Interview: Crash nach Kriegsausbruch: „Der Krieg überlagert alles“

Junger Mann steht alleine auf einem Holzsteg und starrt auf den See. Denkt über das Leben nach. Nebel über Wasser. Neblige Luft. Früher kühler Morgen. Friedliche Atmosphäre in der Natur. Genießt die frische Luft. Ansicht von hinten.
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Vermögensverwalter Michael Reuss über den Krieg in der Ukraine, die nahende Zinswende und dauerhaft höhere Inflationsraten.

Michael Reuss ist geschäfts­führender Gesellschafter der Münchner Vermögensver­waltung Huber, Reuss & Kollegen. Das Unternehmen wurde bereits im Jahr 2000 gegründet und belegt seit vielen Jahren regelmäßig Spitzen­plätze in Vermögensver­walter-Rankings.

comdirect: Herr Reuss, Ende Februar griff Russland die Ukraine an: Was hat sich dadurch in der Welt und an den Finanzmärkten geändert?

Michael Reuss: Kurzfristig fast alles. Wie viele Beobachter habe ich nicht mit einem solch vehementen Angriff gerechnet. Denn er macht rein rational keinen Sinn. Der Krieg ist eine humanitäre Katastrophe und kann sich auch zu einer schweren wirtschaftlichen Krise ausweiten, wenn der Konflikt noch länger andauert. Boykotte und Gegenboykotte, extreme Anstiege der Öl-, Gas- und Weizenpreise sowie die erneute Störung von Lieferketten können die Welt in eine Rezession schicken.

comdirect: Wie beurteilen Sie die Reaktion an den Aktienmärkten?

Michael Reuss: Sie war zu erwarten, denn eine solche Kriegssituation in Europa mit dem Angriff der militärischen Großmacht Russland hat es sehr lange nicht gegeben. Im Vergleich zum Ausbruch der Coronavirus-Pandemie ist der Rückschlag sogar relativ moderat ausgefallen. Der weitere Verlauf hängt von der Entwicklung der Kriegshandlungen ab. Wenn es zeitnah zu einem Waffenstillstand und zu einer politischen Lösung kommt, bleiben die Auswirkungen begrenzt. Wenn nicht, droht ein ökonomischer Einbruch, der sich dann noch stärker auf die Aktienmärkte auswirken dürfte.

comdirect: Was sind die wesentlichen Einflussfaktoren für die Entwicklung der Märkte im Jahr 2022?

Michael Reuss: Der Krieg in der Ukraine überlagert zurzeit alles. Aber daran schließen sich weitere Probleme an: Die Energiepreise sind so stark gestiegen, dass sie die Inflationsproblematik noch weiter anheizen. Hier ist vorerst nicht mit einem Rückgang zu rechnen. In normalen Zeiten würde alles für Zinserhöhungen sprechen. Aber sollte man in dieser historischen Situation an der Zinsschraube drehen?

„Die Energiepreise sind so stark gestiegen, dass sie die Inflationsproblematik noch weiter anheizen.“

Michael Reuss, geschäftsführender Gesellschafter der Münchner Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen

comdirect: Was meinen Sie?

Michael Reuss: In den USA wird es 2022 drei oder vier Zinsschritte geben. Da steht die US-Fed im Wort. Aber selbst ein Leitzins von 1,0 % ist historisch niedrig. Und in Europa ist eine echte Zinswende kaum denkbar aufgrund der Schuldenproblematik in Ländern wie Frankreich und Italien. Ihr Schuldendienst würde mit schon leicht steigenden Zinsen zunehmend schwieriger. Hinzu kommt jetzt die wirtschaftliche Schwäche und die erneut steigende Inflation, die nicht nachfragebedingt aufgrund billigen Kapitals ist, sondern angebotsorientiert ist. In allen Fällen sind steigende Zinsen nicht hilfreich!

comdirect: Was bedeutet das?

