Interview „Aktien sind unverzichtbar!“

Interview: „Aktien sind unverzichtbar!“
Courtney Keating via Getty Images/iStockphoto

Vermögensverwalter Michael Reuss über die Konjunkturaussichten 2020 und warum mit den meisten Alternativen zu Aktien wenig zu verdienen ist.

Interview: „Aktien sind unverzichtbar!“

Michael Reuss
Michael Reuss ist Geschäftsführender Gesellschafter der im Jahr 2000 gegründeten Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen. Die Münchner Anlagespezialisten belegen regelmäßig Spitzenplätze in Vermögensverwalter‐Rankings.

comdirect: Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt: 2019 war nach dem Katastrophenquartal Ende 2018 ein hervorragendes Börsenjahr. Hat Sie das überrascht?

Michael Reuss: Ja, das Ausmaß der Erholung war überraschend. Am Anfang standen schwache Wirtschaftsdaten und eine orientierungslose Zinspolitik der Notenbanken. Dementsprechend vorsichtig war unsere Einschätzung. Als jedoch die Notenbanken weltweit den Schalter wieder in Richtung Liquiditätsschwemme umlegten, war der Aufwärtstrend absehbar. Auch wenn das Ausmaß mit einem Plus von rund 20 % an den wichtigsten Märkten schon überraschend hoch ausfiel.

comdirect: Kann der Aufwärtstrend so weitergehen?

Michael Reuss: In diesem Ausmaß wohl kaum. Aber ein Absturz ist noch unwahrscheinlicher. Denn der Markt ist nach unten eingebettet wegen des fehlenden risikolosen Zinses. Wir befinden uns in einem Sandwichmarkt. Unten federt der fehlende risikolose Zins ab. Oben wirken die durchwachsenen Wirtschaftsdaten wie ein Deckel. Aber es fehlen einfach die Anlagealternativen. Eine Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 oder auch 20 mit einer Dividendenrendite von 3 % ist langfristig einfach deutlich interessanter als eine sichere Bundesanleihe.

comdirect: Welche Faktoren stimmen Sie optimistisch?

Michael Reuss: Die relative Attraktivität der Aktien erkennen immer mehr Marktteilnehmer. Stiftungen etwa trauen sich zunehmend an Aktienanlagen, weil sie mit den Zinseinnahmen ihren Zweck kaum noch erfüllen können. Dazu kommt das globale Wirtschaftsumfeld. Wir haben keine ausgeprägten Zyklen mehr mit Überschwang und sehr hohen Investitionen, aber eben auch keine Depressionsphasen mit massivem Arbeitsplatzabbau und heftigen Rezessionen. Deshalb kann dieser Zyklus länger dauern, als viele glauben. Und schließlich gab es in den vergangenen Wochen bei den Frühindikatoren in Deutschland und Europa einige positive Ansätze. Wenn sich diese Ansätze zu Jahresbeginn verstärken, sind 2020 auch an der Börse positive Überraschungen möglich.

comdirect: Ist auf mittlere Sicht mit einer Normalität an der Zinsfront zu rechnen?

Michael Reuss: Ein paar Schwankungen und Zuckungen nach oben sind durchaus möglich. Bundesanleihen können nominal durchaus auch mal wieder positiv rentieren. Aber eine Rückkehr zu normalen Zinsen würde für mich einen positiven Realzins bedeuten. Und da weiß ich nicht, wo er mittelfristig herkommen sollte. Fast alle Staaten und viele Unternehmen weltweit sind hoch verschuldet, bei normalen Zinsen wären immense Zahlungsschwierigkeiten programmiert. Das haben wir zuletzt in den USA gemerkt. Gleichzeitig gibt es keine Inflation bei den Konsumgüterpreisen. Vorerst ist meiner Meinung nach also kein nennenswerter Zinsanstieg in Sicht.

comdirect: Bedeutet das auch weiterhin, dass Anleihen statt „Renditen ohne Risiko“ nur noch „Risiko ohne Renditen“ bieten?

Michael Reuss: Eindeutig ja. Alle Anleihen mit guter Bonität – egal ob von Staaten oder Unternehmen – liefern real negative Renditen. Man kann sie als defensiver Anleger beimischen – als Absicherung für den Worst Case einer harten Rezession und eines Crashs an den Aktienmärkten. Aber für sich allein genommen drücken diese Anleihen das Depot ins Minus. Mit Währungsspekulation oder im High-Yield-Bereich sind für Spezialisten vielleicht noch ein paar Zehntelpunkte Realrendite drin. Aber lohnt sich das für den normalen Privatanleger? Da würde ich eher dazu raten, das Geld auf dem Tagesgeldkonto zu parken.

comdirect: Welche Anlageklassen könnten die Funktion von Anleihen in gemischten Portfolios übernehmen – vielleicht Private Equity oder Immobilien?

Michael Reuss: Von Private Equity halte ich persönlich gar nichts. Es handelt sich hier um nicht börsennotierte Anlagen. Investoren haben wenig Einblick in die Risiken. Da empfehle ich eher einen interessanten Nebenwert aus dem SDAX oder gleich einen Bluechip wie Nestlé. Immobilien wiederum haben einen sehr starken Marktzyklus hinter sich und viele Experten sprechen bereits von einer Preisblase in begehrten Städten. Die Mietrendite liegt hier bei 2 % oder 3 % maximal. Wer will sich dafür den Ärger mit Verwaltung, Instandhaltung und Mietern antun? Dazu kommt: Beim Kauf müssen sie mit 10 bis 15 % Nebenkosten rechnen. Um die wieder einzuspielen, braucht es eine Wertsteigerung. Und daran glaube ich nach der jüngsten Preisexplosion nicht – erst recht nicht, wenn die Mietpreisbremse in Berlin Schule macht.

comdirect: Dann sind vielleicht Rohstoffe und Edelmetalle geeignete Alternativen? Ist Gold die Lösung?

