Interview Marktausblick „18.000 Punkte im DAX sind möglich“

Hochhäuser in Frankfurt in der Sonne
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Vermögensverwalter Gerd Häcker über Nullzinsen, steigende Inflation und die Chancen an den Aktienmärkten.

Portrait Gerd Häcker

Gerd Häcker ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Münchner Steinbeis & Häcker Vermögensverwaltung GmbH. Er hat mehr als 35 Jahre Erfahrung an den Kapitalmärkten. Nach neun Jahren als Leiter des Portfolio-/Fondsmanagements bei Huber, Reuss und Kollegen gründete er 2016 seine eigene Vermögensverwaltung.

comdirect: Herr Häcker, die Corona-Krise ist noch nicht überwunden. Mit der Delta-Variante droht ein heißer Herbst. Gleichzeitig ziehen die Börsen unaufhaltsam an und notieren bei Allzeithochs. Ist das normal?

Gerd Häcker: Durch die Impfungen scheint die Pandemielage entspannter als im Vorjahr. Zudem gibt es für den Aufwärtstrend gute Gründe. Das Wachstumstempo liegt nach dem Corona-Einbruch höher als in den vergangenen Jahrzehnten. Es gibt in vielen Branchen Nachholbedarf. Vor allem aber sind angesichts der Null- und Negativzinsen höhere Bewertungen für den Aktienmarkt möglich. Die Zinspolitik war ja schon vor Corona extrem offensiv. Jetzt haben wir seit dem Frühjahr 2020 eine historische Sondersituation mit extrem offensiver Geld-, aber auch Fiskalpolitik.

comdirect: Kann das an den Börsen so weitergehen?

Gerd Häcker: Durchaus. Zum einen sind ja bisher nur Unternehmen aus speziellen Segmenten weit über ihre Vorkrisenhochstände gestiegen. So haben in erster Linie die Technologieaktien ihren Aufschwung fortgesetzt. Dazu erlebten Corona-Gewinner wie Lieferdienste und Online-Dienstleister einen Hype. Bei einigen dieser Unternehmen kann man angesichts der Bewertungen schon etwas Bauchschmerzen bekommen. Aber die zuletzt gut gelaufenen Zykliker wie Chemie und Automobil haben gerade mal ihre tiefen Abstürze aufgeholt. Und viele Branchen wie Luftfahrt und Tourismus, die von Corona stark betroffen wurden, liegen noch mehr oder weniger am Boden.

comdirect: Die aktuellen Rekordstände sind also kein Hindernis für weitere Aufschwünge?

Gerd Häcker: Es stimmt, dass der DAX mit rund 16.000 Punkten nahe am Höchststand steht. Aber schauen wir mal zurück: Im März 2000 notierte er bereits über 8.000 Punkten. Eine Verdoppelung binnen 21 Jahren ist doch alles andere als ein „Hype“. Zudem ist dieser Aufschwung weitgehend den Dividenden zu verdanken. Der Kurs-DAX hat ja gerade mal sein 2000er-Hoch geknackt. Bei institutionellen Anlegern und bei Privatkunden sehe ich aktuell keinerlei Euphorie. Eher Bedauern, dass man bisher nicht ausreichend investiert war.

comdirect: Die Inflation hat in den USA auf über 5 % und in Deutschland auf nahezu 4 % zugelegt. Halten Sie das für ein vorübergehendes Phänomen?

Gerd Häcker: Ich glaube in der Tat, dass die Zeit der Nullinflation vorbei ist. Aktuell erleben wir allerdings ein Überschießen der Geldentwertung durch den Ausgleich der Corona-Delle. Das ist angesichts des Nachholbedarfs, der Knappheit bei Speicherchips und gestiegener Energiepreise völlig normal. In Deutschland kommt noch der Mehrwertsteuereffekt hinzu. Aber auch in den nächsten Jahren kann die Inflation durchaus temporär mal bei 3 % bis 5 % liegen.

comdirect: Was bedeutet das für Anleger? Auch vor dem Hintergrund, dass die US-Zentralbank jüngst eine Anpassung der Geldpolitik in Aussicht gestellt hat?

Gerd Häcker: Kurzfristig kann das für Verunsicherungen sorgen. Das Tapering, also die Rückführung der Anleihekäufe, könnte die Börsen durchschütteln. Die Schwankungen werden nicht lustig sein, aber sie sind sicherlich zu verdauen. Entscheidend ist aus meiner Sicht: Es wird keinen endgültigen Ausstieg aus der Politik der Niedrigzinsen geben. Der Zug ist abgefahren, weil die Staaten und auch viele verschuldete Unternehmen das nicht verkraften könnten.

comdirect: Wie können sich Anleger auf ein solches Szenario einstellen?

