Interview zu Branchenfavoriten „Inflation spricht für Qualitätsaktien“

„Inflation spricht für Qualitätsaktien“
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Fondsmanager-Legende Peter Huber über steigende Geldentwertung und niedrig bewertete Papiere aus Traditionsbranchen.

Peter Huber ist einer der erfahrensten Vermögensverwalter Deutschlands

Peter Huber ist einer der erfahrensten Vermögens­ver­walter Deutschlands und seit mehr als 50 Jahren an der Börse aktiv. Der Gründer und langjährige Vorstand von Starcapital ist seit 2020 Partner bei Taunus Trust in Bad Homburg und managt wieder Fonds-Portfolios.

comdirect: Herr Huber, lange sorgten Technologiewerte für den Aufschwung an den Börsen. Seit Jahresbeginn ist es anders. Platzt gerade eine Blase?

Peter Huber: Die Bewertung von vielen Technologieaktien ist schon seit Jahren gedehnt wie ein Gummiband. Besonders Papiere von Unternehmen, die noch keine Gewinne erzielen, waren zuletzt massiv überbewertet. Das beginnt sich zu ändern: Zuerst sind die Aktien von Pandemiegewinnern zurückgekommen, danach besonders hoch bewertete Werte wie Tesla, Netflix oder Paypal. Microsoft und Apple gehören zu den letzten Bastionen. Gewiss ist Apple ein sehr gutes Unternehmen – aber im Januar mit einer Marktkapitalisierung von 3000 Milliarden US-Dollar fast so viel wert wie die 100 größten deutschen Unternehmen im F.A.Z.-100-Index zusammen. Das halte ich für überzogen.

comdirect: Sollten sich Anleger jetzt von den Aktienmärkten verabschieden?

Peter Huber: Keinesfalls. Es kommt auf die Auswahl an. Ein Blick in die Historie zeigt, dass euphorische Trends sehr langfristig sein können, aber irgendwann immer brechen. Die sogenannten Nifty Fifty (50 Wachstumsaktien) der 1960er-Jahre kollabierten in der Ölkrise, die japanischen Highflyer der 1980er-Jahre 1989. Und die New-Economy-Blase platzte nach der Jahrtausendwende. Immer wieder zeigte sich: Wenn eine Euphorie überzogen war, ging es anschließend mit den betreffenden Sektoren tief hinunter. Aber es gibt ja zahlreiche Segmente und Unternehmen, deren Aktien attraktiv bewertet sind.

comdirect: Welche sind das? Sollten sich Investoren wieder stärker an klassischen Kennziffern wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis, der Dividendenrendite oder dem Kurs-Buchwert-Verhältnis orientieren?

Peter Huber: Das würde ich dringend empfehlen. Wer hochgejubelte Werte meidet, fällt weniger tief. Es gibt zahlreiche Unternehmen, die niedrig bewertet sind und üppige Dividenden ausschütten. Antizyklische Investoren wie ich sehen große Chancen bei Energie- und Rohstoffaktien, insbesondere mit Fokus auf den Erdgasbereich. Bei den Rohstoffen sind es Unternehmen, die größere Anteile an Rohstoffen wie Kupfer, Zink, Aluminium, Nickel, Kobalt aufweisen. Aber auch in klassischen Industrien und selbst im Technologiesegment gibt es unterbewertete Unternehmen.

„Antizyklische Investoren wie ich sehen große Chancen bei Energie- und Rohstoffaktien, insbesondere mit Fokus auf den Erdgasbereich.“

Peter Huber, Vermögensverwalter und Fondsmanager bei Taunus Trust

comdirect: Welche Branchen werden besonders profitieren? Vielleicht die deutschen Automobilbauer, die bei extrem niedrigen KGVs notieren?

Peter Huber: In der Tat sind die deutschen Automobilbauer zurzeit spottbillig. Sie haben trotz Absatzrückgang im vergangenen Jahr ihre Gewinne steigern können. Denn weil Autos wegen der Chipkrise zum ersten Mal seit Urzeiten ein knappes Gut waren, konnten sie sich auf die margenstärksten Modelle konzentrieren und mussten zudem kaum Rabatte einräumen. Mittel- und langfristig stehen die deutschen Autobauer aber vor großen Herausforderungen. Die Wertschöpfung der Elektroautos hängt stark von den Batterien ab, bei denen Europa noch nicht an der Spitze ist. Dazu kommt das autonome Fahren.

comdirect: Chemie, Maschinenbau und Elektrotechnik sind ebenfalls deutsche Domänen. Sind die Aussichten hier klarer?

Peter Huber: Es kommt auf die Bewertung und die Zukunfts­perspektive an. BASF etwa ist seit Jahrzehnten ein solider Dividendenwert. Das Chemieunternehmen produziert inzwischen auch Materialien für die Herstellung von Batterien. Bayer ist durch die Prozessrisiken nach der Monsanto-Übernahme niedrig bewertet. Der gesamte Konzern ist an der Börse weniger wert als der Kaufpreis, den Bayer für Monsanto bezahlt hat. Wenn die Prozesse beendet sind, kann es zu einer ganz neuen Bewertung kommen.

comdirect: Muss man sich bei US-Aktien wegen des starken Tech-Schwerpunkts nach den zehn starken Jahren jetzt auf zehn schwache einstellen?

