- Im kommenden Jahr werden die Börsen eine höhere Volatilität aufweisen.
- Emerging Markets stehen vor einer Neuentdeckung.
- Dauerhaft ist es zu teuer, nicht am Kapitalmarkt investiert zu sein.


Die Aktienmärkte haben im 3. Jahr in Folge gut abgeschnitten. Erwarten Sie, dass sich der positive Trend 2026 unverändert fortsetzt?
Nein. Aber wir sollten nicht vergessen: Auch in diesem Jahr ging es in den USA im Frühjahr nicht stetig nach oben und seit dem Sommer ist im DAX wenig passiert. Im kommenden Jahr erwarte ich an den Börsen eine noch höhere Volatilität. Denn es gibt zahlreiche Themen, die für kurzzeitige Auf- und Abschwünge sorgen können. Für Anleger heißt das: „Fasten your seatbelts.“ Zum Jahresende sollten wir aber auf ein insgesamt halbwegs positives Jahr zurückblicken können.
Welche Gefahren sehen Sie für die Weltkonjunktur und die Börsen in den kommenden 12 Monaten?
Als größte Gefahren sehe ich die Möglichkeit einer starken Neuadjustierung bei den Bewertungen der KI-Unternehmen und eine neu aufflammende Schuldendiskussion. Zudem bin ich auf die Neubesetzung des Chefpostens bei der US-Fed gespannt. Wenn der neue Zentralbankpräsident im Mai antritt und klaglos die wirtschaftspolitisch unsinnigen Zinssenkungswünsche von Donald Trump erfüllt, würde das Vertrauen der Finanzmärkte massiv erschüttert. Ohnehin kann uns der „Trumpismus“ noch einige Überraschungen bringen. All diese Themen können an den Börsen für ein heftiges Auf und Ab sorgen.
Befürchten Sie, dass die KI-Blase in Kürze platzt?
Der KI-Zug fährt erst mal weiter. Die Investitionen dürften sogar noch steigen. Allein die Magnificent 7 wollen 2026 etwa 400 Milliarden US-Dollar investieren. Einen absoluten Absturz wie zur Jahrtausendwende bei der Dotcom-Blase erwarte ich nicht. Denn anders als damals können die großen Technologiefirmen ihre Investitionen aus dem Cashflow finanzieren. Aber: Wenn sich abzeichnen sollte, dass diesen enormen Ausgaben nicht die entsprechenden Umsätze folgen, kommt es zu erheblichen Abschreibungen. Und dann müssen sich auch die Bewertungen anpassen.
Nach einer schwachen 1. Jahreshälfte haben die US-Börsen doch noch aufgeholt. Versprechen sie auch für 2026 die besseren Renditen?
Das ist nicht sicher. Solange die KI-Rally anhält, bleibt der Technologiesektor interessant. Aber kräftige Rückschläge sind nicht auszuschließen, etwa bei den Chip-Produzenten. Andere Sektoren haben dagegen gar nicht von der Kursrally profitiert. Abgesehen von Eli Lilly ist etwa der gesamte Healthcare-Sektor wegen der Trump-Maßnahmen vernachlässigt worden und äußerst attraktiv bewertet. Wenn das historisch niedrige Verbrauchervertrauen wieder anzieht, könnten auch die Kurse der Unternehmen aus dem Basiskonsum und zyklischen Konsum wieder anspringen.
Europäische Börsen und vor allem der deutsche Aktienmarkt sind 2025 wieder in Schwung gekommen. Wird sich das mit Unterstützung der Militär- und Infrastrukturpakete und anziehender Konjunktur fortsetzen?
Europa ist der Überraschungskandidat. Die Unternehmensbewertungen sind sehr günstig, insbesondere bei den Small und Mid Caps. Eine im historischen Vergleich sehr niedrig bewertete Wachstumsbranche ist die Gesundheitsindustrie. Schweizer Pharmawerte etwa könnten einen Schub bekommen. Die Versicherungswirtschaft erzielt weiterhin sehr stabile Gewinnsteigerungen. Bei anziehender Konjunktur könnten auch zyklische Werte aus dem Konsum oder der Chemieindustrie wieder interessant werden. Selbst im Automobilsektor gibt es selektive Chancen, auch wenn nicht alle europäischen Autobauer den Sprung in die E-Mobilität schaffen. Damit es aufwärtsgeht, braucht es aber einen konjunkturellen Wachstumsimpuls. Investitionen aus dem Klima- und Infrastrukturpaket müssten auch private Investitionen anstoßen.
