Interview „Sell in May?“ „Wir haben nur leicht auf die Bremse getreten“

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Carmignac-Stratege Gergely Majoros erklärt, warum Anleger aktuell mehr auf Bewertung und Zinsentwicklung als auf Saisonalität achten sollten.

Gergely Majoros

Portrait von Majoros Gergely

Gergely Majoros ist Mitglied des Investment Committee von Carmignac. Er ist seit 2016 bei dem französischen Vermögensverwalter tätig. Im Laufe seiner mehr als 20-jährigen Investmentkarriere hat er sich intensiv mit deutschen und europäischen Aktien sowie Schwellenländeraktien beschäftigt.

comdirect: Die Börsen haben in den vergangenen zwölf Monaten eine beeindruckende Rally gezeigt. Befolgen Sie zur Absicherung der erzielten Gewinne jetzt die alte Regel „Sell in May – and go away“?

Gergely Majoros: Die Rally war imposant. Aber man sollte nicht vergessen: Sie begann im vergangenen Jahr im Frühling. Wer also damals die Börsenregel „Sell in May“ beherzigte, hat einen großen Teil des fulminanten Aufschwungs verpasst. Saisonale Muster sind angesichts der dramatischen Entwicklungen und rasanten Änderungen in der Welt und an den Börsen weniger wichtig geworden. Auf die Basisdaten und das „Big Picture“ kommt es deutlich mehr an: Die Märkte werden von der Entwicklung der Pandemie bestimmt, von den Erfolgen der Impfstrategie – und vor allem von den wirtschafts-, finanz- und konjunkturpolitischen Maßnahmen, die die Regierungen und Zentralbanken ergreifen.

comdirect: Also sind Sie bei Carmignac nicht etwas vorsichtiger geworden?

Gergely Majoros: Doch, wir haben leicht auf die Bremse getreten. Aber der Grund liegt nicht in der Saisonalität, sondern an der mittlerweile sehr hohen Bewertung aller Anlagesegmente. Insbesondere bei Anleihen ist aktuell Vorsicht geboten. Wir meiden langfristige Staatsanleihen, deren Kurse unter steigenden Zinsen besonders leiden. Auch bei Aktien sind wir etwas vorsichtiger geworden und achten besonders stark auf die Qualität und die Bewertung der Unternehmen. Grundsätzlich bleiben wir für den Aktienmarkt auf längere Sicht positiv.

comdirect: Was sind Ihrer Einschätzung nach die entscheidenden Faktoren für die Wirtschafts- und Börsenentwicklung der kommenden Monate?

Gergely Majoros: Wir leben an einer möglichen Zeitenwende: In den vergangenen zehn Jahren war die Welt von schwächerem Wachstum und niedrigen Inflationsraten und Zinsen geprägt. Wenn die Regierungen und Zentralbanken mit ihren Anschubmaßnahmen weitermachen, könnten wir in eine neue Periode eintreten: Ein durchschnittlich höheres Wachstum dürfte dann auch wieder zu mehr Geldentwertung führen. Eine solche Zeitenwende würde die klassischen Zyklen ablösen und wäre ein Gamechanger, der sich auf alle Anlageklassen auswirkt.

comdirect: Sehen Sie Anzeichen, dass die Zeitenwende bereits eingeläutet ist?

Gergely Majoros: In den USA legt Joe Biden ein enormes Tempo vor: Ein Fiskalpaket folgt auf das andere, und er strebt eine Stärkung der Massenkaufkraft an. Das könnte zu einem atypisch langen positiven Wirtschaftszyklus führen. In Europa sind wir davon noch entfernt. Aber auch hier spielt die Fiskalseite eine immer größere Rolle in der Wirtschaftspolitik. Das könnte für einen Preisschub und damit für höhere Inflationsraten sorgen, Es ist noch zu früh, endgültig zu beurteilen, ob dieser Paradigmenwechsel tatsächlich stattfindet. Eine stärkere Geldentwertung wäre zum Schuldenabbau der Staaten durchaus willkommen. Aber irgendwann müssten die Notenbanken dann eingreifen und ihre beispiellos lockere Geldpolitik anpassen.

comdirect: Das würde schwierig für Anleger: Für Anleihen sind steigende Zinsen Gift, aber auch Aktien mögen doch gemeinhin keine Inflation und hohen Zinsen?

