Interview „Im Moment hat Tesla Vorsprung“

Interview: „Im Moment hat Tesla Vorsprung“
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Professor Dr. Stefan Bratzel

ist Gründer und Direktor des unabhängigen Forschungsinstitutes Center of Automotive Management (CAM) an der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Er fährt privat einen Tesla 3.

Die Elektromobilität steht vor dem Durchbruch und die deutsche Autoindustrie damit vor großen Aufgaben. Professor Stefan Bratzel erklärt, welche Umbrüche im kommenden Jahrzehnt zu erwarten sind.

comdirect: Herr Professor Bratzel, ich will mir in diesem Jahr ein neues Auto kaufen. Was soll ich wählen – Benziner, Diesel, Hybrid oder E-Auto?

Stefan Bratzel: Das hängt davon ab: Wenn Sie eine Garage mit Stromanschluss haben oder Ihr Auto an der Arbeitsstelle laden können, spricht einiges für ein Elektroauto. Die Preise sind gesunken, die Reichweite gestiegen. Es gibt großzügige Förderungen und wenn Sie es als Dienstwagen nutzen können, müssen Sie auch nur monatlich 0,5 % statt 1,0 % des Anschaffungspreises als geldwerten Vorteil versteuern. Ein paar längere Reisen müssten Sie etwas intensiver planen. Zentral aber ist der Alltagsgebrauch – Sie brauchen sicheren Zugang zu Stromquellen.

comdirect: Nun bin ich Laternenparker und im Büro sind die Steckdosen zu weit. Was nun?

Stefan Bratzel: Da wird es in der Tat schwieriger, zumindest aktuell noch. Wir haben vor Jahren als zentrale Herausforderung für den Durchbruch der E-Mobilität das „RIP-Problem“ definiert: Reichweite, Infrastruktur und Preis. Zwischen diesen drei Eckpunkten besteht ein systemisches Verhältnis. Das heißt: Ein Auto mit hoher Reichweite braucht eine große Batterie und wird damit teuer, weil die Batterie der Hauptkostenfaktor ist. Auch zwischen Reichweite und Infrastruktur besteht ein Zusammenhang. Wenn Sie nämlich die Sicherheit permanenter Auflademöglichkeiten haben, benötigen Sie kein Fahrzeug mit enorm großer Batterie. Das zentrale Thema für den Marktdurchbruch in den nächsten Jahren wird die Ladeinfrastruktur sein – gerade an den Autobahnen in der Urlaubszeit oder in den Spitzenzeiten in Städten.

comdirect: Schwer vorstellbar für Städte wie München oder Köln: Immense Kapazitäten müssten aufgebaut werden. Ist das auf Sicht von fünf bis zehn Jahren machbar?

Stefan Bratzel: Ich glaube schon, dass das machbar ist. Neben den privaten Lademöglichkeiten braucht es dafür Strukturen für schnelles und normales Laden im öffentlichen Raum. Das ist z.B. an Supermärkten möglich. Sie kaufen ein und währenddessen kann Ihr Auto an der E-Tankstelle auf dem Parkplatz laden. Auch Arbeitgeber sollten mehr Ladepunkte anbieten. Allerdings ist klar: Auf dem Land gibt es mehr Eigentümer mit Garagen, in Großstädten ist das Platzproblem am größten.

comdirect: Eigentlich ist aber gerade hier die Nutzung von Elektroautos am notwendigsten – Stichwort Feinstaub.

Stefan Bratzel: Richtig. Deshalb muss und wird man den Platz schaffen. Man darf sich nichts vormachen: Das wird auch auf Kosten der konventionellen Antriebe gehen, denn das Parkplatzproblem ist ja ohnehin in Städten wie Köln gravierend und wird nicht kleiner werden. Es könnte also bevorrechtigtes Parken für E-Autos, Einfahrverbote in die Städte oder eine City-Maut für konventionelle Autos geben, auch um Grenzwerte einzuhalten. Da werden einige Interessenkonflikte gelöst werden müssen.

comdirect: Ist unter ökologischen Aspekten und angesichts des aktuellen Energiemix in Deutschland der flächendeckende Durchbruch der E-Mobilität eigentlich sinnvoll?

