahren sollten Anleger daher eher nicht erwarten.
SpaceX ist hoch bewertet an die Börse gegangen. Anthropic und OpenAI könnten 2026 noch folgen. Ist das eine Gefahr für den heiß gelaufenen Aktienmarkt?
Das glaube ich nicht unbedingt. Eher setzt sich der Favoritenwechsel fort. Schon seit Längerem sehen wir eine Verbreiterung weg von den Magnificent Seven, also den MAG 7, in die 2. und 3. Reihe. Anfang des Jahres gab es auch steigende Kurse bei den Industrieunternehmen. Der spektakuläre Börsengang von SpaceX und voraussichtlich bald die IPOs von Anthropic und OpenAI führen eher zu einer Verschiebung und Neuverteilung des Kapitals. Die MAG 7 könnten daher noch etwas länger unter Druck bleiben. Aber dauerhaft ergeben sich daraus auch neue Chancen. Wenn die Bewertung bei Unternehmen wie Microsoft heruntergeht, ist das eher ein Anlass, aufzustocken. Solche Unternehmen bleiben ein Kerninvestment in der Technologiebranche.
Andere Branchen wie Pharma oder Konsum hinken schon seit einiger Zeit den großen Indizes hinterher und sind günstig bewertet. Können sie Technologie als Zugpferde an der Börse ablösen?
Das wird zumindest in diesem Jahr eher nicht passieren. Aktuell profitiert die Halbleiterindustrie weiterhin vom KI-Boom und den stark steigenden Preisen für Chips. Sie hat die Banken und die MAG 7 als Boom-Sektoren abgelöst. Dieser Trend könnte durchaus eine Zeit lang anhalten. Luxusgüter leiden dagegen weiterhin stark unter der zurückgegangenen Nachfrage aus China. Der Pharmasektor ist im Wartestand und für eine signifikante Outperformance bei Konsumwerten müsste die Konjunktur auf breiter Front anziehen.
Und der Energiesektor?
Die Energiebranche ist eine Wachstumsbranche und das spiegelt der Markt noch nicht vollends wider. In der Ukraine- und in der Iran-Krise haben die Staaten erst wirklich erkannt: Energie-Infrastruktur und Energiesicherheit liegen im nationalen Interesse. Stromausfälle wie in den USA und in Ansätzen auch in Deutschland dürfen nicht vorkommen. Außerdem steigt der Strombedarf künftig aufgrund der weltweiten Energiewende und dem hohen Bedarf der Rechenzentren stark. Davon profitieren Spezialisten für Energie-Infrastruktur, Nukleartechnik und Naturgas, aber auch die klassischen Versorger. Sie gehören zu den Value-Werten, die mit ihren niedrigeren Bewertungen und höheren Dividendenrenditen zuletzt schon wieder stärker gefragt waren.
In welchen Regionen sehen Sie mittelfristig das meiste Potenzial?
Die USA bleiben weiterhin der mit Abstand wichtigste Markt. Die makroökonomischen und politischen Faktoren sprechen für einen Vorsprung des US-Marktes vor Europa. Das Wachstum ist höher und die Arbeitslosigkeit geringer. Dazu kommt der positive Einfluss der betrieblichen Altersvorsorge in den USA über Pensionsfonds: Monat für Monat investieren diese Pensionsfonds für die amerikanischen Arbeitnehmer gewaltige Summen in den Börsenmarkt. Sie werden vor allem in ETFs auf US-Indizes und im MSCI World platziert, der ja auch um die 70 % USA-Anteil hat. Das stützt den Aufwärtstrend an den amerikanischen Börsen.
Der DAX blieb seit Sommer 2025 weit hinter der Konkurrenz zurück. Woran liegt das? Kann der „Sommer der Reformen“ einen Push geben?
Der DAX leidet darunter, dass die Highflyer der vergangenen Jahre wie SAP und Siemens Energy unter Druck gekommen sind. Gleichzeitig steht die Automobilindustrie weiter unter massivem Druck. Zudem verhindern trotz erster Reformpakete hohe Energiekosten und hohe Arbeitskosten einen echten Aufschwung.
Wo sind die Aussichten besser?
