Börsen-Interview „Es ist sinnvoll, am Aktienmarkt zu bleiben“

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Dr. Hans-Jörg Naumer, Leiter Kapitalmarktanalyse von Allianz Global Investors, über den massiven Konjunktureinbruch, die beispiellosen Rettungsprogramme und die rasante Börsenerholung.

Dr. Hans-Jörg Naumer

Dr. Hans-Jörg Naumer

Dr. Hans-Jörg Naumer ist Director Global Capital Markets & Thematic Research bei AllianzGI. Er beschäftigt sich bei der Fondsgesellschaft vor allem mit Analysen zur strategischen und taktischen Allokation, spezifischen Anlagechancen und dem Herausarbeiten langfristiger Trends der Kapitalanlage.

comdirect: Herr Naumer, weltweit wird die Wirtschaft durch das Corona-Virus ausgebremst, aber an der Börse ziehen die Kurse nach oben. Der DAX liegt nahe 13.000 Punkten, die US-Technologiebörse Nasdaq hat fast alte Höchststände erreicht. Sind die Investoren verrückt geworden?

Dr. Hans-Jörg Naumer: Verrückt sind Investoren selten, manchmal aber extrem clever. Viele haben den tiefen Absturz genutzt, um günstig einzusteigen. Denn es gibt unter Anlegern auch eine gewisse Verzweiflung angesichts des Zinsumfeldes. Zudem scheint seit einigen Wochen die ökonomische Zukunft nicht mehr so düster wie noch im März. Zumindest die Industriestaaten scheinen die Pandemie mehr oder weniger im Griff zu haben, und es gibt erste Hoffnungszeichen bei Medikamenten und Impfstoffen. Wenn keine 2. Welle kommt, haben wir den Boden in der Realwirtschaft wohl erreicht.

comdirect: Dennoch sieht die Welt weniger rosig aus als zu Jahresanfang oder vor 12 Monaten…

Dr. Hans-Jörg Naumer: Das ist richtig. Mit den Folgen der Corona-Krise werden wir noch lange zu tun haben. Dennoch liegt etwa der S&P über 12 Monate schon im Plus. Das sind Vorschusslorbeeren, die künftig gerechtfertigt werden müssen. Klar ist: Nach dem tiefen Fall wird sich die Wirtschaft erholen. Aber wie wird der Aufstieg erfolgen? Ich glaube nicht an eine L-Formation mit einer längeren Stagnation. Aber eine V-Formation – wie aktuell an der Börse eingepreist – scheint mir in der Realwirtschaft auch nicht sehr wahrscheinlich. Das Minus beim Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 wird 2021 wohl nicht kompensiert werden können.

„Die Covid-Krise ist ähnlich brachial wie die Finanzkrise über uns hereingebrochen, aber die Folgen sind noch gravierender.“

Dr. Hans-Jörg Naumer,
Leiter Kapitalmarktanalyse von Allianz Global Investors

comdirect: Kann man die Krise mit der Finanzkrise vergleichen? Wo liegen die Unterschiede?

Dr. Hans-Jörg Naumer: Die Covid-Krise ist ähnlich brachial wie die Finanzkrise über uns hereingebrochen, aber die Folgen sind noch gravierender. Das sieht man ja schon an den Hilfspaketen, die noch schneller geschnürt wurden und noch üppiger ausgefallen sind. Schon jetzt wurde circa das Doppelte an Finanzhilfen zugesagt. Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. 2008 bis 2009 hat sich die Krise langsamer entwickelt, sie braute sich über Monate zusammen und traf vor allem das Finanzsystem. Diesmal haben wir es mit einem Dreifachschock zu tun: Dem Finanzsystem mit der Liquiditäts- und Kreditversorgung drohte der Zusammenbruch, dazu ein massiver Angebotsschock angesichts unterbrochener Lieferketten bzw. Engpässen bei Vorprodukten. Und dann noch ein großer Nachfrageschock durch die weltweiten Einkommensausfälle.

comdirect: Wie fanden Sie die Medizin der Regierungen und Notenbanken? War sie richtig gewählt und dosiert?

Dr. Hans-Jörg Naumer: Das kann man erst im Nachhinein genau beurteilen. Die Geldpolitik aller Zentralbanken war jedenfalls wichtig und richtig, das war für die Liquiditätssicherung der Staaten und Unternehmen essenziell. Aber Zentralbanken können nicht alles regeln; erst recht nicht, wenn man sich schon im Bereich der Negativzinsen befindet. Deshalb ist in dieser Krise die Fiskalpolitik stärker gefragt. Denn aufgrund der Einkommenseinbrüche und der steigenden Arbeitslosigkeit – oder auch der Angst davor – gibt es eine geringere Konsumneigung. Gerade jetzt lautet die kritische Frage, die auch für Anleger wichtig ist: Schafft es die Fiskalpolitik, die Wirtschaft schnell wieder ans Laufen zu bringen?

comdirect: Gibt das 130-Milliarden-Konjunkturpaket einen echten Schub? Wurden die richtigen Instrumente gewählt?