Michael Reuss: Eine echte Zinswende werden wir nicht sehen. Echte Zinswende würde heißen: positive Realzinsen, also Nominalzinsen oberhalb der Inflationsrate. Aber die Inflation ist gekommen, um zu bleiben; zwar nicht mit 5 % und mehr wie aktuell. Wenn die Corona- und akuten Lieferketteneffekte auslaufen, wird sie jedoch nicht auf 0 bis 1 % zurückgehen. Die Lieferketten werden sich ändern, der Geldüberhang ist vorhanden und die Gewerkschaften werden nach zwei Jahren mit negativen Reallöhnen einen größeren Schluck aus der Pulle fordern. Zudem sorgen die hohen zusätzlichen Investitionen für die Dekarbonisierung und die zunehmend knappen Arbeitskräfte durch die demografische Entwicklung für strukturell höhere Inflation. Sie trifft vor allem die Unternehmen, die noch kaum Gewinne erzielen.

comdirect: Trifft es alle Technologieaktien?

Michael Reuss: Nein. Solide Unternehmensgewinne machen sich in solch einer Phase bezahlt. Alphabet/Google etwa erzielt stetig steigende Gewinne und investiert gleichzeitig enorm in Forschung. Auch Microsoft muss vor Zinserhöhungen keine Angst haben, weil das Unternehmen nicht auf Kredite angewiesen ist. Gefährlich wird es dagegen für die Corona-Gewinner, bei denen die Gewinne mit den Erwartungen kaum Schritt halten können oder gar nicht vorhanden sind.

comdirect: Der deutsche Markt hat viele Traditionsunternehmen zu bieten. Ist er dadurch weniger anfällig?

Michael Reuss: Zunächst leidet der DAX erst einmal mit am stärksten unter dem Krieg. Denn Deutschland liegt geografisch nahe am Geschehen und ist zudem stärker zyklisch ausgerichtet als andere europäische Staaten oder die USA. Das trifft aktuell klassische Industriewerte und die Automobilwerte. Auf längere Sicht ist der eher konventionell geprägte DAX aber für Zinseinflüsse weniger anfällig. Eine Aktie wie etwa Bayer ist günstig bewertet. Wenn sich der Knoten durch die Monsanto-Übernahme irgendwann löst, dürfte die Aktie neu entdeckt werden. Die Ausgliederungen aus dem Siemens-Konzern haben sich als positiv erwiesen.

comdirect: Spielen Dividenden wieder eine wichtigere Rolle für Sie?

Michael Reuss: Eine Dividendenbeimischung ist für viele Anleger interessant. Üppige Dividenden bremsen die Volatilität und sind für Investoren wichtig, die regelmäßige Ausschüttungen brauchen. Aber es kommt nicht in erster Linie auf die aktuelle Dividendenrendite an. Die nachhaltig positive Gewinnentwicklung eines Unternehmens ist wichtiger. Dann kommen Dividenden- und/oder Kurssteigerungen nahezu automatisch.

comdirect: In welcher Weltregion sehen Sie auf mittlere Sicht die größten Chancen?

Michael Reuss: Aktuell würde ich keinen Markt besonders hervorheben. Der US-amerikanische Markt ist in der Breite zwar teuer, hat aber hervorragende Unternehmen. Hier ist Stock-Picking angesagt. China ist sehr interessant und Politik und Notenbank haben noch viel Spielraum für Stimulierungen. Es bleiben aber politische Risiken. Europa ist – erst recht nach dem Einbruch durch den Krieg in der Ukraine – deutlich niedriger bewertet als die USA und bietet Chancen. Die EZB wird 2022 expansiver bleiben als die US-Fed. Zudem gibt es auf unserem Kontinent viele Value-Unternehmen. Als Außenseitertipp sehe ich Großbritannien. Britische Aktien haben den Rückstand aus der Brexit-Zeit noch nicht aufgeholt. Mich würde es nicht überraschen, wenn der britische FTSE 100 unter den bekannten Indizes am Ende des Jahres die beste Performance aufweist.

comdirect: Sind vielleicht Rohstoffe und Edelmetalle geeignete Alternativen?

