Nachhaltige Geldanlage „Der Klimawandel bleibt die größte Herausforderung“

Luftaufnahme einer Windkraftanlage
© franckreporter via Getty Images/istockphoto

Rainer Baumann, Leiter Investments und Mitglied der Geschäftsleitung von RobecoSAM, über die Perspektiven der nachhaltigen Geldanlage.

Rainer Baumann

Rainer Baumann ist Leiter Investments und Mitglied der Geschäftsleitung von RobecoSAM

Rainer Baumann ist Leiter Investments und Mitglied der Geschäftsleitung von RobecoSAM. Er betreut ein Team von Investmentspezialisten und verantwortet die RobecoSAM Global SDG Equities Anlagestrategie.

comdirect: Herr Baumann, die Klimadebatte ist in Zeiten der Corona-Pandemie etwas in den Hintergrund gerückt, selbst Klima-Aktivistin Greta Thunberg wird ab Herbst wieder in die Schule gehen. Hat nachhaltiges Wirtschaften an Bedeutung verloren?

Rainer Baumann: Nein, im Gegenteil: Der Ruf nach nachhaltigen Unternehmenspraktiken und Finanzprodukten ertönt zunehmend lauter und stärker – von den Konsumenten, den Gesetzgebern, den Privatanlegern und von den institutionellen Anlegern.

comdirect: Überwiegt nicht die Angst, dass die Konjunktur schwach bleibt und die Arbeitslosigkeit steigt?

Rainer Baumann: Aktuell vielleicht. Aber am Ende ist klar: Der Klimawandel bleibt die größte und komplexeste Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Die negativen Auswirkungen manifestieren sich, anders als bei Corona, zwar nur schleichend. Aber die wirtschaftlichen Auswirkungen werden um ein Zigfaches höher sein als die der Corona-Pandemie – wenn wir jetzt nichts tun.

comdirect: Welche Trends sind im Bereich der nachhaltigen Geldanlage denn erkennbar?

Rainer Baumann: 2015 haben die Vereinten Nationen die 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – kurz SDGs) verabschiedet. Darunter finden Sie beispielsweise Aspekte wie Armuts- und Hungerbekämpfung, aber auch saubere Energie, Zugang zu Trinkwasser und Geschlechtergleichheit und natürlich den Klimaschutz. Das gibt allen Akteuren eine klare und konkrete Orientierung, welche Probleme es zu lösen gilt, wenn wir weiter auf diesem Planeten leben wollen.

comdirect: Wie können Investoren denn konkret Einfluss nehmen?

Rainer Baumann: Klassischerweise über die Wahrnehmung der Aktionärsrechte. So haben sich weltweit große Investoren zum Bündnis „Climate Action 100+“ zusammengeschlossen und zum Beispiel Unternehmen wie Royal Dutch Shell Plc dazu gebracht, den Kohlenstoffgehalt ihrer Produkte verbindlich zu reduzieren und dieses Vorhaben auch mit der Managementvergütung zu verknüpfen. Ob Asset Manager, institutionelle Investoren oder Privatanleger: Jeder Investor kann sein Gewicht in die Waagschale werfen und dadurch Veränderungen bewirken, denn Unternehmen brauchen nun mal Kapital.

comdirect: Bisher sind es vor allem institutionelle Anleger wie Stiftungen, Kirchen oder Pensionsfonds, die nachhaltig investieren. Ziehen Privatanleger nach?

Rainer Baumann: Ja, die Nachfrage von Privatanlegern steigt. Vor allem für jüngere Anleger ist Nachhaltigkeit schon fast selbstverständlich. In entwickelten Regionen geht man davon aus, dass die künftigen Anleger neben einer marktgerechten Rendite auch eine positive Wirkung der Investitionen verlangen.

comdirect: ESG, SDG, SRI – Nachhaltigkeit verbirgt sich hinter vielen Begriffen. Worin bestehen die Unterschiede und wie können sich Privatanleger einen Weg durch den Angebots-Dschungel bahnen?

Rainer Baumann: Der Begriffs- und Definitionsdschungel ist in der Tat nicht ganz einfach zu verstehen. Vielleicht hilft eine kleine Zeitreise. Begonnen hat die Entwicklung vor rund 200 Jahren, als religiöse Investoren begannen, sündige und schädigende Sektoren zu meiden. Das war die Geburtsstunde der ethischen oder sozial verantwortlichen Anlageprinzipien (Socially Responsible Investments – kurz SRI). In den 90er- und 00er-Jahren befanden Pioniere der nachhaltigen Geldanlage, dass eine Firmenbewertung unvollständig ist, wenn sie finanziell relevante Aspekte aus den Bereichen ESG (Environmental, Social, Governance) ignoriert. 2015 haben dann die Vereinten Nationen die 17 SDGs verabschiedet – eine Formalisierung der globalen Herausforderungen, die wir lösen müssen.

comdirect: Schlechtes vermeiden oder Gutes bewirken: Welche Ansätze präferieren Sie?