Gergely Majoros: Das ist grundsätzlich richtig. Aber von hohen Zinsen sind wir ja noch sehr, sehr weit entfernt. Ein leichter Anstieg der Zinsen und Zinserwartungen ist für die Aktienmärkte kein großes Problem, zumal das reichlich vorhandene Kapital nach Anlage sucht. Wenn mit den Zinsen gleichzeitig auch das Wachstum nachhaltig steigt, wirkt sich das positiv auf die Gewinnentwicklung der Unternehmen aus. Allerdings reagieren Wachstumswerte deutlich stärker auf Zinsänderungen als Unternehmen aus klassischen Value-Branchen wie Chemie oder Automobil. Deshalb ist die Bewertungskluft zwischen Wachstum und Value zuletzt kleiner geworden.

China ist im Krisenjahr 2020 sogar gewachsen. Deshalb favorisieren wir zurzeit die asiatischen Emerging Markets mit Ausnahme des pandemiegeplagten Indien.

Gergely Majoros
Mitglied des Investment Committee von Carmignac

comdirect: Laufen Value-Werte jetzt den Tech-Aktien den Rang ab?

Gergely Majoros: Auf Dauer erwarte ich das nicht. Allerdings trennt sich nach dem Boom seit März 2020 im Wachstumssegment jetzt die Spreu vom Weizen. Pure Hoffnungswerte ohne nennenswerte Cashflows haben Schwierigkeiten. Dagegen sind Unternehmen mit herausragender Marktstellung weniger betroffen. Die Apples, Microsofts oder Alphabets sind zwar aktuell nicht günstig bewertet. Aber das relativiert sich, wenn man mit langfristigem Fokus investiert. Zudem haben sich in der Pandemie Gewohnheiten möglicherweise dauerhaft verändert – etwa bei Online-Handel, Streaming- und Lieferdiensten.

comdirect: Findet man solche Unternehmenspapiere auch in Europa?

Gergely Majoros: In Europa gibt es zwar insgesamt nur ein geringeres Wachstum, aber durchaus gute Anlagechancen. In den Bereichen Digitalisierung, Klimawandel, in der vielfältig ausgeprägten Industrie und in der wachsenden Biotechnologie finden sich sehr gute Unternehmen. Von der Wiedereröffnung der Märkte können etwa Konsumaktien oder die Hersteller von Sportartikeln profitieren. Zudem steht uns die breitflächige Öffnung der Wirtschaft noch bevor. Deshalb setzen wir im Bereich Tourismus, Freizeit und Luftfahrt vor allem auf europäische Werte.

comdirect: Die Emerging Markets haben sich zuletzt erholt. Ein Strohfeuer oder eine Wiederauferstehung?

Gergely Majoros: In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Schwellenländer-Märkte insgesamt weniger gut entwickelt als die Industrienationen. Der jüngste Rebound hat nur einen kleinen Teil des Rückstands wieder wettgemacht. Für die nächsten Monate und Jahre sehen wir in wachstumsstarken Regionen weiterhin Aufholpotenzial. Emerging Markets profitieren darüber hinaus traditionell stärker von einer Erholung der globalen Konjunktur.

comdirect: Gilt das für alle Schwellenländer?

Gergely Majoros: Nein. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas: Schwellenländer sind deutlich heterogener als die Industrieländer. Das galt schon in vergangenen Jahren und hat sich in der Pandemie verstärkt. Südamerika, Osteuropa und Afrika leiden immer noch stark unter dem Virus. Die asiatischen Staaten sind vergleichsweise gut bis sehr gut durchgekommen und haben ohnehin eine weit solidere Basis. China ist im Krisenjahr 2020 sogar gewachsen. Deshalb favorisieren wir zurzeit die asiatischen Emerging Markets mit Ausnahme des pandemiegeplagten Indien.

comdirect: Welche Risiken sehen Sie für die nächsten Monate?

Gergely Majoros: Das Risiko Nummer eins ist eine Einschränkung der Liquidität. Noch sind die Schleusen der Notenbanken geöffnet, die die Märkte seit der Finanzkrise antreiben. Zwar ist in naher Zukunft nicht mit einer Zinswende zu rechnen. Aber schon die Ankündigung von etwas gestrafften Zügeln hat die Märkte etwa im Jahr 2018 nach unten gedrückt. Ich bin gespannt, wie die Börsen reagieren, wenn die Inflationsrate in den nächsten Monaten ansteigt und die Zentralbanken den Einstieg in den Ausstieg der Liquiditätszuflüsse ankündigen.

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