Interview USA „Bidens passive Politik gefällt am Markt“

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Vermögensverwalter Thomas Grüner über das erste Jahr des Präsidenten und die Aussichten für die amerikanischen Börsen.

Profilbild Thomas Grüner

Thomas Grüner gründete 1999 seine Vermögensverwaltung in der Pfalz nahe Kaiserslautern. 2007 stieg der amerikanische Investor Ken Fisher in die Grüner Fisher Investments GmbH ein. Mit einem verwalteten Vermögen von über fünf Milliarden Euro gehört Grüner Fisher inzwischen zu den größten Vermögensverwaltern Deutschlands.

comdirect: Herr Grüner: Erinnern wir uns ein Jahr zurück an die tumultuöse US-Präsidentschafts­wahl: Erst erklärte sich Trump zum Sieger, schließlich verlor er auf ganzer Linie. Hat der neue Präsident bisher Ihre Erwartungen erfüllt?

Thomas Grüner: Meine Erwartungen an Joe Biden waren relativ gering. Massive inhaltliche Änderungen der US-Politik habe ich nicht erwartet. So ist es auch gekommen. Biden geht langsam voran. Er versieht sein Amt im Gegensatz zum Vorgänger nicht wie ein Realitystar, sondern eher wie ein Verwaltungs­chef. Dadurch steht er auch weniger im Fokus. Man nimmt ihn innen- und außenpolitisch viel weniger wahr als Donald Trump. Die außenpolitische Agenda unterscheidet sich dabei gar nicht so sehr von seinem Vorgänger. Aber der Ton macht die Musik und deshalb hat sich international einiges beruhigt. Innen- und wirtschaftspolitisch jedoch sind Biden die Hände weitgehend gebunden.

comdirect: Warum? Immerhin hat Biden eine Mehrheit in beiden Kammern und könnte theoretisch durchregieren.

Thomas Grüner: Diese Mehrheit besteht auf dem Papier. Sie ist aber so knapp wie bei keinem Präsidenten seit dem 19. Jahrhundert. Im Senat etwa gibt nur die Stimme von Kamala Harris den Ausschlag. Da die Senatoren weit unabhängiger sind als deutsche Parlamentarier und in erster Linie die Interessen ihres Bundesstaates vertreten, ist mit einer solch knappen Mehrheit keine massive Trendwende möglich. Das hat sich jetzt auch beim Klima- und Sozialprogramm gezeigt, das wegen des Einspruchs von „Kohlestaaten“ wie Wyoming oder West Virginia auf 1,75 Billionen US-Dollar halbiert wurde, allerdings immer noch nicht verabschiedet ist.

comdirect: Halten Sie den Kompromiss für angemessen?

Thomas Grüner: Ein Programm von 3,5 Billionen Dollar hätte auf lange Zeit für Streit bei der Refinanzierung gesorgt. Wichtig war aber vor allem das Anfang November verabschiedete Infrastrukturprogramm über 550 Milliarden US-Dollar. Die amerikanische Infrastruktur ist ebenso wie die europäische im Vergleich zu chinesischen Megacitys oder Stadtstaaten wie Singapur hoffnungslos überaltert. In vielen Gegenden fließt der Strom noch über oberirdische Leitungen an Holzpfosten, die Brücken sind marode und das Internet kommt im Schneckentempo. Investitionen in die Infrastruktur legen die Grundlage für künftiges Wachstum. Da sind sich ausnahmsweise fast alle Amerikaner einig.

comdirect: Könnte sich das Reformtempo im kommenden Jahr beschleunigen?

Thomas Grüner: Joe Biden wird weiterhin eher langsam vorangehen müssen. Revolutionäre Entwicklungen halte ich für ausgeschlossen. Bei den Zwischenwahlen im Jahr 2022 werden Teile des Senats und Repräsentantenhauses neu bestimmt, Biden könnte seine knappe Mehrheit in einer oder gar in beiden Kammern verlieren. Aber ein solcher Machtsplit war auch in der Vergangenheit kein Hindernis für die Börsen, oft im Gegenteil.

comdirect: Hat Bidens Politik der ruhigen Hand auch zur positiven Entwicklung an der Börse beigetragen?

Thomas Grüner: Sie hat sie zumindest nicht verhindert. Bidens passive Politik gefällt den Märkten. Wir wissen aus psychologischen Untersuchungen, dass positive Veränderungen mit dem Faktor eins gewichtet werden. Man freut sich einmal und gut ist es. Negative Veränderungen wie etwa massive Steuererhöhungen sorgen für einen zwei- bis zweieinhalbfachen Stressfaktor. Das sorgt für Angst, Volatilität und Rückschläge an den Börsen. Solche Negativ­nachrichten hat Biden den Anlegern weitgehend erspart.

„Bidens passive Politik gefällt den Märkten. Wir wissen aus psychologischen Untersuchungen, dass positive Veränderungen mit dem Faktor eins gewichtet werden.“

Thomas Grüner, Vermögensverwalter

comdirect: Die Erholung an den US-Börsen fiel nach der Pandemie noch stärker aus als im Rest der Welt. Erstaunt Sie das?

