Interview Dividenden „Entscheidend ist die Kontinuität“

Ein Mann steht in einem leeren Büro und guckt auf ein Tablet.
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Aktienmarktstratege Andreas Hürkamp über Krieg und Inflation – und wie robuste Dividendenaktien langfristig für Stabilität sorgen. 

Andreas Hürkamp ist als Aktienmarktstratege seit 15 Jahren für die Commerzbank tätig. Der studierte Betriebswirt analysiert seit vielen Jahren intensiv die Dividenden­entwicklung im Deutschen Aktienindex und an den internationalen Märkten. 

comdirect: Herr Hürkamp, der Krieg in der Ukraine hat die Märkte stark getroffen. Im Vergleich zur Corona-Krise fielen die Verluste jedoch geringer aus. Sind Sie erstaunt über die relative Stabilität? 

Andreas Hürkamp: Im Gegensatz zur Pandemie vor zwei Jahren kam der tragische Krieg in der Ukraine nicht aus heiterem Himmel. Schon zuvor hatten andere Belastungsfaktoren die Stimmung an den Börsen eingetrübt. Seit dem vergangenen Sommer sind die Gewinne der DAX-Unternehmen zwar kräftig gestiegen, die Kurse jedoch liefen im Wesentlichen seitwärts. So sank das Kurs-Gewinn-Verhältnis im DAX bereits vor dem Ukraine-Krieg von 19 auf 14. Der erste Einbruch nach dem Angriff auf die Ukraine fiel dann mit 20 % stärker aus als erwartet. Das lag aber am unerwartet starken Ausmaß der russischen Attacke.  

comdirect: Tech-Aktien sind im bisherigen Jahresverlauf im Vergleich zu klassischen Dividendenwerten stärker eingebrochen. Worauf führen Sie das zurück? 

Andreas Hürkamp: Die Gründe liegen in der Inflation und Zinswende. Die Fed hat das Ruder herumgerissen, bei der EZB deutet es sich an. Zum Jahresanfang haben unsere Volkswirte für die USA drei Leitzinsanhebungen um jeweils 0,25 % erwartet. Jetzt sind wir bei mindestens sechs. In Europa sollte die EZB eigentlich die Füße stillhalten. Inzwischen gehe ich von zwei Leitzinserhöhungen schon für 2022 aus. Die Historie zeigt: Wenn eine solche Leitzinswende kommt, dann geraten die Aktien von Unternehmen mit hohen Bewertungen stärker unter Druck als Value-Aktien mit niedrigerem KGV und hoher Dividendenrendite.  

comdirect: Was bedeutet das für die deutschen Werte? 

Andreas Hürkamp: Das ist ein bisschen tragisch für den DAX. Durch die Aufstockung von 30 auf 40 Werte im vergangenen Jahr sind Aktien wie Zalando oder HelloFresh dazugekommen, die von starken Wachstumsfantasien getrieben werden. Genau diese Aktien stehen nun aufgrund der Leitzinswende seit mehreren Monaten unter Druck. Diese Abwärtstrends dürften sich weiter fortsetzen, weil deren KGVs selbst nach der ersten Korrektur noch hoch sind. Insgesamt wird der DAX aber weiterhin von den Traditionswerten dominiert. 

comdirect: Ist die durchschnittliche Dividendenrendite von 3,2 % im DAX also ein Puffer für die Anleger? 

Andreas Hürkamp: Es hängt entscheidend davon ab, ob die deutsche Wirtschaft in eine Rezession rutscht. Aktuell halte ich dieses negative Szenario für unwahrscheinlich. Aber mit den Belastungen durch den Krieg, die Inflation und die Wende bei den Notenbanken ist ein Rezessionsszenario nicht auszuschließen. Im Verlauf des letzten starken Wirtschaftsrückgangs in der Finanzkrise ist die DAX-Dividendensumme von 2007 bis 2009 um 30 % gesunken. In diesem Umfeld haben natürlich auch die Aktien stark nachgegeben. Der Dividendenpuffer wirkt sich nur aus, wenn die Dividenden relativ stabil bleiben. Zurzeit erwarte ich für das nächste Jahr recht stabile DAX-Dividendenausschüttungen in Höhe von 50 Milliarden Euro. Aber wenn die Rezession kommt, dann sind Dividenden bei starken Kurseinbrüchen nur Trostpflaster. 

