- „Es macht Sinn, sich frühzeitig mit Geld zu beschäftigen.“
- „Die Frühstartrente lässt sich mit 18 ins Altersvorsorgedepot übertragen.“
- „Kinder sind sehr neugierig und erobern die Welt automatisch spielerisch.“


Die Ökonomin und Buchautorin Claudia Müller gründete und leitet seit 2017 das Female Finance Forum, das Frauen im Umgang mit Geld und nachhaltigen Investitionen weiterbildet. Vor der Gründung des Female Finance Forums studierte sie internationale VWL und arbeitete mehrere Jahre u. a. bei der Deutschen Bundesbank, wo sie für das Thema „Green Finance“ verantwortlich war, und als Investmentmanagerin in einer nachhaltigen Vermögensverwaltung. Sie wurde vom „Focus“-Magazin unter die 100 Frauen des Jahres 2020 gewählt und hat diverse Preise gewonnen (u. a. Finanzblog Award, Business Punk Finfluencer Award).
Frau Müller, „Über Geld spricht man doch“ ist der Titel eines Ihrer Bücher, Untertitel: „Wie Kinder spielerisch den Umgang mit Geld lernen“. Müssen sich Kinder schon mit solchen Themen beschäftigen?
(lacht) Sie müssen natürlich nicht, aber es macht Sinn, sich frühzeitig mit Geld zu beschäftigen. Je früher man beginnt, desto einfacher gelingt es, ein Vermögen aufzubauen. Dazu ein Beispiel. Wer 60 Jahre lang jeden Monat 20 Euro investiert; hat am Ende bei durchschnittlich 6 % Rendite p. a. aus 14.400 Euro gut 132.000 Euro gemacht – dank Zins- und Zinseszins.
Gibt es denn einen spielerischen Zugang? Was wäre Ihr ultimativer Tipp?
Kinder sind sehr neugierig und erobern die Welt automatisch spielerisch. Im Kaufmannsladen tauschen sie Ware gegen Geld und haben viel Spaß dabei. Geld gehört ganz selbstverständlich zu unserem Leben, fast schon wie Essen und Trinken…
Welche Rolle spielen die Eltern dabei?
Eine große, weil Eltern die wichtigsten Vorbilder sind. Es macht einen Unterschied, ob im Elternhaus offen und auch positiv über Geld gesprochen, oder ob darüber geschwiegen bzw. über Geld gestritten wird. Ich empfehle Eltern auch, beim Einkaufen öfter mal bar statt mit Karte zu bezahlen, weil man mit Bargeld ein anderes Gefühl für Geld vermitteln kann.
Die Bundesregierung will die Vorsorge für das Alter stärken. Neben dem Altersvorsorgedepot soll im kommenden Jahr auch die Frühstartrente an den Start gehen. Was genau ist das?
Kinder zwischen 6 und 18 Jahren sollen pro Monat 10 Euro vom Staat bekommen, die am Kapitalmarkt angelegt werden. Ziel ist es, sie schon in jungen Jahren beim Aufbau eines Startkapitals für die Rente zu unterstützen und sie für die Themen Privatvorsorge und Kapitalmarkt zu sensibilisieren.
Wer profitiert denn von der Frühstartrente?
Die Frühstartrente ist für kindergeldberechtigte Schulkinder zwischen 6 und 18 Jahren. Zunächst gibt es das Geld rückwirkend für 2026 für den Geburtsjahrgang 2020. Im kommenden Jahr kommt dann der Geburtsjahrgang 2021 dazu. Die Förderung soll dann sukzessive auf weitere Jahrgänge ausgeweitet werden.