Peter Huber: Der US-amerikanische Markt ist im vergangenen Jahrzehnt weitaus stärker gelaufen als alle anderen etablierten Börsen und auch als die Emerging Markets. Das liegt auch an der überragenden Performance der Technologietitel, insbesondere an den sogenannten FAANG-Aktien, also Facebook (jetzt: Meta), Apple, Amazon, Netflix und Google. Aber die Outperformance beschränkt sich nicht allein auf sie. Eine Aktie wie McDonald’s etwa hat in den vergangenen 30 Jahren ihren Wert mehr als vervierzigfacht – und damit dreimal so stark zugelegt wie Siemens und gar 30-mal so stark wie der japanische Elektronikkonzern Hitachi. McDonald’s ist sicherlich ein gutes Unternehmen, aber so viel besser als die beiden Elektronikgiganten? Das wage ich zu bezweifeln.

comdirect: In welchen Regionen haben Sie besonders viel Nachholpotenzial identifiziert?

Peter Huber: Neben Europa ist vor allem Asien hochinteressant. Japanische Unternehmen haben in den vergangenen zehn Jahren bei den fundamentalen Geschäftszahlen stärker zugelegt als US-amerikanische. An den Aktienkursen ist das bisher nicht abzulesen. Südkorea ist eine sehr dynamische Wirtschaft mit anteilig mehr Industrierobotern als in Deutschland oder den USA. Hier können Sie durchaus in Technologie investieren: LG Corp. oder Samsung haben Kurs-Gewinn-Verhältnisse um die zehn. Auch chinesische Aktien wie China Mobile sind teilweise sehr günstig bewertet. Insgesamt sollten sich Anleger aktuell nicht zu nahe an der Benchmark MSCI World Index mit über 60 % Anteil US-Aktien orientieren.

comdirect: In den USA lag die Inflationsrate zuletzt über 7 %, in Deutschland bei 5 %. Sehen Sie ein Inflationsproblem?

Peter Huber: Die Basiseffekte durch die temporäre Mehrwert­steuersenkung und den temporären Ölpreisverfall laufen langsam aus. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns auf die Rückkehr zu Inflationsraten zwischen 0 und 1 % einstellen könnten. Dafür gibt es mehrere Gründe: Die Lieferkettenprobleme werden uns noch länger beschäftigen. Bei den Unternehmen steht das Thema Versorgungs­sicherheit zunehmend im Vordergrund, und sie sind bereit, einen höheren Preis dafür zu zahlen. Zudem hat sich bei den Konsumenten einiges an Nachfrage angestaut.

comdirect: Gibt es weitere langfristig wirkende Inflationstreiber?

Peter Huber: Die Klimawende und die Einhaltung von nachhaltigen Kriterien zwingen Staaten und Unternehmen zu Investitionen, die refinanziert werden müssen. Sie sind vor allem für energieintensive Unternehmen mit hohen Kosten verbunden. Zudem braucht Deutschland bald erheblich mehr Strom. Es fragt sich, wo der herkommen soll ohne Atomstrom, bei abnehmender Kohlever­stromung und mit Skepsis beim Erdgas. In jedem Fall wird die Strom- und Energieversorgung nicht billiger. Auf mittlere Sicht sollten wir eher mit Inflationsraten von 2 bis 4 % pro Jahr rechnen.

„Auf mittlere Sicht sollten wir eher mit Inflationsraten von 2 bis 4 % pro Jahr rechnen.“

Peter Huber

comdirect: Was bedeuten Inflationsraten von 2 bis 4 % für den Anleger?

Peter Huber: Für die Wirtschaft sind solche Inflationsraten verkraftbar. Schuldnern wie den europäischen Staaten kommen sie sogar durchaus gelegen. Aber Spareinlagen und Anleiheinvestments werden nach Steuern und Geldentwertung immer verlustreicher. Wenn die Zinsen steigen, kommen die Hoffnungswerte an der Börse verstärkt unter Druck. Inflation spricht für Qualitätsaktien – vor allem von Unternehmen mit konstanten oder sogar steigenden Dividenden, die durch eine entsprechend positive Gewinnentwicklung gedeckt sind.

comdirect: Ist Gold für Anleger eine sinnvolle Beimischung?

Peter Huber: Ein Anteil von 5 bis 10 % physischem Gold in einem gemischten Portfolio schadet als Absicherung selten. Zurzeit sprechen besonders viele Gründe dafür. Es gibt geopolitische Risiken im Verhältnis des Westens zu Russland und China. In solchen Krisen hat Gold in der Vergangenheit oft zugelegt. Zudem hat sich Gold in den vergangenen Jahren kaum verteuert und gibt traditionell in inflationären Zeiten Stabilität. Schließlich sind die Kosten der Goldhaltung aktuell sogar geringer als bei 0,5 % Strafzins auf dem Bankkonto, daher eignet sich Gold sogar als Ersatz für Cash und Staatsanleihen bester Bonität.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect, sondern die eines Dritten wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 15.02.2022; Quelle: comdirect.de