Michael Reuss: Rohstoffe sind schon vor Ausbruch des Krieges stark im Preis gestiegen. Diese Tendenz hat sich verschärft. Die Unternehmen der Branche verdienen aktuell richtig Geld. Sie sind bewertungstechnisch günstig: Substanz und Ertragskraft stimmen, hohe Cashflows und Dividenden sichern die Kurse nach unten ab. Weil in den vergangenen Jahren wenig Geld in die Erschließung neuer Rohstoffquellen investiert wurde, dürfen die Unternehmen auch in der näheren Zukunft mit Knappheitspreisen rechnen. Allerdings gibt es ein Problem mit den ESG-Kriterien. Wirklich sauber ist Rohstoffgewinnung natürlich nicht. Gold hat zwar nach dem starken Plus im Jahr 2020 im letzten Jahr enttäuscht. Mit Blick auf die Inflation sollte man seinen Goldanteil im Portfolio aber eher höher als niedriger ansetzen.

comdirect: Welche Gefahren sehen Sie für das laufende Jahr?

Michael Reuss: Die Dauer des Ukraine-Konflikts sowie der aktuelle Cocktail aus kriegsbedingt gestiegenen Rohstoff- und Energiepreisen kombiniert mit den Effekten der Handelsembargos und politischer Positionierungen sind noch nicht vollständig zu überblicken. Das wirkt sich wachstumshemmend und inflationsfördernd aus. Das könnte zu Stagflation führen – also Nullwachstum bei gleichzeitig hoher Geldentwertung. Wenn jetzt noch eine erneute Unterbrechung der Lieferketten durch z.B. einen massiven Corona-Ausbruch in China dazu käme, würde das die Themen beschleunigen und wir sehr wahrscheinlich eine heftige Rezession sehen. Die Notenbanken haben in dem Fall dann nichts entgegenzusetzen.

„Der Wirtschaftsaufschwung wird in diesem Jahr in jedem Fall magerer ausfallen als erwartet.“

Michael Reuss

comdirect: Und wie wird das Börsenjahr 2022 insgesamt?

Michael Reuss: Nach dem Einbruch zum Beginn der Coronavirus-Pandemie wurden ab Mai 2020 an den Börsen die einfachen Renditen eingefahren. Vor allem die Bilanz im vergangenen Jahr war stark. So einfach wie bisher konnte es 2022 nicht werden. Jetzt sind die Märkte in den ersten zwei Wochen des Krieges um bis zu 20 % eingebrochen. Nur bei schneller Entspannung an der Front können diese Rückschläge in den großen Indizes im laufenden Jahr ausgeglichen werden. Der Wirtschaftsaufschwung wird in diesem Jahr in jedem Fall magerer ausfallen als erwartet.

comdirect: Sollten sich die Anleger von den Aktienmärkten verabschieden?

Michael Reuss: Nein. Aufgrund der negativen Realzinsen sind und bleiben Anlagealternativen zu den Aktienmärkten dünn gesät. Sobald sich die Lage an der Front beruhigt und die Energiepreise und die Inflationszahlen Entspannung signalisieren, dürften die Notierungen wieder anziehen. Dann ist Einzeltitelauswahl angesagt: Bei Rückversicherern, Markenaktien oder ausgewählten Technologiewerten der Spitzenklasse könnten sich die aktuellen Notierungen als gute Einstiegskurse erweisen. Chancen gibt es auch für die breiten Märkte, wenn die US-Fed eventuell im Sommer einen Kurswechsel einschlägt!

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung der Commerzbank AG, sondern die eines Dritten wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 15.03.2022; Quelle: comdirect.de