Interview zur Inflation „Man kann Inflationsraten nicht planen“

Männlicher Kunde, der im Supermarkt einkauft und den Kassenbon noch einmal durchgeht
© Denys Kurbatov via Adobe Stock

Vermögensverwalter Markus Richert über Geldentwertung, notwendige Änderungen bei der Anlagestrategie und Chancen an den Aktienmärkten.

Vermoegensverwalter-Markus-Richert

Markus Richert ist seit zwölf Jahren bei der Kölner Vermögensverwaltung Portfolio Concept tätig. Der Diplom-Kaufmann und zertifizierte Finanzplaner ist für die Kundenbetreuung und Finanzplanung zuständig.

comdirect: Herr Richert, die Inflation in Deutschland liegt bei fast 6 %. Machen Sie sich Sorgen?

Markus Richert: Als Vermögensverwalter machen wir uns noch keine ernsthaften Sorgen. Die aktuelle Inflationsrate ist zwar hoch, wird aber nicht von Dauer sein. Der Durchschnittsdeutsche sieht das anders. Fast die Hälfte der Deutschen hat Angst, durch Inflation ihr Geld zu verlieren.

comdirect: Ist das gerechtfertigt?

Markus Richert: Der derzeitig besonders starke Anstieg der Inflation ist einigen Sondereffekten geschuldet. Im Juli 2020 waren in Deutschland die Mehrwertsteuersätze für sechs Monate gesenkt worden. Dadurch wurden damals Waren billiger. Diese Steuersenkung wurde zum Jahresanfang 2021 rückgängig gemacht. Dadurch wurden diese Waren automatisch wieder teurer. Allein das hat nach Meinung vieler Ökonomen die Inflationsrate um rund 1,5 Prozentpunkte nach oben getrieben. Zudem zogen 2021 die Energiepreise enorm an. Diese temporären Effekte laufen langsam aus.

comdirect: Tritt das Inflationsthema damit 2022 automatisch wieder in den Hintergrund?

Markus Richert: Das nun auch wieder nicht. Die Ausläufer der Pandemie werden weiterhin einen preissteigernden Einfluss haben. Die Logistik und das Preisgefüge der globalen Wirtschaft sind durcheinandergeraten. Es wird noch dauern, bis die Lieferketten wieder reibungslos funktionieren. Preissteigernd wirkt sich unter anderem der Chipmangel aus. Das trifft ja nicht nur die Automobilindustrie und die Unterhaltungselektronik. Haben Sie zuletzt mal versucht, eine Geschirrspülmaschine zu kaufen? Das war sehr schwierig und ein Schnäppchen konnten Sie nicht erwarten. Dieser seit Jahrzehnten ungekannte Angebotsmangel wird noch anhalten.

comdirect: Müssen wir uns also mittelfristig auf höhere Inflationsraten einstellen?

Markus Richert: Ja. Viele Ökonomen rechneten ja schon lange mit einer steigenden Inflation und waren verwundert, dass es nicht schon seit Jahren zu viel höheren Inflationsraten gekommen ist. Der klassischen Lehre nach treibt nichts die Inflation so stark an wie eine steigende Geldmenge. Aber bis zuletzt haben die Verbraucher die steigende Geldmenge nicht in Nachfrage umgesetzt. Das könnte sich ändern: Viele Verbraucher sitzen auf vollen Kassen und wollen endlich mal wieder Geld ausgeben.

comdirect: Wie hoch könnte die Inflation im Jahresdurchschnitt 2022 liegen?

Markus Richert „Wer mit der Inflation flirtet, wird von ihr geheiratet“, sagte der damalige Bundesbankpräsident Otmar Emminger in den 1970er-Jahren. Das heißt: Man kann Inflationsraten nicht planen. Die Inflation hat eine Vielzahl von Gründen, und sie ist schwer loszuwerden, wenn man sie einmal hat. Hohe Inflationserwartungen können zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden und die Inflation ankurbeln: Steigende Preise lassen dann Arbeitnehmer höhere Löhne durchsetzen. Höhere Löhne führen fast zwangsläufig zu steigenden Preisen und das Spiel beginnt von vorn. Noch sind die Lohnsteigerungen moderat. Aber wenn die Inflation dauerhaft bei 2 bis 4 % liegt, könnte sich das ändern.

comdirect: Halten Sie eine Inflationsrate von 2 bis 4 % für mittelfristig gefährlich?

Markus Richert: Das hängt vom wirtschaftlichen Umfeld ab. In der Regel gehen höhere Inflationsraten mit Wirtschaftswachstum einher. Wenn sich die Inflationsrate während der wirtschaftlichen Erholung also für einige Zeit über dem EZB-Ziel von rund 2 % einpendeln sollte, ist das eher ein gutes Zeichen. Dann sind auch 2 %, 3 % oder 4 % Inflation für eine starke Volkswirtschaft kein Problem. Man muss sich als Anleger allerdings darauf einstellen.