Eindeutig in den asiatischen Schwellenländern. Sie profitieren von einem viel dynamischeren Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum. Fiskal- und Zinspolitik sind ebenfalls stabil und der Wohlstand erhöht sich in breiten Bevölkerungsschichten. In Europa nehmen wir diese Entwicklungen nicht so wahr. Zudem gibt es Aktienmärkte wie Taiwan oder Korea, die stark vom KI-Boom profitieren. Und schließlich machen viele professionelle Anleger aufgrund der chaotischen Politik von Donald Trump einen gedanklichen Shift: weg vom Atlantik, hin zum Pazifik.
Die Zinsen sind inzwischen weitgehend stabil – und hoch. Lohnen sich Anleihen wieder und in welchen Segmenten?
Ich bin nicht der Ansicht, dass Staatsanleihen aufgrund der hohen Verschuldung nicht ins Portfolio sollen. Die langfristigen Zinsen liegen aktuell nahe der oberen Kante. Es kann vielleicht noch ein paar Zehntel nach oben gehen, mehr aber nicht. Staatsanleihen sind da als Beimischung okay. Aber ich würde eher zu Unternehmensanleihen und staatsnahen Papieren wie Hypothekenanleihen greifen. Mit ihnen konnten zuletzt höhere Renditen erzielt werden und das sollte bis auf Weiteres so bleiben.
Auch Gold und Bitcoin haben zuletzt gelitten: Wo würden Sie eher investieren?
Immer bei Gold. Ich bin über das Währungsmanagement in die Finanzbranche gekommen. Schon diese Märkte waren ganz schwer zu greifen. Bitcoin und andere Kryptowährungen sind es noch weniger. Es gibt keinen inneren Wert, kaum Historie. Bitcoin sind für mich ein Spekulations- und kein Anlageinstrument. Bei Gold dagegen haben wir eine Historie und eine grundsätzliche Stabilität über 2000 Jahre. Es gibt eine sehr begrenzte Produktion über etablierte Goldminen und es dauert Jahre, um eine neue Mine zu eröffnen. Es gibt also ein sehr eng begrenztes Angebot, das auf eine recht stabile Nachfrage trifft: Sie beruht auf den Pfeilern physisches Gold und Schmuckgold, der Zentralbanknachfrage und dem Anlagekapital.
Warum ist der Kurs dann in den vergangenen 12 Monaten so heftig Achterbahn gefahren?
Die Nachfrage aus der Schmuckbranche ist sehr stabil. Sie wird unterstützt durch Wohlfahrtssteigerungen in Asien, weil dort Ersparnisse oft in Gold und Goldschmuck investiert werden. Die Nachfrage der Zentralbanken hat in den vergangenen Jahren zugenommen, weil sich die Länder mit Gold sicherer fühlten als mit US-Anleihen. Diese beiden Anker haben den Goldpreis seit 2024 schon deutlich ansteigen lassen. Um die Jahreswende kam dann eine starke spekulative Nachfrage von institutionellen und privaten Anlegern hinzu. Alle Medien überschlugen sich und bei Google trendeten die Stichworte „Gold“ und „Goldanlagen“ enorm. Der Ausbruch des Kriegs im Iran hat diese Blase platzen lassen. Bei den aktuellen Preisen knapp über 4.000 Dollar pro Unze hat sich der Goldpreis stabilisiert. Jetzt sollten wir wieder in einen normalen Zyklus mit leichten Preissteigerungen gehen.
Ein kleiner Teil Gold kann also als Absicherung dienen. Aber wo sollten die deutschen Anlegerinnen und Anleger den Großteil ihres Kapitals platzieren?
Natürlich in Aktien. Deutsche Anleger sind grundsätzlich eher risikoavers und scheuen die Kapitalmärkte. Aber sie sollten bedenken: In den vergangenen 10 Jahren haben die Märkte eigentlich im permanenten Krisenmodus gelebt. In jedem Jahr gab es kleinere oder große Herausforderungen wie Corona, die Kriege in der Ukraine, in Gaza und im Iran. Trotzdem hat sich der globale Aktienmarkt aus Sicht eines Euro-Anlegers in den vergangenen 10 Jahren verdreifacht. Das ist überdurchschnittlich gut. Aber selbst wenn es in den nächsten Jahren etwas weniger sein sollte: Auch bei 6 bis 8 % jährlicher Rendite verdoppelt sich das Kapital binnen 10 Jahren. Anlegerinnen und Anleger sollten niemals das „8. Weltwunder“ unterschätzen – den Zinseszins.
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Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect – einer Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 15.07.2026; Quelle: comdirect.de