10 Euro im Monat klingt wie ein Tropfen auf den heißen Stein…
In 12 Jahren zahlt der Staat insgesamt gut 1.400 Euro ein. Das ist zunächst nicht viel, aber dank Zins- und Zinseszins stehen bei Renteneintritt mit 67 dann gut 36.300 Euro zu Buche, wenn sich das Kapital im Schnitt mit 6 % p. a. verzinst. Die Zahlungen können zudem steuerbegünstigt aufgestockt werden. Bis zu 6.840 Euro im Jahr bleiben in der Ansparphase steuerfrei. Aber schon kleine Zuzahlungen haben einen großen Effekt. Wenn die Eltern beispielsweise bis zum 18. Geburtstag des Kindes monatlich 50 Euro zusätzlich in die Frühstartrente einzahlen und die Begünstigten anschließend bis zum Renteneintritt mit 67 selbst 25 Euro im Monat investieren, kommen sie bei einer durchschnittlichen Rendite von 6 % p. a. auf gut 300.000 Euro.
Welche Produkte stehen zur Wahl?
Eltern können bei einem privatwirtschaftlichen Anbieter, also einem ganz normalen Broker, ein Depot eröffnen und dort nach eigenem Gutdünken investieren, solange es nicht zu riskant wird. Kryptowährungen oder Einzelaktien werden vermutlich nicht zur Auswahl stehen, globale Aktien- oder Anleihen-ETFs hingegen schon. Die Details werden noch ausgearbeitet.
Durchschnittlich 6 % Rendite p. a. gibt es vor allem am Aktienmarkt. Doch nur wenige Deutsche investieren bisher in Aktien. Macht die Wahlfreiheit bei der Vorsorge Sinn?
Auch hier zeigt sich wieder, dass sich die Eltern mit auf die Bildungsreise machen, Risikokompetenz erwerben und Vorurteile abbauen müssen. Wer in jungen Jahren mit der Altersvorsorge beginnt, sollte vom renditestarken Aktienmarkt profitieren. Je länger die Ansparphase, desto geringer die Anlagerisiken. Und desto besser die Renditeaussichten…
Gibt es denn einen Anreiz, sich mit der Materie zu beschäftigen, wenn das Geld automatisch ausgezahlt bzw. investiert wird?
Die Anreize entstehen nicht automatisch. Aber die Frühstartrente kann und sollte kommunikativ so begleitet werden, dass über Geld und Geldanlage gesprochen wird. Ist das Interesse geweckt, ist schon mal viel gewonnen. Und es gibt steuerliche Anreize, als Eltern noch zusätzlich zu investieren.
Für die Frühstartrente brauchen Bezieher ein spezielles Depot, weil die Vorsorge steuerlich gefördert wird. Was passiert, wenn Eltern sich nicht um ein Depot für das Kind kümmern?
Damit alle, die Anspruch auf die Förderung haben, die Leistungen auch unabhängig von der Initiative der Eltern erhalten, wird es ein staatliches Angebot geben: Der Bund legt das Geld, das nicht abgerufen wird, über die Deutsche Bundesbank am Kapitalmarkt an. Eltern oder später die volljährigen Kinder können das Guthaben dann nachträglich abrufen und in einen persönlichen Altersvorsorgevertrag übertragen.
Kann ich das eingezahlte Kapital auch vor Renteneintritt nutzen?
Die Frühstartrente ist eine Vorsorge für das Alter, da gibt es strenge gesetzliche Vorgaben. Man kann von dem Geld also nicht mit 18 eine Weltreise machen! Wer die Frühstartrente vor Renteneintritt auflösen möchte, muss alle Förderungen zurückzahlen.
2027 geht auch das Altersvorsorgedepot an den Start – also die staatlich geförderte private Altersvorsorge. Kann ich das mit der Frühstartrente kombinieren?
Die Frühstartrente lässt sich mit 18 ins Altersvorsorgedepot übertragen, für das dieselben steuerlichen Vorteile gelten. Wann sich das lohnt, bleibt abzuwarten.
Welchen Tipp können Sie Eltern und Kindern geben?
Über Geld reden und gemeinsam auf eine Lernreise gehen. Welche reichen Menschen kennst du? Was würdest du mit 1 Million Euro machen? Und was braucht es, um so viel Geld zusammenzubekommen? Wenn Geld kein Tabuthema ist und man ganz selbstverständlich darüber redet, gibt es viele Wege, sich dem Thema anzunähern.
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