Interview „Aktien die Treue halten“

Tillmann Galler im Interview
Manjit Jari Frankfurt Germany

Handelskonflikt und Brexit schüren die Angst vor einer Rezession. Warum Aktien trotz der Risiken unverzichtbar sind, erklärt Tilmann Galler im Interview.

Tillmann Galler

Tilmann Galler

Tilmann Galler, Executive Director bei J.P. Morgan Asset Management, verantwortet seit 2007 die Kapitalmarktanalyse für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Vor seinem Wechsel zu J.P. Morgan war Galler als Portfoliomanager bei UBS Global Asset Management sowie als Aktienhändler bei Commerzbank Securities tätig.

comdirect: Herr Galler, „Sell in May and go away, but remember to come back in September“, lautet eine der bekanntesten Börsenregeln. Muss ich in diesem Jahr im Herbst wirklich investiert sein?

Tilmann Galler: Auf jeden Fall! Man sollte immer investiert sein, das ist unsere Grundüberzeugung. Und daran hat sich auch in den vergangenen Wochen nichts verändert.

comdirect: Politische Beobachter reiben sich aktuell die Augen: In Italien koalieren Sozialdemokraten mit der Fünf-Sterne-Bewegung; in Großbritannien schickt Premierminister Boris Johnson das Parlament in einen Zwangsurlaub und wirft anders denkende Abgeordnete aus der eigenen Fraktion, um den Brexit durchzusetzen. Wie fragil ist die europäische Ordnung?

Tilmann Galler: Um Italien mache ich mir aus Investorensicht aktuell keine großen Sorgen. Die europakritische Lega Nord ist aus der Regierung ausgeschieden, deshalb sehe ich keine erhöhten Risiken für die Währungsunion. Die Auseinandersetzungen um den Brexit dagegen verunsichern Bürger und Unternehmen. Die britische Wirtschaft hat sich bisher gut gehalten, aber die Zeichen der Schwäche mehren sich – zum Beispiel am Immobilienmarkt. Auch das Konsumentenvertrauen ist zurückgegangen. Die Industrie ist aber nicht nur in Großbritannien, sondern auch auf dem Kontinent verunsichert, was sich im rückläufigen Warenverkehr zeigt.

comdirect: Erwarten Sie denn, dass es einen No-Deal-Brexit geben wird?

Tilmann Galler: Wir halten die Wahrscheinlichkeit für einen ungeordneten Brexit nicht für sehr hoch. Unser Basisszenario ist nach wie vor, dass es ein Abkommen mit der EU geben wird und es zu einem geordneten Ausstieg kommt. Einen Verbleib in der EU würden wir natürlich vorziehen. Aktuell ist ein „remain“ nicht sehr wahrscheinlich, aber wenn es zu vorgezogenen Neuwahlen kommt, sind – begünstigt durch das Mehrheitswahlrecht – auch Überraschungen möglich. Großbritannien ist in der Brexit-Frage gespalten, auch über Parteigrenzen hinweg.

comdirect: Ökonomen wie Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sehen in der Unsicherheit höhere Risiken als in einem No-Deal-Brexit. Was meinen Sie?

Tilmann Galler: Wir bewerten das anders. Im Falle eines No-Deal-Brexits erwarten wir erhebliche Turbulenzen an der Währungsfront – das Britische Pfund dürfte massiv an Wert verlieren. In einer aufgrund der Unsicherheit wirtschaftlich schwachen Phase steigen dann die Inflationsrisiken. Es droht also die Gefahr, dass die britische Wirtschaft in eine Stagflation fällt. Und dann wären auch der englischen Notenbank die Hände gebunden. Das würden natürlich auch die größten Handelspartner in Europa zu spüren bekommen, insbesondere die Beneluxstaaten und Deutschland.

comdirect: Politische Börsen haben kurze Beine – so hieß es früher. Stimmt das noch?

