Interview alternative Investments „Nachhaltigkeit wird zum Standard“

Eine Frau sitzt auf einer Klippe und schaut auf das Meer
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Nachhaltigkeit ist das Megathema der Finanzindustrie. Allerdings sind sich die Experten uneinig, was darunter zu verstehen ist. Das muss kein Nachteil sein, meint Nachhaltigkeitsexperte Carlo Funk.

Carlo Funk

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Carlo Funk ist Head of ESG Investment Strategy für Europa, Mittlerer Osten und Afrika bei der Fondsgesellschaft State Street Global Advisors. Nach Stationen bei JP Morgan und Blackrock ist er seit 2019 für State Street tätig. Bereits in seiner Masterarbeit beschäftigte er sich mit der Integration von Nachhaltigkeit im Portfolio-Management.

comdirect: Herr Funk, Deutschland erlebte im Juli heftige Fluten. Und das Weltklima ist stärker bedroht als bisher gedacht, berichtet der Weltklimarat. Sie bewerten die Nachhaltigkeit von Unternehmen. Wie gehen solche Ereignisse in Ihre Arbeit ein?

Carlo Funk: Solche Flutereignisse haben unmittelbar keinen Effekt auf unsere Bewertung von Firmen, außer natürlich eine Firma wäre direkt betroffen. Klimarisiken an sich sind aber ein ernsthaftes Risiko für die Gesellschaft und damit auch für Unternehmen und Kapitalmärkte. Ein großer Teil der Nachhaltigkeitsbewertung ergibt sich durch Vorgaben der Regulierung und Gesetzgebungen. Wenn die Politik in der Regulierung und in der Gesetzgebung Klimaschutz stärker verankert, wirkt sich das auf Unternehmen aus. Die Flutkatastrophe dürfte zu einem Umdenken in der Gesellschaft führen. Unternehmen müssen sich in diesem Umfeld daher Gedanken über eine Klimastrategie machen.

comdirect: Sie stufen die Nachhaltigkeit von Unternehmen anhand der ESG-Kriterien Umwelt, Soziales und Unternehmensführung ein. Wie gehen Sie dabei vor?

Carlo Funk: Meine Aufgabe ist, Portfolios nachhaltig aufzustellen. Ich kann ein Unternehmen im Hinblick auf Nachhaltigkeit auf verschiedenen Ebenen betrachten. Ich kann die Kennzahlen für die Treibhausgase auswerten oder analysieren, wie ein Unternehmen mit Mitarbeitern umgeht. Wir kaufen Daten von spezialisierten Firmen ein, die die Nachhaltigkeit von Unternehmen aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Diese Daten gehen in eine Datenplattform ein und wir leiten daraus ein eigenes ESG-Rating ab. Wichtig ist für uns, dass die analysierten Nachhaltigkeitsfaktoren finanziell relevant sind. Dabei orientierten wir uns am Rahmenwerk des Sustainability Accounting Standard Board, kurz SASB. Das ist ein weltweiter Standard, der hilft, Nachhaltigkeit von Unternehmen vergleichbar zu machen.

comdirect: Können Sie ein Beispiel nennen?

Carlo Funk: Zum Beispiel die Produktsicherheit oder die Produktqualität bei einem Spielzeughersteller: Unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ist es wichtig, ob ein Hersteller Spielzeug wegen Qualitätsmangels oder wegen des Einsatzes von schädlichen Stoffen zurückziehen musste oder ob diesbezüglich Klagen vorliegen. Solche Informationen gehen oftmals in eine klassische Bilanz nicht ein. Solche Faktoren sind aber äußerst wichtig, um die Nachhaltigkeit eines Unternehmens zu bewerten. Sie spielen für Investoren heute eine wichtige Rolle.

comdirect: Was machen Sie mit diesen Informationen?

Carlo Funk: Damit können wir uns als Investor ein umfassendes Bild machen und können den Spielzeughersteller besser bewerten. Diese Ergebnisse nutzen wir auch, um beim Unternehmen Verbesserungen anzusprechen. Zum Beispiel nehmen wir zu Unternehmen Kontakt auf, die in unserem Nachhaltigkeitsrating zu den 10 % mit dem schlechtesten Rating gehören. Wir zeigen auf, wo sie sich verbessern können. Das ist ein konstruktiver Dialog, der den Unternehmen hilft, besser zu werden. Diese Informationen können auch in Abstimmungen bei Hauptversammlungen eingehen.

comdirect: Ratinghäuser wie MSCI oder Sustainalytics kommen bei der Beurteilung der Nachhaltigkeit von Unternehmen oft zu unterschiedlichen Urteilen. Wie gehen Sie mit solchen Widersprüchen um?