„Man muss sich der zwischenzeitlichen Kursrisiken von Aktien bewusst sein, die Dividende ist für risikoscheue Investoren mitnichten der neue Zins.“

Andreas Hürkamp, Aktienmarktstratege

comdirect: Können Aktionäre von starken Dividendenwerten also gar nicht „ruhiger schlafen“?  

Andreas Hürkamp: Das hängt von der Dauer des Schlafes aus. Kurzfristig können auch Dividendeninvestoren stark leiden. Mittel- und langfristig sind Investoren aber mit einem gut sortierten Dividendendepot solide und unabhängiger von den teilweise starken Schwankungen am Aktienmarkt aufgestellt. Es gibt im DAX stabile Dividendenzahler wie Versicherungen, zudem konjunktursensiblere Unternehmen wie BASF oder die Deutsche Post mit relativ robusten Ausschüttungen. Eine Mischung solcher Werte ist weniger volatil als ein stark von Technologie- und Wachstumswerten geprägtes Depot. Aber man muss sich der zwischenzeitlichen Kursrisiken von Aktien bewusst sein, die Dividende ist für risikoscheue Investoren mitnichten der neue Zins.  

comdirect: Worauf sollten Anleger bei der Auswahl ihrer Dividendenwerte achten – absolute Dividendenrendite, Dividendenkontinuität oder Ausschüttungsquote? 

Andreas Hürkamp: Auf die reine aktuelle Dividendenrendite können sich Investoren nicht allein verlassen. Ganz elementar ist die Kontinuität. Die Unternehmen müssen in der Lage sein, mit ihren Geschäftsmodellen über Jahre stabile oder besser noch steigende Dividenden zu zahlen. Denn sonst haben sie die Gefahr des „Tropfens auf dem heißen Stein“. Wenn die Gewinnbasis schrumpft, sinkt erst der Aktienkurs und irgendwann auch die Dividende. Das war zum Beispiel vor einem Jahrzehnt bei den Versorgern der Fall: Sie versprachen immer relativ attraktive Dividendenrenditen, doch die Energiewende hat ihr Geschäftsmodell angegriffen, sodass die Aktienkurse und Dividenden Jahr für Jahr schrumpften. Nach einigen Krisenjahren sind DAX-Versorger mittlerweile als Dividendenaktien wieder recht solide aufgestellt.  

comdirect: In welchen Branchen finden Anleger besonders viele Unternehmen mit konstanten oder steigenden Dividenden? 

Andreas Hürkamp: Versorger und Versicherer gehören in Deutschland, Europa und der Welt zu den einträglichsten Dividendenzahlern. Banken und Automobilhersteller sind dagegen keine stabilen Dividendenaktien. Diese Werte müssen Anleger aktiver steuern, weil die Ergebnisse und Dividenden sehr stark von der Konjunktur abhängen. An den internationalen Märkten sind Öl- und Gaswerte interessant, zumal wir mit langfristig höheren Energiepreisen rechnen müssen. In den Sektoren Pharma und Gesundheit, Konsumwerte und Markenaktien fallen die Dividendenrenditen im Bereich von 2 % zwar nicht besonders hoch aus. Aber die Ausschüttungen sind sehr robust und steigen bei vielen Unternehmen über lange Zeiträume kontinuierlich an. Außerdem gibt es kaum Alternativen. So bedeutet eine Dividendenrendite von 2 % ja immerhin das Vierfache der Rendite der deutschen Bundesanleihen von 0,5 %.  

comdirect: Anleihen sind für Sie also aktuell keine Alternative? Reicht der Risikoschutz nicht aus? 

