Interview „Höhere Zinsen sind nicht für alle Aktien Gift“

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DWS-Fondsmanager Marcus Poppe über die aktuelle Schwäche von Dividendenstrategien. Und warum er trotzdem an den langfristigen Erfolg glaubt.

Marcus Poppe

Marcus Poppe verwaltet zusammen mit Thomas Schüßler rund 20 Milliarden Euro im Fondsklassiker DWS Top Dividende. Zudem ist er für den DWS Global Value und den DWS Smart Industrial Technologies verantwortlich.

comdirect: Dividendenstrategien und auch der DWS Top Dividende haben zuletzt im Vergleich zum Gesamtmarkt nicht besonders positiv abgeschnitten. Wo liegen die Gründe?

Marcus Poppe: Dividendenstrategien sind schon seit einiger Zeit hinter dem breiten Markt zurückgeblieben. Denn Anleger haben sich in der Niedrigzinsphase vor allem auf Technologieaktien konzentriert. Weil diese meist keine oder nur geringe Dividenden ausschütten, hatten es Fonds mit Dividendenschwerpunkt schwer. Überraschend war allerdings der Rückstand im Jahr 2020. Wenn man Anfang des Jahres die Pandemie hätte voraussehen können, dann hätten wir vermutlich mit recht breiter Brust gesagt: Wir schneiden besser ab als der Gesamtmarkt. In den ersten Wochen nach dem Shutdown war das auch so. Aber im Endeffekt ist das Gegenteil passiert.

comdirect: Warum?

Poppe: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist normalerweise Defensive Trumpf. Hochbewertete Aktien aus dem Technologiesektor sind in solchen Phasen traditionell anfälliger. Aber in der außergewöhnlich scharfen Pandemie-Rezession gab es eine historische Ausnahme: Gerade die digitalen Geschäftsmodelle waren 2020 mit ihren Produkten und Dienstleistungen gefragt. Das hat sich zum Beispiel bei den Halbleitern gezeigt, die früher in Rezessionsphasen überproportional nachgegeben haben und diesmal schnell wieder im Aufwärtstrend waren.

comdirect: Sind nach diesem Jahr Zweifel an der Dividendenstrategie aufgekommen?

Poppe: Nein. Ein Strategieschwenk kommt für uns nicht infrage. Unser Ziel bleibt es, kontinuierlich höhere Dividenden zu erzielen und auszuschütten. Anpassungen nehmen wir laufend vor. In manchen Bereichen der Technologie engagieren wir uns stärker, wenn sie eine höhere Dividendenrendite aufweisen. Oder wir kaufen zyklischere Modelle mit höheren Dividenden, etwa aus der Industrie, die von einem konjunkturellen Aufschwung profitieren.

comdirect: Könnten dividendenstarke Branchen in naher Zukunft gegenüber den Technologiewerten aufholen?

Poppe: Das hängt von der Konjunktur- und Zinsentwicklung ab. Der Technologiesektor hat in den vergangenen Jahren stark von den niedrigen Zinsen profitiert. Ohne Zweifel ist er heute auch viel stärker als etwa um die Jahrtausendwende. Bei den hohen Kursen damals galt oft das Prinzip Hoffnung. Heute dagegen gibt es viele erfolgreiche Geschäftsmodelle mit hohen Gewinnmargen. Aber wenn sich ein Faktor wie die Zinshöhe ändert, kann es auf dem erreichten Niveau durchaus eine Korrektur geben und das Kurs-Gewinn-Verhältnis sinken.

comdirect: Sind höhere Zinsen nicht für alle Aktien Gift?

Poppe: Nicht unbedingt. 2018 lagen die Renditen für zehnjährige US-Staatsanleihen bei 3 %. Seitdem ist die durchschnittliche Bewertung der Tech-Branche um rund 40 % gestiegen. Große Sektoren wie Konsum, Versorger oder Telekommunikation werden dagegen noch zu ähnlichen Kurs-Gewinn-Verhältnissen wie 2018 gehandelt. Sie haben also im Gegensatz zu den Tech-Werten gar nicht vom Niedrigzins profitiert. Bei höheren Zinsen gibt es durchaus Potenzial, dass sich die Branchenbewertungen einengen und sich stabile Dividendenwerte besser entwickeln als Technologieaktien. Die Entwicklung des Zinsniveaus hängt auch von der Wachstumsentwicklung ab. Wenn die vielen staatlichen Konjunkturprogramme wirken und die Menschen wieder reisen, einkaufen und das gesparte Geld ausgeben können, könnten mit steigender Inflation auch die Zinsen einen Schub bekommen.

„Bei höheren Zinsen gibt es durchaus Potenzial, dass sich die Branchenbewertungen einengen und sich stabile Dividendenwerte besser entwickeln als Technologieaktien.“

Marcus Poppe
DWS-Fondsmanager

comdirect: Werden Dividendenstrategien beim Blick auf die Bewertungen wieder zu ihren alten Stärken zurückfinden?