Carlo Funk: Das liegt an den unterschiedlichen Bewertungskriterien. Sie sind organisch gewachsen und unterscheiden sich. Beim Stromverbrauch oder bei den CO2-Emissionen ist das Vorgehen ähnlich. Bei der qualitativen Bewertung unterscheiden sich die Ergebnisse aber erheblich. Ich sehe darin kein so großes Problem. Denken Sie nur daran, dass Finanzanalysten Unternehmen ebenfalls sehr unterschiedlich einschätzen. Da sind die Bandbreiten der Bewertung oft sehr groß. Warum soll das im Nachhaltigkeitsbereich anders sein? Daher beziehen wir die Daten von mehreren Analysehäusern in unserer Datenbank mit ein.

comdirect: Oft ist nicht klar, was Nachhaltigkeit bedeuten soll. Bestes Beispiel dafür ist die Atomenergie, die Deutschland als wenig, Frankreich dagegen als sehr nachhaltig ansieht. Wie schätzen Sie die Diskussion ein: Wächst ein gemeinsames Verständnis für Nachhaltigkeit?

Carlo Funk: Da sind wir auf einer sehr persönlichen, meinungsgetriebenen Ebene. Das wird man nie auf einen Nenner bringen. Atomenergie ist ein gutes Beispiel. Aus Klimasicht ist das eine positive Energiequelle ohne Treibhausgase. Aber mögliche Risiken werden ausgeblendet. Es bleiben auch kulturelle Unterschiede. So sind im arabischen Raum Alkohol, Hersteller von Schweinefleisch oder Glücksspiele verboten. Im Grundsatz beobachte ich aber, dass sich Auffassungen generell annähern, gerade beim Klimaschutz. Es ist jetzt wissenschaftlicher Konsens, dass der Klimawandel sehr relevant ist und wir handeln müssen.

„Es wird geschätzt, dass es heute nur etwa 50 % der Technologien gibt, die gebraucht werden, um langfristig die Pariser-Klimaziele zu erreichen. Dieser Wandel ist auch eine große Chance.“

Carlo Funk, Head of ESG Investment Strategy für Europa, Mittlerer Osten und Afrika

comdirect: Der Druck auf Unternehmen, möglichst wenig Klimagase zu emittieren, ist groß wie nie. Dazu tragen auch die verschärften Klimaschutzziele bei. Können Sie bei den Unternehmen schon Verbesserungen beobachten? 

Carlo Funk: Manche sind schneller, manche langsamer. Der Druck wird durch das Engagement und in manchen Fällen durch Kurswechsel der Regierungen größer. Wenn Sie als Unternehmen keine Aussage über ihre Klimastrategie treffen, so kann sich das negativ auf die Unternehmensbewertung auswirken. Es bewegt sich sehr viel. Das Thema Net Zero, also keine CO2-Emissionen, hat alle erfasst. Viele Unternehmen formulieren Strategien und Ziele, um Treibhausgase zu reduzieren und/oder emissionsneutral zu sein.

comdirect: Halten Sie das für möglich?

Carlo Funk: Klar ist: Die Technologien von heute reichen alleine dazu nicht aus. Denken Sie nur an Stahl oder Zement, die bisher mit hohen CO2-Emissionen produziert werden. Hier müssen Unternehmen und Wissenschaft an neuen Technologien arbeiten. Es wird geschätzt, dass es heute nur etwa 50 % der Technologien gibt, die gebraucht werden, um langfristig die Pariser-Klimaziele zu erreichen. Dieser Wandel ist auch eine große Chance.

comdirect: Was empfehlen Sie einem Anleger, der nachhaltig in einen Aktienfonds investieren will? Wie soll er vorgehen, um ein passendes Produkt zu finden?

Carlo Funk: Ich würde mich generell mit der Strategie eines Fonds beschäftigen und prüfen, ob das zu meinen Erwartungen passt. Mit der Offenlegungsverordnung der Europäischen Union müssen Investmenthäuser darlegen, wie sie Fonds managen. Sie müssen aufzeigen, ob sie einen Fonds nachhaltig managen oder nicht. Es gibt sogar eine Kategorie von Fonds, die einen bestimmen Zweck verfolgen, zum Beispiel Klimaschutz. Die Fondshäuser müssen diese Produkte im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeit kennzeichnen und dann die Methodik genau offenlegen. Das ist eine positive Entwicklung, die für mehr Transparenz sorgt. Anleger können sich in Zukunft besser orientieren.

comdirect: Aktiv gemanagte und passive Fonds sind zuletzt wie Pilze aus dem Boden geschossen. Schwimmen neben institutionellen Anlegern wie Stiftungen, Kirchen oder Pensionsfonds jetzt auch Privatanleger voll auf der Nachhaltigkeitswelle?

Carlo Funk: Institutionelle Anleger sind weiter vorne. Aber Nachhaltigkeit ist bei Privatanlegern angekommen. Vor ein paar Jahren war das noch für Privatanleger weitgehend ein Exotenthema. Ab August 2022 müssen Finanzberater ihre Kunden fragen, ob und wie sie nachhaltig investieren wollen. Nachhaltigkeit ist kein Nischenthema mehr, sondern wird zum Standard und wird uns dauerhaft begleiten.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect, sondern die eines Dritten wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 24.08.2021; Quelle: comdirect.de