Interview Automobilwirtschaft: „Hybrid-Technik ist eine Mogelpackung“

Ladesäulen auf einem IKEA-Parkplatz in Magdeburg
© Heiko119 via Getty Images/iStockphoto

Automobilanalyst Frank Schwope über den Durchbruch der Elektromobilität, die exorbitante Bewertung des Highflyers Tesla und die Aussichten für die Brennstoffzelle.

Frank Schwope

Frank Schwope gehört zu den profiliertesten deutschen Experten im Sektor der Automobilaktien. Seit über 20 Jahren ist der Analyst bei der Nord/LB beschäftigt.

comdirect: Herr Schwope, das Jahr 2020 war extrem schwierig für die Automobilbranche. Wird es 2021 einfacher?

Frank Schwope: In der Tat war 2020 für die Automobilwirtschaft das schlechteste Jahr seit Langem. Weltweit lag das Minus beim Gesamtabsatz bei rund 15 %. Im laufenden Jahr kann es eigentlich allein aufgrund des Basiseffektes nur aufwärtsgehen. Wir hoffen natürlich auf das Abschwellen der Pandemie. Wenn die Impfungen greifen, wird die Entwicklung positiv sein. Aber die Absatzzahlen des Jahres 2019 werden frühestens 2022 wieder erreicht, vielleicht auch erst im Jahr 2023.

comdirect: Warum? Reicht der Schwung aus dem wichtigsten Absatzmarkt China nicht aus?

Schwope: Wohl kaum. China ist extrem wichtig, aber kann allein nicht die Bilanz der gesamten Automobilwirtschaft retten. Zwar war hier die Entwicklung bei den Zulassungen dank der besseren Corona-Situation deutlich besser als in Europa. Aber dabei half der chinesische Staat auch kräftig mit. Und man darf nicht vergessen, dass die Neuzulassungen in China in den vergangenen drei Jahren zurückgegangen sind. Wenn die staatlichen Prämien gekürzt werden, könnte der Schwung überdies wieder etwas nachlassen.

comdirect: Immerhin scheint sich weltweit die E-Mobilität durchzusetzen, inzwischen sogar in Deutschland.

Schwope: Die Prämien haben hierzulande einen wichtigen Schub gegeben. 9.000 Euro für reine Elektroautos und 6.750 Euro für Plug-in-Hybride sind wirklich lukrativ. So werden Elektroautos zunehmend preislich konkurrenzfähig. Zugleich machen sich die Skaleneffekte auch bei den Produzenten bemerkbar. Mehr Autos und bessere Auslastung bedeuten geringe Kosten pro Auto, die dann auch weitergegeben werden können. Zudem dürfte sich mancher Neuwagenkäufer die Frage stellen, ob er in ein paar Jahren seinen konventionell angetriebenen Wagen noch zu akzeptablen Preisen verkaufen kann.

comdirect: Gilt das aber nicht ebenfalls für einen gebrauchten BMW i3 oder Nissan Leaf mit kleinen Batterien, wie sie vor drei bis sechs Jahren noch üblich waren?

Schwope: Das ist richtig. Der Staat macht mit seinen Neuzulassungsprämien die Preise für elektrisch betriebene Gebrauchtwagen kaputt. Wenn ein fünf Jahre alter BMW i3 oder Nissan Leaf kaum billiger ist als der gleiche Neuwagen nach Abzug der Prämien, wird sich kein Interessent für das Altauto entscheiden. Zumal das ja in der Regel auch noch eine kleinere Reichweite hat. Die Preise für elektrische Gebrauchtwagen müssen also deutlich sinken und die „First Mover“ werden bestraft. Aber das ist eigentlich immer so, wenn es rasche technologische Fortschritte gibt. Denken Sie etwa an Computertechnik in den 1990er-Jahren. Ein neuer Laptop war da nach drei Jahren kaum noch etwas wert.

comdirect: Wo sehen Sie aktuell die Kernprobleme bei der E-Mobilität in Deutschland und weltweit – Infrastruktur, Reichweite oder ist es der Preis?

Schwope: Aktuell ist sicher die Infrastruktur fürs Stromladen das Nadelöhr. Der Ladevorgang dauert zu lange, egal ob zu Hause oder woanders. Wenn Schnellladen in zehn Minuten möglich ist, gibt es kaum einen Unterschied zum klassischen Tanken. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik. Bei steigenden Zulassungszahlen gibt es zudem in Städten zu wenige Lademöglichkeiten. Vielleicht muss man alle Laternensäulen mit Steckdosen ausrüsten. Die Reichweite ist bei günstigeren E-Autos noch nicht wirklich ausreichend, um alle Zwecke zu erfüllen. Bis auf Weiteres wird auch der Preis trotz Prämien noch höher sein als bei einem klassischen Antrieb. Ein weiteres Problem sind vorerst die Kapazitäten: Aktuell warten Käufer sehr lange auf ihren Neuwagen.

comdirect: Angesichts von Reichweite und Infrastruktur: Geht der Trend bei E-Autos nicht in die falsche Richtung – teure SUVs und hochkarätige Limousinen statt leichter Stadtautos zum günstigen Preis?