Tilmann Galler: Grundsätzlich schon, aber wenn die Konsequenzen politischer Entscheidungen nachhaltig sind, können sie die Märkte natürlich auch nachhaltig beeinflussen. Wie stark, das zeigt sich bei dem in Berlin diskutierten Mietpreisdeckel. Ich war gerade in Berlin und habe aus Gesprächen erfahren, dass die Vorsicht bei Investoren schon jetzt signifikant spürbar ist…

Ich denke, dass das Mantra herrscht, die Notenbanken werden es schon richten…

Tilmann Galler
Executive Director bei J.P. Morgan Asset Management

comdirect: Spürbar sind inzwischen auch die Folgen des Handelskonflikts zwischen den USA und China. Erwarten Sie, dass es vor den US-Wahlen im kommenden Jahr zu einer Einigung kommen wird?

Tilmann Galler: Wir gehen davon aus, dass das Konfliktpotenzial zwischen den beiden Supermächten langfristig erhalten sein wird – ein Sonnenschein-Szenario ist nicht in Sicht. Im besten Fall erwarten wir partielle Entspannung – übrigens ganz unabhängig von der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr. Längst ist die Marschrichtung von Trump gegenüber China ein parteiübergreifender Konsens geworden. Das heißt: Der Ton würde sich bei einem Regierungswechsel zwar verändern, in der Sache aber nichts. Die Meinungsunterschiede sind so tief greifend, dass eine kurzfristige Lösung eher unwahrscheinlich ist.

comdirect: Trotz aller Krisenherde: Die Aktienmärkte zeigen sich aktuell relativ unbeeindruckt. Woran liegt’s?

Tilmann Galler: Ich denke, dass das Mantra herrscht, die Notenbanken werden es schon richten…

comdirect: Zu Recht?

Tilmann Galler: Die Notenbanken wirken unterstützend, aber das allein bringt nicht die erforderlichen Impulse, damit sich die Weltkonjunktur nachhaltig erholt. Beispiel Deutschland: Wir brauchen fiskalische Impulse, um die Binnenkonjunktur zu stärken. Christine Lagarde hat das in ihrer Funktion als Chefin des IWF mehrfach angemahnt. Der hohe Exportüberschuss trägt dazu bei, Europa zu destabilisieren.

comdirect: In den USA hat die Fed die Zinsen wieder leicht gesenkt und damit den Zinserhöhungszyklus beendet. Und Christine Lagarde, die im November die Nachfolge von Mario Draghi als Chefin der EZB antreten soll, hat schon angekündigt, dass sie alle Werkzeuge zur Stärkung der Konjunktur nutzen wird. Eine Normalisierung an der Zinsfront ist damit in weite Ferne gerückt. Steht es so schlecht um die Weltwirtschaft?

Tilmann Galler: Weltweit sehen wir rezessive Tendenzen im Industriesektor. Auch in Deutschland ist die Industrieproduktion im zweiten Quartal ins Minus gerutscht. Und da die deutsche Wirtschaft sehr stark von Industrie und verarbeitendem Gewerbe abhängt, besteht die Gefahr, dass andere Sektoren infiziert werden. Privater Konsum und Konsum des Staates sorgen noch für einen positiven Beitrag. Aber wir sehen bereits leichte Eintrübungen am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Kurzarbeiter steigt und die offenen Stellen gehen zurück – wenn auch bisher nicht in einem dramatischen Ausmaß.

comdirect: In den USA verlief die Berichtssaison zum zweiten Quartal überraschend gut…

Tilmann Galler: Ja, das stimmt. Aber auch die US-Wirtschaft schwächt sich ab, das wird sich in den kommenden Quartalen zeigen. Der wichtige Einkaufsmanager-Index ISM für das verarbeitende Gewerbe ist zuletzt unter die 50-Punkte-Marke gerutscht – wir erwarten in den kommenden Quartalen negative Gewinnrevisionen. Die Fed wird alles tun, um eine Ansteckung des Dienstleistungssektors zu verhindern.

comdirect: Können die Schwellenländer-Börsen von der gesunkenen Zinsdifferenz profitieren?

Tilmann Galler: Strategisch sind die Schwellenländer nach unserer Einschätzung erste Adresse für Investoren – auf Sicht von zehn Jahren sehen wir hier schon aufgrund der wachsenden Mittelschicht und der damit einhergehenden Veränderungen im Konsumverhalten das größte Potenzial – vor allem in Asien. Aktuell allerdings ist der konjunkturelle Gegenwind spürbar, verbunden mit hohen Schwankungen an der Börse.

comdirect: Was heißt das für Investoren?