Michael Reuss: Da gilt es zu unterscheiden: Die Preisentwicklung bei Rohstoffen hängt stark vom Konjunkturzyklus ab. Wenn die weltweite Konjunktur 2020 wieder etwas besser in Schwung kommt, könnten zum Beispiel Investitionen in Kupfer interessant werden. Das sollte man als Anleger im Blick behalten. Bei Gold ist die Lage anders. Gold hat seine eigene Logik und ist aus meiner Sicht eine unverzichtbare Depotbeimischung. Ganz unabhängig von der aktuellen Preisentwicklung sollten breit aufgestellte Anleger 5 bis 10 % Gold im Depot halten – für den Fall, dass das gigantische Notenbankexperiment der zurückliegenden Jahre schiefgeht.

comdirect: In welcher Weltregion sehen Sie 2020 die größten Chancen?

Michael Reuss: Die USA sind im Prinzip der interessanteste Markt. Denn hier gibt es zum einen die größten und innovativsten Technologieunternehmen der Welt, zum anderen gibt es weiterhin Wachstum und schließlich viel politische Unterstützung für Unternehmen. Allerdings kommen wir in ein Wahljahr und dezidiert linke Kandidaten wie die Senatoren Elizabeth Warren oder Bernie Sanders würden der Wall Street wenig gefallen. Die Emerging Markets sind spekulativer. Aber sie könnten eine gute Idee sein, wenn die Zinsen niedrig bleiben und der Dollar nicht weiter steigt. In Deutschland und Europa schließlich sind die Aktien im Vergleich günstig bewertet und liefern gute Dividendenrenditen.

comdirect: Immer wieder wird das Comeback von Value-Werten erwartet. Ist es 2020 endlich so weit?

Michael Reuss: Die entscheidende Frage lautet: Wo gibt es langfristig stabile Gewinne mit Wachstumspotenzial? Das gestaltet sich bei einigen alten Industrien schwierig. Dass etwa Volkswagen zurzeit mit einem extrem niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund sechs notiert, hat ja seinen Grund. Bei anziehender Konjunktur kann die Branche aber auch gute Turnaround-Chancen bieten. Dennoch würde ich zurzeit eher auf Technologieaktien setzen. Die Google-Mutter Alphabet etwa hat mit Waymo gegenüber der Konkurrenz rund 18 Monate Vorsprung beim automatisierten Fahren. Wenn sich die Technik durchsetzt, könnte Waymo so unverzichtbar werden wie Microsoft für Computer. Dann stünde Alphabet vor einer Neubewertung.

comdirect: Welche Gefahren sehen Sie für das neue Jahr?

Michael Reuss: Steigende Zinsen halte ich für sehr unwahrscheinlich. Konjunkturelle Risiken gibt es, aber eine echte Rezession wohl nicht. Wenn sich die positiven Frühindikatoren nicht bestätigen, könnte es aber zwischenzeitlich wacklig werden. Die US-Wahl dürfte ebenfalls je nach Umfragen für höhere Volatilität sorgen. Beim Handels-Cha-Cha-Cha mit China erwarte ich leichte Entspannung, weil Präsident Trump wiedergewählt werden möchte. Der Konflikt zwischen den USA und China ist aber mittelfristig das größte Problem. Hier kämpfen zwei Systeme um die Vorherrschaft in der Weltwirtschaft und nutzen dabei auch protektionistische Methoden, die der globalen Ökonomie schaden.

comdirect: Nach den schlechten Erfahrungen 2018 sind 2019 viele Anleger an der Seitenlinie geblieben – sollten sie jetzt noch einsteigen?

Michael Reuss: Warren Buffetts Antwort auf die Frage, wann der beste Zeitpunkt für den Einstieg in den Aktienmarkt sei, lautet – „heute“. Und angesichts der aktuellen Situation und der mittelfristigen Aussichten kann ich ihm da nur zustimmen. Für Privatanleger macht es deshalb keinen Sinn, auf den vermeintlich besten Einstiegszeitpunkt zu warten. Wer sein Kapital in zwei bis drei Tranchen investiert, kann vermeiden, auf einem zyklischen Hoch einzusteigen. Vorsichtigere Naturen können über einen Sparplan noch kleinteiliger investieren. Bei kleineren Anlagevermögen bieten sich dafür Fonds oder ETF-Indexfonds an.

Aktien und Aktienfonds unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente dient ausschließlich Informationszwecken und stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Sie soll lediglich Ihre selbstständige Anlageentscheidung erleichtern und ersetzt keine anleger‐ und anlagegerechte Beratung. Bei den hier dargestellten Informationen und Wertungen handelt es sich um eine Werbemitteilung, die nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit einer Anlageempfehlung oder Anlagestrategieempfehlung genügt. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Darüber hinaus unterliegen die dargestellten Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente keinem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Anlage‐ oder Anlagestrategieempfehlungen. Stand: 18.12.2019; Quelle: comdirect.de.