Gerd Häcker: Damit müssen Anleger leben und entsprechend reagieren. Bei Niedrigzinsen sparen sie sich mit Anleihen bester Bonität oder mit dem Halten von Bargeld langfristig arm. Deswegen werden ausgewählte Sachwerte umso wichtiger und langfristig deutlich aussichtsreicher. Allerdings dürfte die große Welle, die seit dem Tiefpunkt im März 2020 nahezu alle Werte nach oben gespült hat, nicht anhalten. Vor gut einem Jahr konnte man fast alle Aktien kaufen – egal ob Rohstoffe, Zykliker oder Tech-Aktien. Künftig kommt es stärker auf das einzelne Unternehmen an. Auf dem erreichten Level geht es jetzt wirklich mal um Stock-Picking.

In unseren Fonds haben wir eine bunte Mischung aus Segmenten. Als Value-Investoren suchen wir vor allem nach Werten, die vom Markt unterschätzt werden.

Gerd Häcker

comdirect: Gibt es Länder oder Segmente, in denen Sie besonders viele interessante Gelegenheiten finden?

Gerd Häcker: In unseren Fonds haben wir eine bunte Mischung aus Segmenten. Als Value-Investoren suchen wir vor allem nach Werten, die vom Markt unterschätzt werden. Das können Unternehmen aus der Aquakultur, aus dem Sektor E-Sports, aber auch der von Corona stark getroffene Freizeitbereich sein. Interessant waren zuletzt zum Beispiel auch REITS und Gewerbeimmobilienwerte. Deren Aktien notierten in der Corona-Krise weit unter ihrem Nettoinventarwert und haben sich inzwischen prächtig erholt.

comdirect: Solch interessante Gelegenheiten finden Sie meist im Small- und Mid-Cap-Sektor. Sind dort weiterhin Überrenditen gegenüber den Bluechips möglich?

Gerd Häcker: Grundsätzlich sehen wir die größeren Chancen bei kleineren Werten, die noch nicht vom Markt voll entdeckt wurden. Auf der anderen Seite ist die größte Position in unserem Small- und Mid-Cap-Fonds aktuell ein Wert, der sehr im Fokus steht und inzwischen auch kein Mid Cap mehr ist: BioNTech. Unser Fondsmanager Nils Bartram hatte sie schon sehr früh auf dem Schirm. Schon Mitte 2020 erschien sie uns vielversprechend. Aber damals wäre der Kauf der Aktie eine Wette gewesen – und solche Wetten möchten wir als verantwortungsvolle Investoren nicht eingehen.

comdirect: Was hat Ihre Einschätzung geändert?

Gerd Häcker: Nach der Notzulassung und bei einem Aktienpreis von rund 100 Euro konnte man trotz der Unsicherheitsfaktoren seriös rechnen. Wir haben einen fairen Unternehmenswert von 300 Euro ermittelt und entsprechend investiert – mit großem Erfolg. Jetzt sind die 300 Euro ungefähr erreicht, aber in den USA haben viele noch nicht begriffen, wer BioNTech überhaupt ist – für die meisten Amerikaner kommt das Vakzin von Pfizer. Inzwischen hat die BioNTech-Aktie aber so zugelegt, dass sie in den NASDAQ 100 aufrücken könnte. Zudem erwarten wir steigendes Geschäft mit China, und die Forschungen an Medikamenten gegen Multiple Sklerose und Krebs sind vielversprechend.

comdirect: Erwarten Sie nach dem guten Jahresverlauf noch einen Endspurt im vierten Quartal?

Gerd Häcker: Aktuell sehe ich keinen Anlass für signifikante Rückschläge, eher ist eine Rally möglich. 18.000 Punkte im DAX sind auf kurze und mittlere Sicht wahrscheinlicher als ein Einbruch. Ich glaube, dass die Negativzinsen ein entscheidender Trigger sind. In Deutschland werden über zwei Billionen Euro an Spargeldern gehortet. Dazu kommt: Junge Leute interessieren sich zunehmend für Aktien. Da geht es nicht nur um Zockerwerte, sondern ganz vernünftig auch um Sparpläne, die auf YouTube erklärt und empfohlen werden.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect, sondern die eines Dritten wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 21.09.2021; Quelle: comdirect.de