Andreas Hürkamp: Viele Investoren schauen derzeit zurück auf die 1970er-Jahre. Damals gab es nach dem Ölpreisschock ein Stagflationsszenario mit wenig Wachstum und hohen Zinsen. Am Aktienmarkt war in einem langjährigen, volatilen Seitwärtsmarkt für Buy-and-Hold-Anleger wenig zu holen. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied: Anleger konnten damals in Rentenpapiere investieren und mit annähernd zweistelligen Zinsen die sehr hohe Inflation ausgleichen. Das ist aktuell nicht möglich und wird von unseren Bond-Strategen auch mittelfristig nicht erwartet: Minizinsen bei hoher Inflation bedeuten also reale Verluste. 

comdirect: Sind Tech-Werte für sicherheitsorientierte Anleger investierbar? 

Andreas Hürkamp: Für Anleger mit einem langen Atem ja. In einem ausgewogenen Aktienportfolio wäre es nicht gut, allein auf dividendenstarke Aktien zu setzen. Investoren brauchen auch Wachstumswerte mit hoher Gewinndynamik. Im vergangenen Jahrzehnt haben sich diese sogar als deutlich überlegen erwiesen. In den nächsten Quartalen werden es die Tech-Aktien aufgrund der Leitzinswende jedoch schwerer haben. Das gilt beispielsweise für den NASDAQ 100. Der war zum Jahreswechsel fast so hoch bewertet wie kurz vorm Platzen der Technologie-Blase im Jahr 2000. Zwar haben etwa die FAANG-Aktien (Facebook/Meta, Apple, Amazon, Netflix, Google/Alphabet) hervorragende Geschäftsmodelle. Aber selbst nach der Korrektur weisen viele Technologie-Aktien noch eine KGV-Bewertung von 30 oder 40 auf. Für die nächsten Quartale gehe ich daher davon aus, dass Value-Aktien besser als Wachstumswerte abschneiden werden.  

„In einem ausgewogenen Aktienportfolio wäre es nicht gut, allein auf dividendenstarke Aktien zu setzen. Investoren brauchen auch Wachstumswerte mit hoher Gewinndynamik.“

Andreas Hürkamp

comdirect: Mit welcher Marktentwicklung rechnen Sie für das Gesamtjahr 2022?  

Andreas Hürkamp: Im ersten Quartal 2022 ging alles schief, was schiefgehen konnte: Die Inflation stieg viel stärker als erwartet, die Leitzinswende muss deshalb schärfer ausfallen, und die Omikron-Variante hat die konjunkturelle Erholung noch einmal stark gebremst. Zudem wurde unser Szenario einer diplomatischen Lösung im Ukraine-Konflikt von der Wirklichkeit überholt, und die Auswirkungen des Ukraine-Krieges dürften das gesamte Jahr prägen. Die europäische Wirtschaft wird weit weniger wachsen, als ursprünglich von uns erwartet. Deshalb halte ich mittlerweile positive Aktienmarktrenditen für 2022 für unwahrscheinlich.  

comdirect: Also werden wir am Jahresende nicht den Stand vom Jahresbeginn erreichen? 

Andreas Hürkamp: Wir gehen aufgrund des unerwarteten Ukraine-Krieges mittlerweile von einem leicht negativen DAX-Jahr 2022 aus. Wir prognostizieren, dass die DAX-Unternehmensgewinne gegenüber dem starken Vorjahr um 5 % zurückgehen werden. Und das Kurs-Gewinn-Verhältnis dürfte sich mit rund 13 leicht unter der historischen DAX-Bewertung von 14 einpendeln. Daraus errechnet sich ein DAX-Stand zwischen 15.000 und 15.500 Punkten zum Jahresende. 

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung der comdirect – einer Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 12.04.2022; Quelle: comdirect.de