Die Emerging Markets haben sich 2025 zurückgemeldet. Kann sich China nach der Beilegung des Zollstreits erholen und asiatische und lateinamerikanische Börsen mitziehen?
Der chinesische Markt ist schwierig, weil er stark politisch getrieben ist. Spätestens seit der damaligen und unerwarteten Degradierung von Alibaba-Chef Jack Ma wissen wir das. Zudem bleibt das Thema Taiwan aktuell. Andere Emerging Markets sehe ich dagegen vor einer Neuentdeckung. In den vergangenen 15 Jahren sind die meisten Emerging-Markets-Börsen deutlich hinter denen der Industriestaaten zurückgeblieben. Jetzt aber gibt es gute Gründe für eine Aufholjagd: Ein schwächerer US-Dollar kommt den Schwellenländern traditionell zugute. Zudem sieht es bei Wachstum und Demografie viel besser aus als in den USA, Europa oder Japan. Und schließlich bemühen sich die Emerging Markets um eine stärkere Kooperation untereinander. Das reduziert die Abhängigkeit von den USA und der westlichen Wirtschaftswelt.
Nach den anderen Zentralbanken hat auch die US-Fed zuletzt die Zinsen gesenkt. Sind Anleihen bei tendenziell nachgebenden Zinsen interessant?
Die US-Anleihen haben die kommenden Zinssenkungen bereits vorweggenommen. Zudem steht im Jahr 2026 eine große Refinanzierungswelle an. Das spricht tendenziell für steigende Zinsen am langen Ende. Mehr als den Kupon können Anlegerinnen und Anleger bei Staatsanleihen also kaum erwarten. Mittel- bis langfristig droht wieder finanzielle Repression – also Zinssätze unterhalb der Inflationsraten. Anleihen können daher nur zur Depotstabilisierung dienen, wenn es an den Aktienmärkten stark bergab geht.
Der Goldpreis hat sich binnen 2 Jahren verdoppelt. Zuletzt stiegen Silber und Platin sogar noch stärker. Bleiben die Edelmetalle erste Wahl?
Einen Goldanteil von 5 bis 10 % empfehlen wir schon seit jeher für größere Depots. Das hat Anlegerinnen und Anlegern in den vergangenen beiden Jahren beachtliche Erträge eingespielt. Auf dem erreichten Niveau ist allerdings erst einmal mit einer Konsolidierung zu rechnen. Nur wenn die Staatsschuldendiskussion im Jahr 2026 stark aufploppt, könnte die Goldrally weitergehen. Der Silberpreis ist dagegen erst 2025 richtig angesprungen. Sollte es einen echten Engpass in der Versorgung geben, könnte das den Preis nachhaltig stützen.
Der US-Zollstreit mit China wurde wegen der seltenen Erden beigelegt. Kupfer ist essenziell für die Energiewende: Sind Rohstoffe und Rohstoffaktien ein Tipp für das kommende Jahr?
Grundsätzlich sind Rohstoffe und Investitionen in Minenwerte interessant. Diese Feststellung gilt allerdings schon seit geraumer Zeit, aber setzt sich ohne starkes Wirtschaftswachstum nicht wirklich am Markt durch. Falls die Konjunktur im nächsten Jahr anspringt, können Fonds oder ETFs mit einer breiten Streuung an Rohstoffaktien attraktiv werden. Von einer Investition in physische Rohstoffe an den Terminmärkten würde ich Privatanlegern und Privatanlegerinnen abraten.
Trotz 3 Jahren Kursaufschwung halten viele vorsichtige Anlegerinnen und Anleger noch an Tages- und Festgeld fest. Sollten Sie trotzdem jetzt einsteigen? Und wie?
Ja. Die Inflation reduziert das reale Vermögen von Zinsanlegern. Dauerhaft ist es deshalb zu teuer, nicht am Kapitalmarkt investiert zu sein. Anlegerinnen und Anleger könnten zur Risikominderung aktuell 50 % des Kapitals investieren und den Rest in Reserve halten. Wer noch vorsichtiger ist oder nur über ein kleineres Anlagevermögen verfügt, kann über Fonds- oder ETF-Sparpläne langsam einsteigen.
Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect – einer Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 10.12.2025; Quelle: comdirect.de

