Interview „Inflationsraten von 2,4 % müssen niemandem Angst machen“

© PPAMPicture via Getty Images/iStockphoto
Boardwalk through the dunes, Amrum, Germany

Marktstratege Robert Halver erklärt, warum jetzt auch die Old Economy wieder Fuß fasst und sich Anleger nicht vor Inflation und einer Zinswende fürchten sollten.

Robert Halver

Robert Halver beschäftigt sich seit den 1990er-Jahren mit der Börse. Nach sieben Jahren als Direktor bei der Schweizer Privatbank Vontobel wechselte er 2008 zur Baader Bank. Seitdem ist er als Leiter Kapitalmarktanalyse für die Einschätzung der internationalen Finanzmärkte zuständig.

comdirect: Gut ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Virus-Pandemie haben fast alle Aktienmärkte neue Höchststände erreicht. Wie erklären Sie sich die schnelle Erholung in den vergangenen zwölf Monaten?

Robert Halver: Die Finanz- und Geldpolitik hat in der Corona-Krise schneller als in der Finanzkrise 2008/2009 aus allen Kanonen geschossen. Mit den umfassenden Maßnahmen hat sie die Märkte beruhigt und gleichzeitig enorme Liquidität geschaffen. Institutionelle Anleger stehen vor dem Problem: Wohin mit dem Geld? Und da man es aktuell kaum ausgeben kann, gehen die großen Vermögensverwalter dieser Welt in Aktien. Dieser Trend hält an – selbst kleinere Rückschläge werden fürs Nachkaufen genutzt. Sogar US-Kleinanleger wollen nach jüngsten Umfragen 37 % ihrer Konsum-Schecks in Aktien investieren.

comdirect: Deutschland ist immer noch im Lockdown: Warum haben sich die Börsen gerade im ersten Quartal dennoch so gut gehalten?

Halver: Der schneckenhafte Impfprozess in Deutschland und in der Europäischen Union verzögert zwar die wirtschaftliche Wiedereröffnung. Die Aktienmärkte reagieren jedoch gelassen, weil der Konjunkturaufschwung nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben ist. Börse bezahlt Zukunft. Zunächst werden die Wirtschaftshilfen in den Euro-Ländern bis Ende 2022 verlängert. Zudem empfiehlt die EU-Kommission, die Schuldenobergrenze auch 2022 auszusetzen. Die Finanzpolitik wird sich wie am Schulden-Buffet mit Freude laben. Mit den steigenden Schulden will man sich erst befassen, wenn sich die Konjunktur nachhaltig erholt hat. Das ist ein Gummiparagraf.

comdirect: Auch wenn der Push von Regierungen und Notenbanken anhält: Sind die Gewinnerwartungen der Unternehmen realistisch?

Halver: Das sind sie meines Erachtens durchaus, zumindest im Industriesektor. Bei überreichlich vorhandener Liquidität ist eine weltwirtschaftliche Erholung absehbar. Allein um die Corona-Lücke zu schließen, werden Unternehmen und Private gewaltige Summen ausgeben. In den USA und in Asien ist das jetzt bereits der Fall. Davon profitieren auch die deutschen Klassiker wie Maschinenbau, Elektro, Chemie und Automobile. Ihre Gewinnprognosen sind – gemessen am konjunkturellen Nachholbedarf – sogar eher vorsichtig.

comdirect: Die Bewertungen der Aktien sind aber dennoch nicht mehr niedrig?

Halver: Sie sind insgesamt sogar sportlich, aber bei Anleihen sind sie noch viel höher. Zudem gibt es sektoral erhebliche Bewertungsunterschiede. Bei Growth-Aktien sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse aufgrund der niedrigen Zinsen sehr hoch, wie das Beispiel Tesla zeigt. Die Kurse der deutschen Autobauer dagegen haben sich zuletzt zwar kräftig erholt. Aber Volkswagen etwa ist trotz der Fortschritte bei den Plattformstrategien und den Planungen zur eigenen Batterieproduktion im Vergleich ein Waisenkind.

comdirect: Ist Inflation nur ein Schreckgespenst oder eine realistische Gefahr?

Halver: Wir sehen zurzeit eine Inflationsbeschleunigung. Sie beruht aber vor allem auf Basiseffekten des vergangenen Jahres, als zum Beispiel die Ölpreise zwischenzeitlich sogar unter null notierten. Der Preisanstieg dürfte sich sogar noch etwas beschleunigen, wenn wieder viele Dienstleistungen nachgefragt werden können. Die US-Fed hat ihre Inflationsprojektionen angehoben – auf 2,4 % für 2021 und 2,0 % für 2022. Aber da sie weder zu hoch noch nachhaltig sind, müssen sie niemandem Angst machen.

comdirect: Also kommt es nicht zu einer Wende bei den Leitzinsen?

Halver: Die Finanzmärkte wissen mittlerweile, dass die Fed zinspolitisch nichts Böses im Schilde führt. Fed-Chef Jerome Powell hat die aktuellen Niedrigzinsen de facto bis 2023 zugesagt. Auch EZB-Chefin Christine Lagarde ist keine Anhängerin strenger Bundesbank-Zinspolitik alter Prägung. Die Notenbanken sagen: Wenn wir so lange einer zu geringen Inflationsrate zugeschaut haben, werden wir auch nicht beim zwischenzeitlichen Überschießen der 2-%-Marke eingreifen. Zudem hilft ein bisschen Inflation ja auch beim Abbau der Verschuldung. Und der grüne Umbau von Europa und dessen politischer Zusammenhalt werden noch viel Geld erfordern. Hohe Zinsen würden die Büchse der Pandora öffnen.

comdirect: Welche Märkte und Branchen sind in einem solchen Szenario aussichtsreich?

