Interview Inflation: „Ohne Sachwerte verlieren Anleger Geld“

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Acatis-Stratege Stefan Riße über die Gründe der Inflation, die Ohnmacht der Notenbanken und Chancen an den Aktienmärkten.

Stefan Riße

Stefan Riße ist Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment, einem der größten unabhängigen Fondsanbieter in Deutschland. Im Alter von 17 Jahren lernte er den im September 1999 verstorbenen Börsenaltmeister André Kostolany kennen, mit dem ihn bis zu dessen Tod eine enge Freundschaft verband. Bekannt wurde Stefan Riße mit seinen Berichten für n-tv, die von 2001 bis 2005 live vom Frankfurter Börsenparkett gesendet wurden.

comdirect: Herr Riße, Inflation war über Jahre hinweg kein Thema. Sie hatten schon 2009 in Ihrem Buch „Die Inflation kommt“ gewarnt, dass sie zurückkehren wird. Im vergangenen Jahr haben Sie das Buch dann vollkommen überarbeitet. Gutes Timing. Sind Sie dennoch über den starken Preisanstieg überrascht?

Stefan Riße: Ich habe die Expansionspolitik der Notenbanken immer als Inflationstreiber betrachtet. Das gilt vor allem für die Staatsanleihenkäufe nach der Finanzkrise, die die Zinsen niedrig halten und die Geldmenge vergrößern. Das hat dazu geführt, dass Staaten und Unternehmen so hoch verschuldet sind wie noch nie. Und die Realzinsen negativ sind. Das Fass zum Überlaufen brachte aber die expansive Ausgabenpolitik der USA während der Corona-Pandemie. Zuvor fand die Inflation nur an den Finanzmärkten statt, da war ich 2009 zu früh dran.

comdirect: Es gab doch auch in Deutschland und anderen Ländern Corona-Hilfen. Was hat die staatlichen Hilfen in den USA so besonders gemacht?

Stefan Riße: Die Menschen wurden in den USA bessergestellt als vor Corona. Das war ein historischer Fehler. Die hohe Nachfrage stieß auf ein eingeschränktes Angebot, auf Lieferketten, die durch Corona unterbrochen wurden. Das hat zum starken Preisanstieg geführt, den wir jetzt erleben.

comdirect: Spielt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine nicht eine entscheidende Rolle für den starken Preisanstieg gerade im Energiebereich?

Stefan Riße: Der Krieg ist ein verstärkender Faktor, aber nicht die Ursache für steigende Preise. Wir hätten auch ohne den Krieg steigende Preise. Wir erleben einen grundlegenden Wandel. Die Güterpreise sind viele Jahre gesunken. Infolge der Globalisierung wurden Produkte immer günstiger. Das hat sich komplett umgekehrt. Wir erleben jetzt einen Inflationsschub, angefacht durch die Stimulationsprogramme der US-Regierung.

comdirect: Bekommen wir jetzt die Quittung für die falsche Geldpolitik?

Stefan Riße: Wir bekommen aktuell eher die Quittung für falsche Fiskalpolitik. Wir hatten jahrelang Globalisierung und damit verbunden stark sinkende Stückkosten durch die Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer. Ein Fernseher kostet ein Fünftel dessen, was Verbraucher vor 30 Jahren bezahlen mussten. Die Globalisierung war ein deflationärer Effekt.

comdirect: Was sollten Notenbanken jetzt tun?

Stefan Riße: Die Verschuldung ist so hoch, dass sie Inflation nicht ernsthaft bekämpfen können. Starke Zinsanhebungen wie früher in Zeiten hoher Preissteigerungen sind nicht möglich. Wir können nur hoffen, dass sich die Inflationsraten um 4 % einpendeln. Bei einer Inflationsrate von 9,1 % in den USA und einem realen Wachstum von 2,9 % – wobei diese Schätzung für 2022 wohl mittlerweile zu optimistisch ist – beträgt das nominale Wachstum 12 %. Bei niedrigen Zinsen und einer hohen Inflation werden real Schulden abgebaut.

comdirect: Warum können Notenbanken die Zinsen nicht stärker anheben?

Stefan Riße: Wenn die Notenbanken die Inflation ernsthaft bekämpfen würden, hätten wir hohe Zinsen und eine Pleitewelle von Staaten und Unternehmen. Das würde populistische Wellen verstärken und eine schwere Wirtschaftskrise mit sozialen Verwerfungen zur Folge haben. Die Notenbanken wollen für solch eine Entwicklung nicht verantwortlich sein.

comdirect: Welche Folgen hat die Politik der Notenbanken?

