- „Viele Anleger kommen mit starken Kursrücksetzern nicht klar.“
- „Wenn es an den Märkten stärker abwärtsgeht, kaufe ich nach.“
- „Die politischen Beine der Börse sind ein bisschen länger geworden.“


Jessica Schwarzer schreibt seit mehr als 25 Jahren über Geldanlage und Finanzen. 10 Jahre lang arbeitete die gebürtige Düsseldorferin für das „Handelsblatt“, leitete das Ressort Finanzen bei „Handelsblatt Online“ und war zuletzt Chefkorrespondentin. 2018 hat sie sich als Finanzjournalistin und Moderatorin selbstständig gemacht. Im Januar 2026 erschien ihr 8. Buch „Über die Psychologie der Börse. 20 zeitlose Lektionen über Börsenpsychologie – so wirst du ein besserer (und entspannterer) Anleger“ im Deutschen Wirtschaftsbuch Verlag. Die deutsche Aktienkultur ist ihr eine Herzensangelegenheit, für die sie sich auch mit Vorträgen und Seminaren starkmacht.
Frau Schwarzer, als versierte Börsianerin und Buchautorin beschäftigen Sie sich in Ihrem neuesten Buch mit Börsenpsychologie. Welche Rolle spielen Emotionen an den Finanzmärkten?
Eine sehr große! Es gibt dieses schöne Bonmot von Börsenaltmeister André Kostolany: Die Börse besteht zu 90 % aus Psychologie und nur zu 10 % aus Fakten. Und das stimmt ein Stück weit, wenn man sich das kurzfristige Treiben an den Märkten anschaut. Langfristig sind natürlich schon die Fakten entscheidend für die Kursbewegungen.
Verhalten sich Menschen an der Börse anders als sonst im Leben? Oder warum gibt es „Börsenpsychologie“?
Erst einmal geht es an der Börse um Geld, um Gewinn und Verlust – und das ist an sich schon ein sehr emotionales Thema. Und dann treffen dort viele Faktoren aufeinander, die ich nicht beeinflussen kann. Ich habe keine Kontrolle über das, was passiert, und es gibt viele Unwägbarkeiten. Wie entwickeln sich Geschäftsmodelle? Wie entwickelt sich die Weltwirtschaft? Wie reagieren andere auf die Signale? Und dann sieht man an der Börse dieses ewige Hoch und Runter und das macht ja etwas mit einem, weil es um Gewinn und Verlust geht.
Was sind denn die Treiber für Emotionen an der Börse?
Die extremsten Emotionen sind ganz sicher Angst und Gier. Aber es gibt eine ganze Reihe anderer Emotionen dazwischen. Zum Beispiel, dass man beim Blick auf sein Depot oder auf eine einzelne Aktie ein Unwohlsein verspürt. Das nennt man kognitive Dissonanz. Oder dass man sich etwas vormacht, weil man aufs falsche Pferd gesetzt hat und die eigenen Erwartungen nicht aufgegangen sind. Sich eine Fehlentscheidung einzugestehen, fällt vielen Menschen sehr schwer. Gier und Angst sind aber sicherlich die stärksten Treiber. Und wenn man in diese Fallen tritt, wird es in der Regel auch teuer.
Und was beeinflusst Angst und Gier?
Das ist so ein bisschen Typ-Sache. Ich bekomme beispielsweise keine große Angst, wenn es an den Börsen abwärtsgeht. Auch dann nicht, wenn die Rücksetzer erheblich sind. Ich sehe das dann eher als eine Chance, günstig einzukaufen. Aber viele Anleger kommen mit starken Kursrücksetzern gar nicht klar. Und deswegen beschleunigen sich Crashs dann ja auch gerne mal, weil eine Art Herdentrieb einsetzt und alle in Panik durch die Tür wollen. Das Gleiche gibt es bei extremer Gier. Da will niemand etwas verpassen und wir sehen dann extreme Rallys, sodass es zu einer Blasenbildung kommt. Wann die Blase platzt, kann niemand sagen. Aber die Erfahrung zeigt, dass es dann schneller geht, als man sich eingestehen möchte. Es heißt ja nicht umsonst: Der größte Feind des Anlegers schaut ihm jeden Morgen aus dem Spiegel entgegen.
Was ist der größte Denkfehler an der Börse?
Es gibt sehr viele Denkfehler, aber zu den größten gehört sicher die Einbildung, man würde bei seiner Geldanlage und an der Börse total rational handeln. Das funktioniert nicht. Wir sind nie emotionslos. Wenn wir Glück haben, erkennen wir das und können die Emotionen kontrollieren. Aber wir können sie nicht abschalten.
Wäre es ein Vorteil, wenn wir emotionslos und rational agieren würden?
Auf jeden Fall. In der Kapitalmarkttheorie gibt es den Homo oeconomicus, ein Wesen, das Chance und Risiko genau abwägt und immer streng rational entscheidet. Es wäre schön, wenn wir so funktionieren würden, aber so ist es nicht. Das haben dann irgendwann auch die Wissenschaftler eingesehen und sich von diesem Fabelwesen verabschiedet. In der Verhaltensökonomie, der Behavioral Finance, kam dann der Mensch ins Spiel…
Was hat sich dank Behavioral Finance verändert?