Schwope: Das größere Geschäft machen Automobilhersteller traditionell mit den größeren und teureren Autos. Der ID.3 entspricht in etwa dem Golf, der ID.4 dem Tiguan und ist entsprechend teurer. Vermutlich wird sich der ID.4 mittelfristig besser verkaufen, weil er dem aktuellen Modetrend entspricht. Kleinere Autos sind mittlerweile weniger gefragt, vielleicht könnte man inklusive staatlicher Prämien beim Preis für einen Neuwagen sogar unter 10.000 Euro landen. Aber ob da Qualität und Reichweite stimmen?

comdirect: Was halten Sie von der Plug-in-Hybrid-Technik?

Schwope: Hybrid ist eine Mogelpackung. Manch ein Dienstwagenfahrer hat sein Ladekabel bisher nicht einmal ausgepackt. Zwei Antriebssysteme kosten mehr Ressourcen und bringen unnötigen Ballast. Die Förderung für Plug-in-Hybridfahrzeuge finde ich völlig verfehlt.

Da frage ich Sie:
Wollen Sie lieber Tesla besitzen oder alle anderen Unternehmen gleichzeitig?

Frank Schwope

comdirect: Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage und die Perspektiven der deutschen Hersteller?

Schwope: Die deutschen Hersteller haben ganz gute Perspektiven, gerade VW und BMW. BMW zählte mit dem i3 zur Avantgarde und ist dann leider ins Zweifeln gekommen. Aber das Potenzial ist vorhanden und die Aufholjagd eingeläutet. VW wurde zum Elektroglück gezwungen. Der Konzern hat für den Dieselskandal mit mehr als 32 Milliarden Euro gebüßt, aber danach das Steuer herumgerissen. Immerhin hat das Unternehmen trotz großer Anlaufschwierigkeiten 2020 fast 232.000 E-Autos verkauft, knapp die Hälfte von Tesla. Das war eine Verdreifachung im Vergleich zu 2019. Schon im Jahr 2022 könnte der VW-Konzern mit der Stückzahl mit Tesla gleichziehen.

comdirect: Und Daimler?

Schwope: Daimler hat durch seine Kapitalverflechtungen interessante Kooperationsmöglichkeiten. Li Shufu, der Eigentümer von Geely und damit auch Volvo Cars, hält Daimler-Anteile. Eine noch engere Zusammenarbeit ist von Daimler und auch von der deutschen Politik nicht unbedingt gewollt. Daimler könnte auch die Zusammenarbeit mit Renault oder Nissan, die etwa schon bei den kleinen Nutzfahrzeugen Kangoo und Citan gegeben ist, auf den Bereich der Elektrotechnologie erweitern. Das wäre eine interessante Mischung aus Premiummarke und Massenmarkt.

comdirect: Der Überflieger Tesla ist inzwischen mit rund 800 Milliarden US-Dollar bewertet. Ist das noch realistisch?

Schwope: Gemessen an den aktuellen Geschäftszahlen und zu erwartenden Gewinnen erscheint die Bewertung absurd. Tesla hat 2020 bei 500.000 zugelassenen Fahrzeugen erstmals Gewinne erzielt – und das nur dank des Emissionsrechtehandels. Gleichzeitig ist der Konzern mit 800 Milliarden Dollar an der Börse mehr wert als alle anderen westlichen und japanischen Autofirmen. Die kosteten zuletzt zusammen 766 Milliarden Dollar. Da frage ich Sie: Wollen Sie lieber Tesla besitzen oder alle anderen Unternehmen gleichzeitig? Tesla hat sich zwar hervorragend entwickelt und ich glaube auch nicht, dass Tesla eine „Wirecard with wheels“ ist. Aber die Bewertung ist schwer zu begreifen, selbst wenn man Tesla als Hochtechnologiekonzern und nicht als klassischen Autohersteller betrachtet.

comdirect: Während die batteriegetriebene E-Mobilität langsam den Durchbruch schafft, setzen viele schon auf Wasserstoff und die Brennstoffzelle. Hat das Zukunft?

Schwope: Um die Brennstoffzelle gab es ja schon um die Jahrtausendwende einen Hype. Zwischenzeitlich ist die Technologie etwas vernachlässigt worden und jetzt wieder en vogue. Die Wasserstofftechnologie hat vor allem im Schwerlastverkehr Zukunft. Denn es wäre absurd, Lkws mit tonnenschweren Batterien zu bestücken. Je nach Preisentwicklung könnte die Brennstoffzelle in den 2030er-Jahren auch im Pkw-Bereich Fuß fassen. Wenn sie mit Strom aus grünen Energiequellen betrieben wird, ist sie deutlich umweltschonender als batterieelektrisch betriebene Modelle. Denn zum Beispiel der Abbau des dafür notwendigen Lithiums verursacht erhebliche Umweltschäden.

comdirect: Wann wird die Anzahl der Neuzulassungen bei elektrifizierten Autos in Deutschland die mit konventioneller Motorisierung übertreffen?

Schwope: Das kann jetzt schneller gehen als gedacht. Ein Land wie Norwegen etwa will ja schon 2025 nur noch E-Autos zulassen. So rasant wird die Wende in Deutschland zwar nicht ausfallen. Aber inklusive Hybrid-Technologie könnte die Elektromobilität bei den Neuzulassungen die klassischen Motorisierungen im Jahr 2025 übertreffen.

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