Stefan Bratzel: Es ist klar, dass die E-Mobil-Wende mit der allgemeinen Energiewende einhergehen muss. Dabei sollten der gesamte Lebenszyklus und die komplette Ökobilanz des Elektrofahrzeugs berücksichtigt werden. Dazu gehört das Laden mit regenerativ oder konventionell erzeugtem Strom. Und dazu gehört die Produktion des Autos, insbesondere die Produktion der Batterie. Je höher der Anteil aus regenerativen Energiequellen, umso stärker fällt der Antriebsvergleich zugunsten der E-Mobilität aus. Immerhin betrug der Anteil der regenerativen Energien am deutschen Strommix im vergangenen Jahr mehr als 40 %.

comdirect: Die deutschen Hersteller haben viel Geld in die Weiterentwicklung des Verbrennungsmotors investiert. Haben sie den Trend zur E‐Mobilität verschlafen?

Stefan Bratzel: Das Thema der batterieelektrischen Mobilität stand – gelinde gesagt – nicht ganz oben auf der Prioritätenliste der deutschen Hersteller. Erst nach dem Dieselskandal 2016 ist es höher auf die Agenda gerutscht. Jetzt ist auch Volkswagen, Daimler und BMW klar, dass man zur Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften E-Fahrzeuge braucht. Ab 2021 dürfen Neuwagen durchschnittlich nur noch 95 Gramm CO2 ausstoßen.

comdirect: Also startet jetzt die Aufholjagd?

Stefan Bratzel: Völlig richtig. Ohne mehr E-Autos werden die Hersteller die Grenzen nicht einhalten können. Und man darf nicht vergessen: Bis 2030 müssen die Werte im Flottenmittel noch einmal um 37,5 % sinken. Da helfen nur E-Fahrzeuge, die mit null in die Wertung eingehen. Für eine Aufholjagd ist es aus meiner Sicht nicht zu spät, aber es wird ein Langstreckenmarsch. Denn klar ist: Hersteller wie Tesla haben technologische Vorsprünge angesammelt, die jetzt aufgeholt werden müssen. Die größten Chancen dafür hat aktuell VW mit dem modularen Elektrobaukasten. Aber auch VW muss noch viele Erfahrungen sammeln.

comdirect: BMW war ja eigentlich ganz vorne dabei in Sachen Elektromobilität. Warum hat man den Vorsprung eingebüßt?

Stefan Bratzel: In der Tat: Nach dem Pionier Tesla war BMW im Premiumsegment mit dem i3 und dem i8 eigentlich am weitesten fortgeschritten in Sachen E-Mobilität. Dann zeigte sich die Unternehmensleitung aber enttäuscht von den Verkaufszahlen, hat erst einmal die Entwicklungsarbeiten zurückgefahren und damit den Vorsprung eingebüßt. Das war ein strategischer Fehler des vormaligen BMW-Chefs Harald Krüger.

„Im Moment nimmt man Tesla-Chef Elon Musk ab, dass es in die richtige Richtung geht.“

Prof. Dr. Stefan Bratzel
Direktor des Center of Automotive Management

comdirect: Die Aktien der traditionellen Hersteller sind an den Finanzmärkten unter Druck geraten. Sie sind wegen der Herausforderungen niedrig bewertet. Sehen Sie Aufholpotenzial?

Stefan Bratzel: Automobilaktien haben in den vergangenen Jahren im Vergleich zum Gesamtmarkt und vor allem im Vergleich zu Hightech-Werten sehr schlecht abgeschnitten und die Bewertungen spiegeln die niedrigen Erwartungen wider. Auch die nächsten zwei bis drei Jahre dürften für die deutschen Hersteller noch schwierig werden. Eine deutlich höhere Bewertung ist möglich, wenn die Transformation zur E-Mobilität gelingt. Ich glaube, dass die Chancen bei den drei deutschen Unternehmen durchaus nicht schlecht stehen, wenn die Auswirkungen des Dieselskandals abnehmen.

comdirect: Tesla dagegen ist heute das teuerste Automobilunternehmen der USA – kann der First Mover auch vorn bleiben, wenn die etablierten weltweiten Autobauer Ernst machen?

