Geldanlagen bergen Risiken

„Die USA kommen am besten durch die Krise“

  • „Die Börsen sind an Krieg und Krisen gewöhnt.“
  • „Aktuell steigen die Gewinne der Unternehmen noch.“
  • „Gold bleibt ein wichtiger Stabilisator im Depot.“
Portraitbild des Investmentexperten Lars Murek
Portraitbild des Investmentexperten Lars Murek
Lars Murek
Chief Investment Officer bei der Kölner Vermögensverwaltung Portfolio Concept
Lars Murek hat Wirtschaftsmathematik studiert. Nach Stationen bei Talanx und HSBC ist er seit 2021 Chief Investment Officer bei der Kölner Vermögensverwaltung Portfolio Concept, seit 2025 auch Mitglied der Geschäftsführung.

Herr Murek, die Welt geriet durch den Iran-Krieg im Aufruhr. An den Börsen machte sich aber keine Panik breit. Warum?

Politische Börsen haben kurze Beine. Meist erholen sich die Märkte binnen 3 bis 6 Monaten. Die Korrektur nach dem Angriff auf den Iran war an den Börsen nur kurz und nicht besonders ausgeprägt. Die Investoren haben sich in den vergangenen Jahren an Krisen gewöhnt. Sie gingen und gehen davon aus, dass dieser Krieg im Gegensatz zum Ukraine-Krieg und Gaza-Krieg schnell beendet wird. Denn kein Beteiligter hat ein großes Interesse an einer Fortsetzung, da ein politischer und militärischer Sieg aktuell für beide Seiten nicht möglich erscheint. Die Kosten allerdings steigen mit zunehmender Dauer der Blockade der Straße von Hormus und der amerikanischen Gegenblockade iranischer Ausfuhren. Deshalb besteht die Hoffnung auf ein schnelles Kriegsende weiter.

Wie lange darf der Krieg dauern, bevor es ungemütlich wird?

Der erste Effekt war der schnelle Preisanstieg bei Öl und Gas. Das belastet Unternehmen und Konsumenten. In der Realwirtschaft merkt man es jetzt schon. Der Effekt ist halbwegs kalkulierbar. Die Zweitrundeneffekte sind aber gefährlicher. Versicherungsprämien steigen, ebenso die Transportkosten. Die Erzeugerpreise legen zu. Der Konsum leidet, weil die Bürger ihr Geld für teurer gewordene Nahrungsmittel, Benzin, Öl und Gas brauchen. Schließlich kann eine Lohn-Preis-Spirale in Gang kommen. Damit das nicht passiert, sollte der Konflikt bis zum Sommer beendet sein.

Die Inflation hat bereits angezogen. Wie weit kann es gehen? Erleben wir nahezu 2-stellige Inflationsraten wie 2022?

Nein, nicht unmittelbar. Die Inflationsrate wird zunächst in Richtung 3 % ansteigen. Aber ein Szenario wie 2022 sehe ich nicht. Damals kamen wir aus der Nullzinsphase und die Zentralbanken hielten die Leitzinsen dennoch extrem niedrig. Es gab eine starke Konsumneigung, denn nach 2 Jahren Corona-Pandemie hatten die Bürger Lust und Zeit, Geld auszugeben. Jetzt haben wir andere Voraussetzungen. Die Zinsen sind wieder zurück und es gab vor dem Ausbruch des Krieges keinen Preisdruck. Erst ein längerer Konflikt über den Sommer hinaus dürfte zu einem starken Inflationsdruck führen

Müssen die Zentralbanken dennoch reagieren? Können sie es?

Nach der reinen Bundesbank-Lehre müssten die Zentralbanken eigentlich schnell die Zinsen anheben, wenn die Inflation über 2 % liegt. Aber gegen einen solch exogenen Schock wie die Kriegsfolgen kann Zentralbank-Politik wenig ausrichten. Deshalb glaube ich nicht, dass die EZB die Leitzinsen schnell erhöht. Denn mit einer Überreaktion würde das kleine bisschen Wachstum abgewürgt, das sich in Europa noch abzeichnet. In den USA dürfte der nächste Zinsschritt trotz alledem eher nach unten gehen – vielleicht etwas später als erwartet und von Donald Trump erwünscht.

Die Wachstumsprognosen wurden bereits revidiert. Sehen Sie echte Rezessionsgefahren?

Vorerst nicht. Aber wir müssen uns wohl mit dem Gedanken an eine Stagflation anfreunden – also Wachstum um die Nullgrenze bei gleichzeitig überdurchschnittlicher Inflationsrate deutlich über den anvisierten 2 %. Die Wachstumsprognosen für Deutschland haben sich schon auf 0,5 % halbiert. In anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus.

Müssen dann die optimistischen Gewinnprognosen der Unternehmen bald gekappt werden?