Dr. Hans-Jörg Naumer: Das Erste-Hilfe-Paket für Unternehmen und das Kurzarbeitergeld im März und April waren extrem wichtig, damit der Lockdown nicht zu größeren Schäden führte. Das aktuelle Programm soll vor allem den Konsum und somit die Konjunktur stimulieren. Natürlich kann man immer an einzelnen Punkten mäkeln, der Kinderbonus etwa hat eher symbolischen Charakter und wird bei vielen verpuffen. Insgesamt aber finde ich das Programm aus ökonomischer Sicht gelungen. Und Deutschland kann es sich leisten. Aufgrund der langjährigen schwarzen Null und des extrem günstigen Zinsumfeldes haben wir ein hervorragendes Refinanzierungsniveau.

comdirect: Sind Schulden etwa gar nicht mehr dramatisch – oder wird es Spätfolgen geben?

Dr. Hans-Jörg Naumer: Das kommt darauf an: Deutschland hat eine enorme Schuldentragfähigkeit und ist eine Insel der Seligen. Bei uns sehe ich auch bei großen Zahlen kein Problem. Aber es bilden jetzt auch viele Staaten neue Schuldenberge, die es sich nicht leisten können. Da wird es irgendwann zum Schwur kommen. Ich habe den Eindruck, dass der Druck von den Staaten auf die EZB steigt. Die Zentralbanken würden gut daran tun, ihre Hilfsaktionen noch deutlicher als „Notmaßnahmen“ zu definieren. Die Hilfe jetzt ist unabdingbar, aber sie sollte nicht zum Dauerzustand werden.

comdirect: Schwache Konjunktur, steigende Schulden: Was heißt das für Investoren? Empfehlen Sie Anlegern, nach der Aufholjagd der letzten Monate noch einzusteigen – oder erwarten Sie weitere Rücksetzer?

Dr. Hans-Jörg Naumer: Das ist eine schwierige Frage – schon für uns als professionelle Marktbeobachter und erst recht für Privatanleger. Es wird in den kommenden Monaten mit Sicherheit ein kurviger Weg an den Finanzmärkten. Die aktuellen Stände sind nicht in Stein gemeißelt und es gibt ein großes Enttäuschungspotenzial. Die Gewinnerwartungen für 2021 sind jedenfalls sehr hoch. Andererseits sind bei anhaltenden Niedrig- und Negativzinsen Sachwerte – zum Beispiel Aktien – auf Dauer unverzichtbar. Und dass das Zinsniveau auf lange Sicht extrem niedrig/negativ bleiben wird, ist klar. Deshalb sollte man nie komplett am Seitenrand stehen.

comdirect: Welche Branchen erscheinen aussichtsreich?

Dr. Hans-Jörg Naumer: In der ersten Welle haben sich Aktien aus den Sektoren Technologie, Basiskonsum und Gesundheit am besten gehalten. Denn ihre Produkte wurden von der Krise weniger betroffen oder waren sogar stärker gefragt. Solange die Musik hier spielt, sollten Anleger dabei sein. Bei Banken und Industrie gibt es Nachholpotenzial, aber viele Unternehmen haben auch mit spezifischen Problemen zu kämpfen. Nach unserer Einschätzung werden langfristigere Trends und themenzentrierte Anlagen weiter an Bedeutung gewinnen – zum Beispiel künstliche Intelligenz als großer Trend nicht nur im Technologiesektor, Urbanisierung, Demografie und Gesundheit.

comdirect: Wie können Risiken reduziert werden? Welche Rolle spielen Immobilien, Renten oder Gold?

Dr. Hans-Jörg Naumer: Sachwerte sind trotz Krisen auf Dauer im Negativzinsumfeld die bessere Anlage. Wer diese Einschätzung teilt, kommt an Aktien nicht vorbei und sollte an den Börsen investieren. Man sollte das Thema ganzheitlich angehen – und eine Liste mit all seinen Vermögenswerten erstellen. Rentenpapiere etwa sorgen für Stabilität, bringen aber auf absehbare Zeit kaum Rendite und sind bei vielen durch private Kapitallebens- oder Rentenversicherungen bereits vertreten. Auch Immobilien sind bei vielen Anlegern schon vorhanden, selbst genutzt oder vermietet. Physisches Gold ist für mich keine Anlageform, sondern eine Religion – es bringt keinen Zins und man muss an eine Wertsteigerung glauben. Wenn, dann würde ich Goldminenaktien bevorzugen oder auf lange Sicht einen Rohstofffonds. Wenn die Konjunktur deutlich dreht, sind die Rohstoffe wieder vorn.

comdirect: Was raten Sie Anlegern in dem aktuell so volatilen Umfeld?

Dr. Hans-Jörg Naumer: Wir können aktuell auf zwei Seiten vom Pferd fallen: Es ist sinnvoll, auch in volatilen Zeiten am Aktienmarkt zu bleiben. Zu mutig zu agieren, ist aber auch nicht anzuraten. Je nach Risikobereitschaft und Lebensumständen sollte eine feste Aktienquote festgelegt und per Sparplan gehalten werden. Stock Picking macht Spaß, aber ist gerade aktuell für die meisten Anleger schwierig. Mit gemanagten und diversifizierten Lösungen können sie besser schlafen.

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