Stefan Bratzel: Im Moment hat Tesla einen deutlichen Vorsprung – bei der Software und vor allem bei der Reichweite und den Batteriekosten. Außerdem hat Tesla mit den Superchargern eine eigene Infrastruktur aufgebaut – das zählt bei den Kunden viel. Allerdings ist richtig, dass Tesla wegen der hohen Investitionen erst einmal kein Geld verdient und deshalb vom Vertrauen lebt. Im Moment nimmt man Tesla-Chef Elon Musk ab, dass es in die richtige Richtung geht.

comdirect: Was halten Sie vom Plug-in-Hybrid – eine gute Lösung für Skeptiker der Ladeinfrastruktur oder nur ein doppelt gemoppeltes Feigenblatt für Unternehmen?

Stefan Bratzel: Für Käufer und Dienstwagenfahrer sind Plug-in-Hybride sehr attraktiv – keine Angst vor einer leeren Batterie und nur 0,5 % des Kaufpreises müssen bei privater Nutzung versteuert werden. Auch aus Sicht der Hersteller haben sie einen Riesenvorteil. Die CO2-Normwerte liegen zwar nicht bei null wie bei reinen E-Autos. Jedoch helfen auch Werte zwischen 1,5 und 2,5 Litern bei der Einhaltung der Flotten-Grenzwerte enorm. Aber: Das sind nur die Normwerte; die Realwerte liegen um das Zwei- bis Dreifache höher. Der Grund: Viele Plug-ins werden als Dienstwagen genutzt. Die meisten Fahrer haben eine Tankkarte, machen lange Strecken und laden ihre Batterien mitunter gar nicht auf. Dann hat man das Schlechte aus zwei Welten – mehr Gewicht und damit mehr Benzinverbrauch. Nur wenn das Fahrprofil passt und die Batterien regelmäßig aufgeladen werden, sind Plug-ins keine Milchmädchenrechnung.

comdirect: Ist der Wasserstoffantrieb eine Alternative?

Stefan Bratzel: Die wasserstoffgetriebene Brennstoffzelle hilft kurzfristig noch nicht, weil sie preislich nicht wettbewerbsfähig ist. Für Lkw und Busse könnte die Technologie gegen Mitte bzw. Ende der 2020er-Jahre interessant werden. Einige Pilotprojekte laufen, aber die Kosten sind noch sehr hoch und zurzeit gibt es nur 80 Wasserstofftankstellen in Deutschland. Die Technologie macht nur dann in der Breite Sinn, wenn der Wasserstoff als Speichermedium genutzt werden kann. Da stehen wir erst am Anfang der Entwicklung.

comdirect: Bei der batterieelektrischen Mobilität sind wir deutlich weiter. Wann wird E-Mobilität billiger sein als konventionelles Fahren?

Stefan Bratzel: Das hängt von mehreren Variablen ab, insbesondere der Entwicklung der Batterie und des Strompreises. Wenn man die Gesamtkosten über die nächsten acht Jahre rechnet, kann sich bei stabilen Strompreisen ein E-Auto jetzt schon rechnen. Allerdings muss man die funktionalen Nachteile wie Reichweite und Tankvorgänge vernachlässigen. Wirklich preislich attraktiver als Fahrzeuge mit Verbrennern könnte die E-Mobilität ab Mitte der 2020er-Jahre werden.

comdirect: Wann werden mehr E-Mobile neu zugelassen als konventionell angetriebene Fahrzeuge?

Stefan Bratzel: Global gesehen könnte das Jahr 2030 den Wendepunkt markieren, in Deutschland vielleicht schon das Jahr 2028. In unserem positiven Szenario rechnen wir damit, dass dann 60 % der Neuzulassungen Elektroautos sein werden. Es könnte noch schneller gehen, wenn der Gesetzgeber mehr Druck machte. Aber dafür müssten die industriellen Voraussetzungen gegeben sein. Auch so schon sind enorme Transformationsanstrengungen nötig, die ja auch Arbeitsplätze kosten und entsprechend umstritten sein werden.