Interview zur Corona-Krise „Halten Sie Sparpläne durch!“

Hundert-Euro-Schein
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Thomas Meyer zu Drewer zum Kurssturz an den Börsen, den Folgen für die ETF‐Branche und die Chancen für den langfristigen Vermögensaufbau.

Thomas Meyer zu Drewer

Thomas Meyer zu Drewer kennt sich mit Aktien und passivem Management aus. Er ist seit mehr als 20 Jahren in der Fonds‐ und ETF‐Branche aktiv. Seit der Fusion von ComStage und Lyxor 2019 ist er Head of ETF Public Distribution bei Lyxor Deutschland.

comdirect: ETFs sind immer voll investiert. Dementsprechend sind sie auch von der Korrektur voll erwischt worden. Spüren Sie Unmut bei den Kunden?

Thomas Meyer zu Drewer: Die aktuelle Situation ist für alle Menschen ein Schock. Wir haben in den vergangenen Wochen an unserer Hotline trotz der Verluste an den Börsen nur wenig Unmut über die Entwicklungen verspürt. Häufiger kommen Fragen, ob schon Tiefstkurse erreicht sind, ob man einsteigen sollte. Aber das kann derzeit natürlich niemand seriös beantworten.

comdirect: Auch aktive Fonds haben Geld verloren, aber im Schnitt etwas weniger als ETFs. Zieht in diesem Moment das Argument der dauerhaft geringeren Kosten?

Thomas Meyer zu Drewer: Die Erfahrung und Statistiken zeigen, dass auf lange Sicht passive Produkte vielfach aktiv verwaltete Fonds vor allem auch aufgrund ihrer Kostenvorteile schlagen. In Krisensituationen können aktive Fonds jedoch überlegen sein. Die Grundvoraussetzung: Es wurden rechtzeitig Positionen angepasst oder Cash‐Reserven aufgebaut. Natürlich ist die Frage, ob aktive Fondsmanager das wirklich vor den einsetzenden Verlusten getan haben oder ob zeitig Absicherungen aufgebaut wurden. Die Herausforderung war dabei, dass wohl von kaum jemandem diese Krise und vor allem die ausgeprägte Schärfe der Krise in dieser Dimension vorausgesehen werden konnte. Aktuell gibt es noch keine zuverlässigen Daten, und es ist zu früh, Aussagen zu einem Vergleich zwischen passiver und aktiver Verwaltung treffen zu können. Aber ich bin gespannt, wie dieser Vergleich nach dem Ende des 1. Halbjahrs aussehen wird.

comdirect: Haben Kunden seit Ende Februar viel Geld abgezogen?

Thomas Meyer zu Drewer: Lassen Sie mich kurz auf die Entwicklung seit Jahresbeginn zurückschauen: Eine Entspannung bei dem Handelskonflikt zwischen den USA und China und größere Klarheit beim Brexit trieben die Aktienmärkte weltweit zunächst an. Der DAX erreichte Mitte Februar ein neues Allzeithoch von fast 13.800 Punkten. Dann kamen die Schatten der Corona‐Pandemie, und der DAX verlor bis weit unter 9.000 Punkte. Die Nettozuflüsse am europäischen ETF‐Markt seit Jahresanfang lösten sich wieder auf. Gelder wurden aus Aktien‐ETFs abgezogen. Vielfach hatte das auch damit zu tun, dass vor allem institutionelle Anleger klar definierte Risikobudgets haben. Also Vorgaben, wie viel Risiko sie eingehen dürfen. Werden die Verluste zu groß, muss adjustiert werden. Das Besondere in den vergangenen Tagen: Trotz massiv zurückgehender Aktienkurse sind auch die Zinsen gestiegen und der Goldpreis ist gesunken.

comdirect: Ist es für Privatanleger aus Ihrer Sicht sinnvoll, jetzt noch zu verkaufen?

Thomas Meyer zu Drewer: Wer nicht verkaufen muss, sollte nicht verkaufen. Voraussetzung ist natürlich, dass man jetzt nicht dringend Geld braucht und vor der Anlageentscheidung einen persönlichen Plan für den Vermögensaufbau festgelegt hat. Dazu gehört zum Beispiel, drei bis fünf Monatsgehälter auf der hohen Kante zu haben, auch wenn die Zinsen dafür bei nahezu null sind. Denn schnell geht einmal etwas kaputt, sei es der Kühlschrank, das Auto, oder eine andere unvorhergesehene Ausgabe kündigt sich überraschend an. Denn dann lebt es sich entspannter, wenn man als Nächstes in den Aktienmarkt investiert. Dort lassen sich langfristig Renditen für den Vermögensaufbau erzielen. Eine Möglichkeit, sich am Aktienmarkt zu engagieren, sind börsengehandelte Investmentfonds, die Exchange Traded Funds (ETF). ETFs sind wegen der kostengünstigen Strukturen insbesondere für die langfristige Anlage geeignet. Das Renditedreieck des Deutschen Aktieninstituts zeigt zum Beispiel, dass über lange Zeiträume mit einem breiten Investment in den Gesamtmarkt gute Zuwächse erzielt werden können. Selbst wer in den Jahren 2000 oder 2007 bei den damaligen Allzeithochs investiert hat, ist trotz des jüngsten Kurssturzes noch in den schwarzen Zahlen. Was übrigens auf einen weiteren Erfolgsfaktor beim Vermögensaufbau hindeutet: Bringen Sie Zeit mit und seien Sie geduldig. 10 bis 15 Jahre sollten es schon sein, eher sogar noch etwas länger.