Poppe: Davon gehe ich aus. Mehr als die Hälfte der Gesamtrendite von Aktienanlagen entstammt den Ausschüttungen. Deshalb haben Anlagen mit dem Fokus auf dividendenstarke Aktien über die vergangenen Jahrzehnte den Gesamtmarkt übertroffen. Es ist unglaublich schwer, am Anfang des Jahres vorherzusagen, wohin sich der Markt entwickelt. Deutlich leichter ist es vorherzusagen, ob Unternehmen die in sie gesteckten Dividendenerwartungen erfüllen. Das hat sogar in der Ausnahmesituation Pandemie funktioniert. Nur 5 % der Unternehmen im DWS Top Dividende haben ihre Dividenden gekürzt oder ausfallen lassen, alle anderen gehalten oder sogar gesteigert. Die Bewertung unseres Fondsportfolios ist attraktiv. Das erwartete Durchschnitts-KGV für 2022 liegt bei gut 14. Zum Vergleich: Das MSCI-World-KGV für 2022e liegt bei 18, in Tech-Indizes noch weit höher.

comdirect: Müssen Aktien Mindest-Dividendenrenditen aufweisen, um im DWS Top Dividende Aufnahme zu finden?

Poppe: Wir zielen auf eine durchschnittliche Dividendenrendite ab, die deutlich über dem Gesamtmarkt liegt. Aktuell liegen wir bei knapp 4 %. Das bleibt das Ziel, weil Anleger von dem Fonds regelmäßige und überdurchschnittliche Ausschüttungen erwarten. Als Fondsmanager kann man durchaus ausgewählte wachstumsstarke Unternehmen aufnehmen, die nur 1,5 % oder 2 % ausschütten. Aber das müssen dann Unternehmen kompensieren, deren Dividendenrenditen bei 4 bis 6 % liegen.

comdirect: Worauf sollten Anleger neben der reinen Dividendenrendite achten?

Poppe: Bei unseren quantitativen Screenings legen wir neben der Dividendenrendite Wert auf Dividendenwachstum und die Ausschüttungsquote. Diese drei Kennzahlen passen gut zusammen und zeigen, wie nachhaltig die Ausschüttungsfähigkeit eines Unternehmens ist. Wenn die Ausschüttungsquote sehr hoch ist und die Dividendenhöhe dabei nur konstant bleibt, ist das ein starkes Warnzeichen. Denn dann kann in einer kleinen Unternehmenskrise die Dividende schnell gekürzt werden. Und das wirkt sich dann meist auch negativ auf die Kursentwicklung aus.

comdirect: Gibt es Branchen, in denen diese Anforderungen besonders häufig erfüllt sind?

Poppe: Viele Unternehmen aus den Bereichen Basiskonsum, Versorger und Telekommunikation gehören dazu. Die Ölförderer etwa haben zuletzt rationalisiert und profitieren von den steigenden Rohölpreisen. Auch andere Rohstoffunternehmen können bei anziehenden Notierungen hohe Ausschüttungen leisten und immer noch genug in das laufende Geschäft investieren.

comdirect: Bei den früher so dividendenstarken Automobilen sehen Sie diese Chance nicht?

Poppe: Automobilhersteller und Zulieferer befinden sich seit Jahren in einer schwierigen Position. Sie müssen enorme Summen in die E-Mobilität und autonomes Fahren investieren. Da bleibt für Ausschüttungen an die Anleger weniger Raum. Im Automobilsektor sind Reifenhersteller interessant. E-Mobilität sorgt durch das stärkere Drehmoment für mehr Abrieb an den Reifen. Dementsprechend gibt es häufiger Ersatzbedarf. Zudem sind die Entwicklungskosten im Reifengeschäft niedriger als bei den Autobauern.

comdirect: Warum sind die USA im Fonds untergewichtet?

Poppe: In den USA setzen die Unternehmen mehr auf Aktienrückkäufe als auf Dividenden. Dividenden spielen eine geringere Rolle als in Europa. Zwar gibt es sehr viele gute Geschäftsmodelle und die Unternehmen sind oft profitabler als im internationalen Durchschnitt. Aber unsere Anleger legen Wert auf hohe Ausschüttungen. Deshalb sind wir in den USA immer untergewichtet gewesen, erst recht, seitdem US-Aktien wegen der Tech-Hausse im MSCI-World immer mehr Gewicht einnehmen.

comdirect: Deutschland ist im Gegensatz zu den USA ein klassisches Dividendenland. Warum ist zurzeit kein einziges deutsches Unternehmen unter den Top Ten im Portfolio?

Poppe: Da der deutsche Markt wegen der starken Exportausrichtung durch Chemie, Auto und Maschinenbau sehr zyklisch ist, haben wir den Anteil im Frühjahr 2020 reduziert. Andere Regionen waren von der Krise nicht ganz so stark betroffen.

comdirect: Und mit Blick auf die Konjunktur, die laut Experten anziehen dürfte? Haben Sie da nicht an deutsche Unternehmen gedacht?

Poppe: Entscheidend sind die Geschäftsmodelle, die von einer Erholung besonders stark profitieren. Wir sehen außerhalb Deutschlands viele interessante Gelegenheiten. Neben den Rohstoffen und Versorgern könnte auch der Bankensektor interessant werden. Da aber sind die US-Banken klar im Vorteil, weil sie nicht mit Minuszinsen zu kämpfen haben und Gewinne ausschütten können. Dazu sind die wenigsten europäischen Banken in der Lage.

Aktien und Aktienfonds unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente dient ausschließlich Informationszwecken und stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Sie soll lediglich Ihre selbstständige Anlageentscheidung erleichtern und ersetzt keine anleger‐ und anlagegerechte Beratung. Bei den hier dargestellten Informationen und Wertungen handelt es sich um eine Werbemitteilung, die nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit einer Anlageempfehlung oder Anlagestrategieempfehlung genügt. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Darüber hinaus unterliegen die dargestellten Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente keinem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Anlage‐ oder Anlagestrategieempfehlungen. Stand: 16.03.2021; Quelle: comdirect.de.