Rainer Baumann: Beides hat seine Legitimation, je nach Anspruch des Investors. Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Ich persönlich finde die neuesten Entwicklungen am spannendsten: Anlagestrategien, die in Unternehmen investieren, welche die Erreichung der SDGs positiv beeinflussen. Beim sogenannten Impact Investing geht es darum, lösungsorientiert zu investieren und die Nachhaltigkeitswirkung – den „Impact“ – der Investitionen zu quantifizieren.

comdirect: Zu den wichtigsten Nachhaltigkeitszielen der UN gehören Frieden und Gerechtigkeit und die Abschaffung von Armut und Hunger. Wie ist das „investierbar“?

Rainer Baumann: Zugegeben: Nicht alle SDGs sind in der Unternehmens- oder Finanzwelt gleich einfach umsetz- und messbar. Die SDGs wurden ja primär als Zielsetzungen für Regierungsprogramme definiert und nicht als Anlageziele für Banken oder Asset Manager. Beispiel SDG 16 (Frieden und Gerechtigkeit): Hier lassen sich Zuwendungen an NGOs, Lobby-Organisationen oder auch der Grad der Mitarbeitermitbestimmung messen. Oder bezüglich SDG 1, der Bekämpfung von Armut: Hier können Aspekte wie Steuertransparenz, faire Entlohnung oder faires Pricing der Firmen den Ausschlag geben.

17 Ziele für nachhaltige Entwicklung
Quelle: Bundesregierung; https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/nachhaltigkeitspolitik/die-un-nachhaltigkeitsziele-1553514
Die 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Developement Goals, kurz: SDGs) können Investoren Orientierung geben.

comdirect: Wie gehen Sie konkret vor?

Rainer Baumann: Der strukturierte Selektionsprozess variiert je nach Ansatz und Strategie. Wichtig ist bei allen: Als Investor muss man die Nachhaltigkeitsherausforderungen verstehen und in einen robusten Anlageprozess übersetzen. Für die SDGs im Speziellen haben wir eine Methode entwickelt, mit der wir den Beitrag einer Firma zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele quantifizieren können – anhand der Produkte und Dienstleistungen sowie durch den operativen Betrieb. Und natürlich darf später im Selektionsprozess auch die fundamentale Finanzanalyse nicht fehlen.

comdirect: Technologie-Unternehmen sind seit Jahren die Highflyer an der Börse. Gehören Amazon, Alphabet, Apple und Co. trotz strittiger Arbeitsbedingungen in Nachhaltigkeits-Fonds?

Rainer Baumann: Es mag Anbieter geben, die diese Technologie-Aktien unter einem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ins Depot nehmen. Bei uns ist das aber nur teilweise der Fall. Bei einigen dieser Highflyer – vor allem bei Software- oder Halbleiter-Anbietern – sehen wir keine Probleme. Bei den von Ihnen genannten Titeln sind wir dagegen skeptisch – wegen der Arbeitsbedingungen, aber auch aufgrund zweifelhafter Steuerpraktiken.

Comdirect: Sind nachhaltige Investments riskanter als der breite Markt – und bringen sie weniger Rendite?

Rainer Baumann: Im Grundsatz nein. Academia und Praxis haben bewiesen, dass die systematische Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsaspekten im Anlageprozess nicht zu systemischen Renditeeinbußen führt. Aber natürlich hat der gewählte Ansatz Einfluss auf die Renditeerwartungen eines Portfolios. Beispielsweise führen zahlreiche Ausschlüsse von Sektoren, Regionen oder Firmen gezwungenermaßen zu negativen Renditeabweichungen vom Gesamtmarkt. Ebenfalls ist ein Investment in ein sehr zyklisches Geschäftsmodell wie die Energieeffizienz riskanter als ein Investment in nachhaltige Gesundheitsunternehmen mit stabilen, regelmäßigen Cashflows. Unter dem Strich aber sind nachhaltig wirtschaftende Unternehmen deutlich zukunftsfähiger, weil sie potenzielle Risiken besser managen.

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