Wenn man seine Emotionen kennt, dann kann man lernen, damit umzugehen. Ich habe zum Beispiel am Anfang meiner Börsenkarriere gierig gezockt. Das war teuer. Wer sich kennt, kann aus Fehlern lernen und eine Strategie mit klaren Regeln entwickeln. Das heißt zwar immer noch nicht, dass man emotionslos zuschaut, wenn die Kurse nach unten rauschen. Aber wenn man die Regeln befolgt, verhindert das zum Beispiel Panikverkäufe. Eine meiner Regeln lautet: Wenn es an den Märkten stärker abwärtsgeht, kaufe ich nach. Im Corona-Crash musste ich erst einmal schlucken, dann habe ich getreu meiner Regel gekauft. Klar fühlt sich das erst mal nicht gut an und Zweifel steigen hoch. Aber als es wieder nach oben ging, kam richtig Freude auf.
Gibt es Muster, die sich in jeder Marktphase oder in jeder Börsenphase wiederholen?
Es gibt Statistiken, die zeigen, dass auf die schlechtesten Markt- oder Börsentage die besten folgen. Nach einem Ausverkauf geht es häufig schnell wieder nach oben. Wer zu lange wartet und diese Tage verpasst, verpasst ein gutes Stück der Rendite.
Viele Anlegende sind verunsichert und fragen sich, ob sich bei den Bewertungen ein Einstieg lohnt. Was unterscheidet einfache Rücksetzer und das Platzen einer Blase – und woran erkenne ich das?
Das ist leider nicht so einfach. Wenn man sich die jetzige Börsenphase anguckt, sind viele Indizes nahe ihres Allzeithochs oder sogar auf Allzeithoch. Aber es gibt leider keine Regel, die besagt, dass etwas, was sehr teuer ist, nicht noch teurer werden kann. Was in solchen Phasen hilft und beruhigt, ist eine klare Strategie. Ich investiere langfristig und habe die Anlagerisiken breit gestreut, sodass mich solche Spekulationen über eine mögliche Blasenbildung kaum berühren.
Was heißt langfristig?
10 Jahre aufwärts! Es gibt in einem Marktzyklus unterschiedliche emotionale Phasen. Wenn ich breit aufgestellt bin, ergibt es keinen Sinn, bei Rücksetzern zu verkaufen.
Wie geht man am besten mit Fehlentscheidungen um?
Das ist für viele schwierig. Sie verkaufen, statt Gewinne laufen zu lassen und sie eventuell abzusichern. Und bei Verlustaktien bleiben Anleger investiert, anstatt zu verkaufen. Erst wenn der Verlust so richtig wehtut, wird viel zu spät die Reißleine gezogen. Laut Neuroökonomen rennen wir mit einer Art Steinzeitgehirn durch die Welt und reagieren in Extremsituationen evolutionsgetrieben: mit Angriff oder Flucht. Wir nehmen ja auch Verluste zweieinhalbmal so stark wahr wie Gewinne. Und wir verdrängen gerne, dass wir eine falsche Einschätzung hatten, wenn eine Aktie unter dem Kaufkurs notiert. Statt uns den Fehler einzugestehen und die Verluste zu begrenzen, träumen wir davon, dass sich die Aktie wieder erholt. Denn bei einem Verkauf wäre der Verlust wirklich schwarz auf weiß da.
Ein Sprichwort sagt, dass politische Börsen kurze Beine haben. Stimmt das noch?
Das hat man sich in Zeiten der Niedrigzinspolitik auch schon gefragt, als die Notenbanken quasi alles unter Kontrolle hatten. Ich könnte mir vorstellen, die politischen Beine der Börse sind ein bisschen länger geworden, aber am Ende entscheiden eben doch das Geschäftsmodell und die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens über den Börsenerfolg. Wie heißt es an der Wall Street: Es ist egal, wer unter ihr regiert. Die Wall Street hat schon Weltkriege und Terroranschläge überlebt und wird auch die Ära Trump überleben.
Das Geschäftsmodell eines Unternehmens steht und fällt unter Umständen aber mit einer politischen Entscheidung. Ein Zoll von 25 % frisst Marge – und dann haben die politischen Börsen vielleicht doch ganz schön lange Beine…
…die großen Unternehmen sind weltweit aufgestellt, sehr anpassungsfähig und viel resilienter, als viele glauben. Als Angela Merkel beispielsweise über Nacht das Aus der Atomkraft verkündet hat, waren die Versorger nicht darauf vorbereitet. Sie hatten auf Atomenergie gesetzt und mussten sich sehr schnell neu ausrichten. Aber das ist ihnen gelungen. Veränderungen sind normal! Die fundamentalen Bedingungen werden sich in den kommenden Jahren schon allein aufgrund von Innovationen und der Entwicklung der KI verändern.
In Unsicherheit Entscheidungen zu treffen und Emotionen zu kontrollieren ist schwierig. Wie machen das die Profis?
Professionelle Investoren haben nicht nur ganz andere Analysemöglichkeiten, sie haben in der Regel auch ein festes Regelwerk – und sie arbeiten in Teams und tauschen sich aus. Sich einen Sparringspartner zu suchen und sich regelmäßig auszutauschen, kann ich auch Privatanlegern nur empfehlen.
Welchen Rat können Sie uns noch geben?
Breite Risikostreuung! Damit kommt man besser durch unruhige Börsenphasen als mit Einzelaktien, die sehr viel stärker schwanken. Wer Spaß an engen Märkten oder Einzeltiteln hat, muss entweder tiefer einsteigen oder sollte das mit seinem „Spielgeld“ machen. Das heißt, dass man ein Budget definiert, das man im Zweifel auch verlieren kann. Mir macht es manchmal Spaß, auch in riskantere Aktien zu investieren. Durch die Zweiteilung begrenze ich das Risiko: Wenn das Spielgeld weg ist, ist es weg. Aber ich riskiere nicht, mit meinem Vermögen im Hauptdepot zu spekulieren.
Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung der comdirect – einer Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 26.05.2026; Quelle: comdirect.de