Nicht unbedingt. Auch hier spielt die zeitliche Komponente eine wesentliche Rolle. Die Lufthansa etwa hat 80 % des Kerosins für dieses Jahr abgesichert. Der Einfluss auf die Bilanz 2026 dürfte also recht gering sein. Anders dürfte das für das kommende Jahr aussehen, wenn der Konflikt anhält und die Preise auf dem jetzigen Niveau bleiben. Bisher sind die Geschäftszahlen am breiten Markt noch gut. Für das 1. Quartal haben die Unternehmen starke Ergebnisse gemeldet – insbesondere in den USA. Dort geben die Deregulierung und die Steuererleichterungen durch die „Big Beautiful Bill“ der Wirtschaft Rückenwind. Dazu kommt die Chip-Sonderkonjunktur. In KI und Rechenzentren wird 2026 noch stärker investiert werden als im Rekordjahr 2025.

Welche Unternehmen gehören aktuell zu den Gewinnern der Krise?

Zuallererst natürlich Öl- und Gaserzeuger, die nicht auf die Straße von Hormus angewiesen sind und durch die hohen Preise Extraprofite kassieren. Die gesamte Energiebranche von konventionellen bis zu erneuerbaren verdient gut, weil der Strombedarf zügig steigt. Dazu kommen Unternehmen mit hoher Preissetzungsmacht. Wenn etwa Dünger knapp wird, weil die Vorprodukte nicht durch die Straße von Hormus kommen, streiten sich die Kunden um die knappen Güter, und die Preise steigen. Entsprechend sind höhere Preise bei Agrarrohstoffen zu erwarten. Dasselbe gilt für den Engpassfaktor Halbleiter.

Welche Regionen und Aktienmärkte können dem aktuellen Druck am besten widerstehen?

Die USA kommen am besten durch die Krise. Sie haben selbst mehr als genug Gas und Öl und müssen nur mit Preissteigerungen, aber nicht mit echter Knappheit wie etwa Indien umgehen. Dazu liegen die Stärken der Vereinigten Staaten in Segmenten wie IT und Technologie. Diese Sektoren sind längst nicht so kapital- und energieintensiv wie traditionelle Industriesektoren wie die Chemie- oder Stahlindustrie. Europa und Indien sind dagegen anfälliger. Wenn Krieg und Krise lange anhalten, dürften die USA am besten durchkommen. Bei einer zeitnahen Lösung ist in Europa und vor allem in Asien eine Erholungsrally möglich.

Welche Rentensegmente sind zur Depotstabilisierung aktuell noch geeignet? Oder droht ein Szenario wie 2022, als Anleger mit 10-jährigen Bundesanleihen binnen weniger Monate 2-stellige Kursverluste erlitten?

2022 wird sich so nicht wiederholen. Es kann aber schon wehtun. Die Renditen der 10-jährigen Bundesanleihen sind von 2,7 auf über 3 % gestiegen. Die Unsicherheit hält an. Aktuell sehen wir das beste Chance-Risiko-Verhältnis bei Unternehmensanleihen mit guter Bonität. Auch hier sind jedoch kurze und mittlere Laufzeiten bis maximal 5 Jahre sinnvoll. Sie sind weniger anfällig für steigende Zinsen.

Anders als in anderen Krisenzeiten ist der Goldpreis beim Ausbruch des Iran-Kriegs gesunken. Woran lag das? Kann der Aufwärtstrend wieder aufgenommen werden?

Der Goldpreis hat in der Tat anders reagiert, als wir es aus vergangenen Krisen kannten. Aber dafür gab es gute Gründe. Zum einen befand sich der Markt in einer absoluten Goldhausse. Von rund 2.000 Dollar zum Jahresanfang 2024 hat der Preis für eine Unze auf 5.500 Dollar im Januar 2026 zugelegt. Allein in diesem Januar gab es noch einen Aufschlag von 20 %, weil viel spekulatives Geld in den Markt kam. Das ist schnell wieder abgeflossen und zudem mussten wohl auch Notenbanken in der Kriegsregion Gold verkaufen. An den grundsätzlichen Treibern für den Goldpreis hat sich jedoch durch den Kriegsausbruch nichts geändert: Die Inflation ist dauerhaft zurück, die Deglobalisierung hat eingesetzt, die Schuldenberge steigen und viele Notenbanken vertrauen lieber auf Gold als auf US-Staatsanleihen. Gold bleibt ein wichtiger Stabilisator im Depot.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung der comdirect – einer Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 13.05.2026; Quelle: comdirect.de

Portrait von Heinz-Peter Arndt, Diplomvolkswirt und Diplomjournalist
Portrait von Heinz-Peter Arndt, Diplomvolkswirt und Diplomjournalist
Autor
Heinz-Peter Arndt
Der Diplomvolkswirt und Diplomjournalist schreibt seit mehr als 30 Jahren über Konjunktur, Finanzmärkte und private Geldanlage.
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