„Man kann Inflationsraten nicht planen. Die Inflation hat eine Vielzahl von Gründen, und sie ist schwer loszuwerden, wenn man sie einmal hat.“

Markus Richert, Kölner Vermögensverwaltung Portfolio Concept

comdirect: Was heißt das konkret?

Markus Richert: Anleger sollten spätestens jetzt die Struktur und die Zusammensetzung ihrer Depots überprüfen. Bei den extrem niedrigen Zinsen haben Tages- und Festgeld ebenso wie deutsche Staatsanleihen ihren Status als „sicherer Hafen“ schon lange eingebüßt. Wer diese Entwicklung weiterhin ignoriert und nicht handelt, wird real Geld verlieren. Erst recht bei einer hohen Inflation.

comdirect: Kommt diese Einsicht bei den Anlegern an?

Markus Richert: Das beobachten wir zunehmend, vor allem seitdem Banken die sogenannten Verwahrentgelte erheben. 0 % Zinsen bei geringer Geldentwertung war für viele Anleger noch okay, aber bei Negativzinsen und 5 % Inflation nimmt der Schmerz überhand.

comdirect: Sind die Aktienmärkte nicht schon heiß gelaufen? Kommen Anleger wieder zu spät?

Markus Richert: Nein, das glaube ich nicht. Der DAX hat sich zwar nach der Finanzkrise mehr als verdreifacht. Aber seit diesem Tiefpunkt sind immerhin 13 Jahre vergangen. Zum anderen überzeichnet der DAX als Performanceindex auch die Dynamik. Der DAX-Kursindex, also ohne Anrechnung der Dividenden, liegt gerade mal über dem Stand vom Jahr 2000. Und der Euro STOXX 50 hat nicht einmal das geschafft. Das halte ich keineswegs für eine besorgniserregende Bewertung. Die stärksten Kursanstiege kamen in den vergangenen Jahren aus dem Technologiesektor, insbesondere von den sogenannten FAANG-Aktien (Facebook/Meta, Apple, Amazon, Netflix und Google/Alphabet). Der breite Markt liegt noch weit zurück.

comdirect: In welchen Segmenten sehen Sie 2022 die größten Möglichkeiten?

Markus Richert: Viele Branchen warten noch auf die Aufholjagd. Wenn wieder ausreichend Chips da sind, werden Automobilwirtschaft und Konsum in Schwung kommen. Zyklische Industrien wie die Chemie und der Maschinenbau stehen in den Startlöchern. Gleichzeitig ist in Europa – anders als in den USA – keine Zinswende in Sicht. Aktien von Top-Unternehmen mit führenden Wettbewerbspositionen, starken Marken und loyalen Kunden haben Preissetzungsmacht und können ihre höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben.

comdirect: Halten Sie den Technologiesektor für überbewertet?

Markus Richert: Es kommt sehr auf den Einzelfall an. Die Pandemie war ein Beschleuniger für neue Geschäftsmodelle mit viel Wachstumspotenzial. Homeoffice und Videokonferenzen, Webinare und digitale Anwendungen werden nicht mehr verschwinden. Zudem sind ehemalige Wachstumswerte wie Microsoft und Apple schon seit Langem Gewinnmaschinen. Aber natürlich profitieren zahlreiche Technologieaktien auch von Hoffnungen, die sich als übertrieben herausstellen könnten.

comdirect: Was ist für Sie das größte Risiko für die Anlagemärkte im Jahr 2022?

Markus Richert: Weiterhin die Pandemie. Neue Mutationen könnten die wirtschaftliche Erholung noch einmal verzögern. Auf der politischen Ebene könnten Konflikte der westlichen Welt mit China oder Russland für negative Überraschungen sorgen. Bisher hat der Markt die politischen Krisen aber immer sehr schnell abgeschüttelt.

comdirect: Und wo sehen Sie die größte Chance?

Markus Richert: Die größte Chance ist, dass die Welt 2022 wirklich aus der Pandemie herauskommt und ungebremst auf den Wachstumspfad zurückkehrt. Wenn wir hinter die Pandemie mehr oder weniger einen Haken machen können, haben Zykliker aus der Industrie, Marken- und Luxusartikler gute Chancen. Mit einer besseren Stimmung dürften auch Reiseveranstalter, Kreuzfahrtunternehmen und Fluglinien aus ihrem tiefen Loch kommen. Die Chancen für ein solches Szenario stehen nicht schlecht. Es gab in der Vergangenheit schon deutlich problematischere Jahresanfänge.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect, sondern die eines Dritten wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 18.01.2022; Quelle: comdirect.de