Tilmann Galler: Das hängt ab von dem Gesamtportfolio und der individuellen Strategie. In den Schwellenländern beobachten wir seit 20 Jahren, dass die Währungen mit den Einkaufsmanager-Indizes korrelieren und die Richtung am Aktienmarkt bestimmen. Aktuell fallen die Einkaufsmanager-Indizes des verarbeitenden Gewerbes noch tiefer in den negativen Bereich – in so einem Umfeld sind US-Anlagen weiterhin als sicherer Hafen sehr gefragt. Wenn aber die Einkaufsmanager-Indizes drehen, dann eröffnet sich neues Potenzial für Währungen und Aktien in den Schwellenländern. Wer langfristig investiert, kann den aktuellen Gegenwind aber auch zum Einstieg nutzen. Wie bieten dafür beispielsweise für die wachstumsstarke Region Asiens mit dem JP Morgan Funds – Asia Growth Fund (WKN A0DNC7) und dem JP Morgan Funds – Pacific Equity Fund (WKN 971609) zwei Strategien: Asien pur – mit höheren Schwankungen und mehr Renditepotenzial. Oder eben die etwas weiter gefasste Pazifikregion mit den Industrieländern Japan und Australien, die das Fondsportfolio stabilisieren. Japan korreliert nicht stark mit den Schwellenländer-Börsen und Australien hat seit 28 Jahren keine Rezession gesehen…

comdirect: Macht Timing in unruhigen Märkten Sinn?

Tilmann Galler: Nicht „timing the market“, sondern „time in the Market“ ist wichtigster Faktor für den Anlageerfolg. Also nicht das Timing, sondern die Zeit, in der Anleger investiert sind. Wer versucht, den Markt zu timen, verpasst Opportunitäten. Deshalb sollten Privatanleger Aktien auch im aktuell schwierigen Marktumfeld die Treue halten.

comdirect: Wie lassen sich die Risiken denn reduzieren?

Tilmann Galler: Wir favorisieren Wachstum zum vernünftigen Preis. Aber Qualitätsaktien sind inzwischen recht hoch bewertet – deshalb investieren wir auch in aussichtsreiche Wachstumstitel, die zu einem vernünftigen Preis zu haben sind. Im aktuellen Umfeld sehen wir US-Aktien vorn. Und da wir uns in einer sehr reifen Phase des Zyklus befinden, präferieren wir Large Caps. In den vergangenen Jahren sind kleine und mittlere Unternehmen zwar sehr gut gelaufen, aber bei konjunkturellem Gegenwind fühlen wir uns im Large-Cap-Segment besser aufgehoben.

comdirect: In welchen Branchen sehen Sie am meisten Potenzial?

Tilmann Galler: In Asien halten wir Konsum, Logistik, Reisen oder auch Finanzen für aussichtsreich. Aber auch Themen wie Gesundheit gewinnen massiv an Bedeutung. Untersuchungen zeigen, dass Menschen ab einem Jahreseinkommen von 10.000 US-Dollar beginnen, deutlich mehr in ihre Gesundheit zu investieren. In den Industrieländern profitiert der Sektor von der Alterung der Gesellschaft. Unternehmen, die das Thema abbilden, kommen zumeist aus den USA. Mit dem JP Morgan Funds – Global Healthcare Fund (WKN A0RPE0) können Anleger an der Entwicklung der US-Medizintechnologie und der demografischen Entwicklung in Asien partizipieren. Grundsätzlich fokussieren wir uns aber nicht so sehr auf Branchen, sondern suchen in allen Segmenten nach Renditebringern.

comdirect: Welchen Rat können Sie Anlegern geben?

Tilmann Galler: Bleiben Sie in Aktien investiert. Ich bin ein großer Freund des Rebalancing: Überprüfen Sie regelmäßig die Depotstruktur, um nicht unnötig ins Risiko zu laufen. Wer langfristig Vermögen aufbaut, kann Sparpläne nutzen und damit das Timing-Risiko reduzieren und vom Cost-Average-Effekt profitieren. Unter dem Strich werden wir uns aber sehr wahrscheinlich mit geringeren Renditen als in der Vergangenheit zufriedengeben müssen. Wir erwarten auf Sicht von zehn Jahren Renditen im mittleren einstelligen Bereich!

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