Thomas Grüner: Nein. Der scharfe Absturz in der ersten Corona-Phase hätte in einen lange andauernden Bärenmarkt führen können. Das haben auch wir zunächst für möglich gehalten. Relativ schnell aber stellte sich heraus, dass wir es „nur“ mit einer scharfen Korrektur zu tun hatten. Ähnlich war es 1997/1998, als Asienkrise, Russlandkrise und der Zusammenbruch des LTCM-Hedgefonds das Weltfinanzsystem bedrohten und für ein kräftiges Zwischentief im langfristigen Aufwärtstrend sorgten. Damals ging es danach bis 2000 noch einmal beschleunigt bergauf und die amerikanischen Märkte schnitten als Leitbörsen am besten ab, allen voran die NASDAQ.

comdirect: Der Vorsprung der US-Börsen beruht vor allem auf dem starken Fokus auf Technologiewerten. Bleiben sie für Sie weiterhin die Favoriten?

Thomas Grüner: Eine Fortsetzung des Trends ist möglich. Schließlich hat sich die US-Wirtschaft auch deutlich schneller erholt als etwa die europäische. Wir befinden uns in der späten Phase eines langen Bullenmarktes. Grundsätzlich ist festzustellen: Die Gewinner der vergangenen 18 Monate waren auch die Gewinner der Jahre 2017 bis 2019. Dazu gehören neben großen Pharma- oder Markenunternehmen vor allem die führenden Technologiewerte. Apple hat etwa seine Marktposition laufend ausgebaut, Microsoft ist durch das Lizenz- und Cloudgeschäft in neue Dimensionen gewachsen. Das schlägt sich auch in den Bewertungen nieder.

comdirect: Sind die Kurse nicht teilweise im irrationalen Überschwang angekommen, siehe Spekulationen mit Börsenmänteln für junge Unternehmen (Spacs) und auch mit Kryptowährungen?

Thomas Grüner: Natürlich waren die Kurszuwächse nach dem Tief im Frühjahr 2020 spektakulär und können sich nicht linear fortsetzen. Aber Unternehmen wie Microsoft, Apple oder Alphabet rechtfertigen ihre Kurse eben immer wieder mit Umsatz-, Margen- und Gewinnsteigerungen. Gleichwohl gibt es in jedem Bullenmarkt Zeichen für Überhitzungen. Da suchen viele sorglose Anleger die spektakulären Gewinne. Vor gut 20 Jahren waren es aufgeblasene Werte am Neuen Markt, heute sind es Spacs und Kryptos. Ich werde skeptisch, wenn nicht über die Qualität des Investments, die Marktstellung oder die Gewinnsteigerungen geredet wird, sondern nur über „Kursziele“. Das zieht „Dumb Money“ an – dummes Geld. Bisher hat dies aber nicht überhandgenommen.

comdirect: Können Industrie und Infrastrukturwerte angesichts der Konjunkturprogramme überproportional punkten?

Thomas Grüner: Ihre steigenden Umsatz- und Gewinnchancen sind meiner Ansicht nach bereits zum größten Teil eingepreist. Die Börse ist eine Nachrichtendiskontierungsmaschine und jede bekannte Nachricht ist eine alte Nachricht. Das schließt aber nicht aus, dass einzelne Unternehmen mit starker Auftragslage noch einmal deutlich anziehen.

comdirect: Sehen Sie Inflationsgefahren?

Thomas Grüner: Eine Vermögenspreisinflation gibt es schon seit Jahren – bei Aktien und Immobilien. Selbst bei uns in Kaiserslautern steigen die Bodenpreise massiv. Die aktuelle Inflationsrate ist stark vom Basiseffekt des Vorjahres geprägt. Aber die Rohstoff- und Güterknappheit etwa bei Holz und Halbleitern wirkt sich zusätzlich aus. Rabatte können Sie aktuell vergessen. Zudem ist es bei hoch qualifizierten Aufgaben schon seit Langem schwer, Personal zu finden. Das Phänomen weitet sich aus – auf Hafenarbeiter und Handwerker, Pflegekräfte und Lkw-Fahrer. Die Preismacht verlagert sich von den Nachfragern zu den Unternehmen und Arbeitskräften. Das wird die Inflation längerfristig antreiben.

comdirect: Können steigende Geldentwertung und eine mögliche Anhebung der Leitzinsen den Börsenaufschwung abwürgen?

Thomas Grüner: Das glaube ich nicht. Ganz unabhängig vom Zinssatz ist aktuell unheimlich viel Geld unterwegs. Die Sparquoten sind rekordhoch, der Realzins tief im negativen Bereich. Das Geld ist auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten. Selbst wenn die Leit- und Anlagezinsen in den nächsten Jahren steigen, bleibt weiterhin die Investition in Sachwerte wie Aktien erste Wahl.

comdirect: Die Politik von Joe Biden beeinflusst nicht allein die Politik, sondern auch die Börsen dieser Welt: Wie sollen sich Anleger für 2022 aufstellen – in den USA und global?

Thomas Grüner: Wir erwarten keine wesentlichen Änderungen, denn noch läuft die Spätphase des Bullenmarktes. In einer solchen Phase sollten Anleger auf Qualität setzen. Sie können die Börsenwelle reiten, müssen aber Warnzeichen aufmerksam beachten. Investitionen in die Top 20 der größten Börsenwerte der Welt scheinen dafür am besten geeignet, also Technologie-, Pharma- und Luxuswerte. Sie sind aufgrund ihrer steigenden Gewinne auch nicht extrem hoch bewertet – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie etwa Tesla.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect, sondern die eines Dritten wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 16.11.2021; Quelle: comdirect.de