Halver: Bei geringfügig ansteigender Inflation und deutlich anziehendem Wachstum gewinnen zyklische Aktien als Alternative gegenüber den IT-Werten an Bedeutung. Sie sind vor allem in Deutschland und Europa angesiedelt. Deshalb entwickelten sich DAX und Euro STOXX zuletzt auch besser als der NASDAQ 100. Die jüngsten Anstiege beim Ifo-Index und beim ZEW-Konjunkturindex zeigen, dass es in Deutschland zumindest in der Industrie klar aufwärtsgeht.

comdirect: Und die klaren Corona-Verlierer wie Dienstleister, Luftfahrt und Touristik?

Halver: Bei den Konzernen sind Luftfahrt, Luftfracht und Touristik natürlich viel stärker betroffen als andere Industriezweige. Ihr Geschäft ist quasi zum Erliegen gekommen. Wenn man dieser Tage am Frankfurter Flughafen vorbeigeht und die Reihen stillgelegter Flugzeuge sieht, ist das erschreckend. Entsprechend sind die Aktien der Unternehmen aus diesem Sektor besonders stark eingebrochen. Das kann aber umgekehrt auch einen Riesenhebel bieten, wenn Touristik und Konsum wieder anziehen. Unternehmen, die mit Staatshilfe die Krise überleben, haben dann wieder gute Chancen.

comdirect: Dreht sich jetzt die Stimmung gegen die Tech-Aktien?

Halver: Steigende Zinsen setzen Wachstumsaktien zwar unter Druck. Das haben die vergangenen Wochen an den Börsen gezeigt. Aber die Geschichte der New Economy wird sich nicht wiederholen. Denn bei der Internet-Blase 2000 wurden Aktien nach oben getrieben, die man besser nicht mit der Kneifzange angefasst hätte – minimale Umsätze, extrem hohe Verluste. Heute dagegen liefern zahlreiche IT-Werte gute Erträge und ihre Gewinnrenditen liegen im Vergleich zu damals klar über denen von US-Staatsanleihen. Das liegt nicht allein am Lockdown und dem Trend zum Homeoffice. Online-Handel, Digitalisierung und die zunehmende Bedeutung von Maschinen und künstlicher Intelligenz sind keine vorübergehenden Phänomene. Auch nach Corona werden sich diese Trends fortsetzen. Durch Homeoffice etwa sparen sich Unternehmen kostspielige Büroflächen.

comdirect: Kann es jetzt sinnvoll sein, Risiken zu reduzieren – etwa mit Anleihen oder Immobilien?

Halver: Die Zinsmärkte gewinnen nicht an Attraktivität, wenn die Realzinsen bei null oder sogar negativ sind. Immobilien sind inzwischen hoch bewertet, im Gewerbebereich gibt es große Fragezeichen. Wenn Inflation nicht nur nicht bekämpft wird, sondern sogar erwünscht ist, ist das ein Treiber von Aktien als Sachkapital. Allerdings sollte man in diesen Zeiten sein Depot nicht einseitig auf Growth- oder Value-Aktien ausrichten. Eine Mischung aus qualitativ hochwertigen Unternehmen aus beiden Sektoren halte ich für besser. Wie bei Geschenken gilt auch für Aktien: Auf den Inhalt kommt es an. Eine gute Methode zur Risikoreduzierung kann zudem die Investition über Sparpläne sein.

comdirect: Sehen Sie ein Szenario, in dem es mittelfristig zu einem Crash kommen könnte? Spricht das Zocken mit Aktien wie Gamestop dafür?

Halver: Anders als vor zwei Jahrzehnten beherrschen Spekulationen nicht den Markt. Qualitätsaktien aus NASDAQ, Dow Jones und anderen internationalen Indizes halten sich stabiler. Das schließt eine höhere Volatilität bei schwankenden Zinserwartungen zwar nicht aus. Voraussetzung für einen Crash aber wäre eine große Zinswende. Diese Zinswende können sich die Notenbanken und die Staaten, die allein im vergangenen Jahr 20 Billionen Euro neue Schulden gemacht haben, meines Erachtens wirtschafts- und sozialpolitisch kaum erlauben. Mehr als ein „Zinswendchen“ erwarte ich deshalb nicht.

Aktien und Aktienfonds unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente dient ausschließlich Informationszwecken und stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Sie soll lediglich Ihre selbstständige Anlageentscheidung erleichtern und ersetzt keine anleger‐ und anlagegerechte Beratung. Bei den hier dargestellten Informationen und Wertungen handelt es sich um eine Werbemitteilung, die nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit einer Anlageempfehlung oder Anlagestrategieempfehlung genügt. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Darüber hinaus unterliegen die dargestellten Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente keinem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Anlage‐ oder Anlagestrategieempfehlungen. Stand: 12.04.2021; Quelle: comdirect.de.