comdirect: So langfristig denkt manch schockierter Anleger gerade nicht …

Thomas Meyer zu Drewer: Das kann ich ihm kaum verdenken. Es ist ja richtig: Wer vor drei Jahren mit einem Sparplan oder gar vor einem halben Jahr mit einer größeren Summe in den DAX eingestiegen ist, steht jetzt bei hohen Buchverlusten. Das ist psychologisch sehr schmerzhaft. Vor allem, weil wir ja alle als Anleger unsere Ankerpunkte haben. Da kratzte der DAX im Februar an der 14.000-Punkte-Marke, und im März waren es zwischendurch kaum mehr als 8.000 Punkte. Eine schreckliche Beobachtung. Den Höchstständen trauert man nach. Aber festzuhalten ist auch: Bei knapp 14.000 Punkten hatte man Buchgewinne, und jetzt hat man Buchverluste. Erst beim Verkauf werden Buchverluste zu realen Verlusten. Daher sind Zeit und Geduld auch so wichtig.

„Wer nicht verkaufen muss, sollte nicht verkaufen.“

Thomas Meyer zu Drewer,
Head of ETF Public Distribution bei Lyxor Deutschland

comdirect: Sollte man Sparpläne jetzt aussetzen?

Thomas Meyer zu Drewer: Mein Ratschlag an alle Anleger: Halten Sie Sparpläne durch! Denn via Sparplan kann der Anleger vom sogenannten Cost‐Average‐ oder Durchschnittskosteneffekt profitieren. Gerade in den aktuellen Krisenzeiten an der Börse sammeln sie für ihre konstante Sparrate mehr ETF‐Anteile ein. Wer über freie Liquidität verfügt, könnte jetzt oder in naher Zukunft sogar die Sparrate erhöhen. Denn die Erfahrung von vielen Börsenkrisen zeigt: Nach einem scharfen Einbruch geht es nach der Talsohle meistens wieder stetig nach oben. Sparpläne helfen übrigens dabei, nicht ständig über den richtigen Zeitpunkt des Wiedereinstiegs nachdenken zu müssen. Denn wer weiß schon, ob dieser gestern war, morgen sein wird oder vielleicht heute ist?

comdirect: Haben sich vermögensverwaltende ETFs deutlich besser gehalten?

Thomas Meyer zu Drewer: Klar: Je geringer der Aktienanteil in den letzten Tagen war, desto geringer waren die vermeintlichen Verluste, die zunächst Buchverluste sind. Sie erinnern sich an vorhin. Nehmen Sie unsere vermögensverwaltende Lyxor‐Portfolio‐Strategy‐ETF‐Familie. Bei diesen ETFs werden 40 %, 60 % bzw. 80 % in Aktien‐ETFs investiert, der Rest in Renten‐ETFs, Gold oder Rohstoff‐ETFs. Das ist bequem, und Sie müssen sich nicht selbst um die Vermögensaufteilung kümmern. Diese ETFs werden rein passiv gemanagt und einmal im Jahr im März wieder auf ihre ursprüngliche Ausgangsallokation zurückgesetzt, was also gerade erfolgt ist. Natürlich konnten sich unsere Vermögensstrategie‐ETFs nicht den Markteinbrüchen entziehen.

comdirect: Hat die volatile Börse in den vergangenen Wochen auch Anleger angelockt, die mit ETFs von der gestiegenen Volatilität profitieren wollen?

Thomas Meyer zu Drewer: Durchaus. Denn das ist ein weiterer Vorzug von ETFs: Anleger können an schnellen Marktbewegungen teilhaben, denn ETFs sind jederzeit an der Börse handelbar. Spezielle Themen‐ETFs erlauben es, an fallenden Märkten zu partizipieren. Die Nachfrage nach Produkten wie dem Short‐DAX ETF ist gestiegen. Gehebelte Produkte wirken übrigens verstärkt nach oben und nach unten. Deshalb werden solche ETFs auch nicht im Sparplan angeboten.

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comdirect: Die Lehman‐Pleite aus dem Jahr 2008 ist noch nicht vergessen. Was würde passieren, wenn ein ETF‐Anbieter insolvent würde? Wäre das Anlegergeld in einem solchen Fall sicher?

Thomas Meyer zu Drewer: Aus meiner Sicht besteht keine Veranlassung, von einer Insolvenz eines ETF‐Anbieters auszugehen. Aber selbst wenn es so weit käme, hätten Anleger nichts zu befürchten. Denn ETFs werden strikt abgetrennt von der Bilanz des ETF‐Anbieters verwaltet. Wie traditionelle, aktiv verwaltete Fonds sind ETFs nämlich sogenannte Sondervermögen. Das gilt für vollreplizierende ETFs genauso wir für ETFs, die den zugrunde liegenden Index unter Hinzunahme eines besicherten Swaps abbilden. Mit anderen Worten: Im unwahrscheinlichen Fall einer Insolvenz eines ETF‐Hauses bleibt das Vermögen des Anlegers unangetastet und damit erhalten.

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