Stefan Riße: Die Zeche dieser Niedrigzinspolitik trägt der Sparer. In Deutschland liegen 50 % des Geldvermögens auf sparbuchähnlichen Anlagen. Die Sparer werden diejenigen sein, die für die Entschuldung sorgen. Sie verlieren unterm Strich Geld, weil die Zinsen unter der Inflationsrate liegen. Sie müssen die Folgen dieser Politik bezahlen. Inflation ist die Hölle der Gläubiger und das Paradies der Schuldner, wie es schon André Kostolany so treffend formuliert hat.

Inflation ist die Hölle der Gläubiger und das Paradies der Schuldner, wie es schon André Kostolany so treffend formuliert hat.

Stefan Riße, Kapitalmarktstratege bei Acatis Investment

comdirect: Die Folgen steigender Zinsen und der Inflation sind dramatisch: Wir erleben einen Crash auf dem Anleihemarkt, aber auch an den Börsen. Was raten Sie Anlegern?

Stefan Riße: Schlicht und ergreifend Sachwerte statt Geldwerte. Das können Aktien sein, Immobilien oder auch Gold, obwohl die Entwicklung zuletzt bei den Edelmetallen enttäuscht hat. Dabei würde ich Exchange-traded Commodities (ETC) empfehlen. Physisches Gold zu lagern, ist viel zu teuer.

comdirect: Wie sollten Anleger ihr Portfolio anpassen?

Stefan Riße: Immer wieder können wir beobachten, dass deutsche Anleger zu stark in Deutschland investiert sind. Vielmehr sollten Aktien breit gestreut werden, um Klumpenrisiken zu reduzieren. Auch macht es Sinn, die USA höher zu gewichten. Wenn Russland Gaslieferungen einstellt, wird das Deutschland extrem stark treffen. Das wird in den USA weniger stark der Fall sein.

comdirect: Worauf müssen Anleger bei der Auswahl von Aktien achten?

Stefan Riße: Breit zu streuen ist die Basis. Große Technologieunternehmen dürften die Gewinner der aktuellen Entwicklung sein. Sie haben geringe Input- und Energiekosten, dafür eine starke Machtstellung und einen geringen Kapitalbedarf. Aus meiner Sicht dürfte die Rally bei den Value-Werten gelaufen sein.

comdirect: Sind Investments in Technologiewerte also wieder interessant?

Stefan Riße: Das gilt nicht für den gesamten Sektor. Die Spreu wird sich vom Weizen trennen. Wer als Unternehmen keine Kunden und kein intaktes Geschäftsmodell hat, wird sich nicht erholen. Die Technologieunternehmen mit großen Umsätzen und hohen Gewinnmargen dürften dagegen stark profitieren. Sie sind weit weg von der Ukraine und von hohen Energiepreisen nicht betroffen.

comdirect: Wie haben Sie bei der Fondsgesellschaft Acatis Depots umstrukturiert?

Stefan Riße: Wir haben relativ wenig umstrukturiert. Ölunternehmen, die zuletzt gut liefen, bleiben aus Nachhaltigkeitsgründen außen vor. Die Korrektur von Tech-Werten dagegen bietet Chancen. Das ist für uns Value-Investing. Dabei gehen wir ähnlich wie Warren Buffett vor, der Unternehmen mit einem „Burggraben“ vor der Konkurrenz bevorzugt – also Unternehmen mit einer herausgehobenen Marktposition. Wir sind dabei aber technologiefreundlicher als Buffett und halten zum Beispiel Anteile an Alphabet, BioNTech, Microsoft oder Nvidia. Weil wir nur in Assets investieren, die Erträge erwirtschaften, verzichten wir auch auf Gold. Denn die größte Kraft der Kapitalanlage ist die Wiederanlage der Erträge.

comdirect: Wir haben seit Jahresanfang einen beispiellosen Sturz der Anleihemärkte erlebt. Ist jetzt wieder Zeit, um an einen Einstieg zu denken?

Stefan Riße: Wir glauben, dass die Anleihezinsen unter der Preissteigerung bleiben. Wenn die Rendite einer zehnjährigen Anleihe bei 1,5 % liegt, ist das zwar optisch ein starker Anstieg, aber bei einer Inflation von 7,6 % verlieren Anleger dennoch viel Geld. Ich halte es für möglich, dass die Notenbanken ihr Inflationsziel von 2 % auf 4 % pro Jahr hochsetzen werden. Die Lösung in einer solchen Situation sind Sachwerte – oder die Leute verlieren Geld.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung der comdirect – einer Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 16.08.2022; Quelle: comdirect.de