Interview zur Geldentwertung „Für Sparer ist Inflation Enteignung“

Eine Frau bezahllt ihren Einkauf an der Kasse
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Fondsmanager Bert Flossbach über negative Realzinsen, hohe Inflation und die Bedeutung von Sachwerten für den Kapitalerhalt.

Interview Flossbach von Storch
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Bert Flossbach hat BWL in Köln studiert und in Innsbruck promoviert. 1998 gründete er zusammen mit Kurt von Storch die Flossbach von Storch AG. Der Flaggschifffonds Flossbach von Storch SICAV – Multiple Opportunities (WKN A0M430) ist inzwischen mehr als 25 Milliarden Euro schwer und gehört zu den größten Fonds in Europa. Insgesamt verwaltet der Kölner Asset‐Manager mehr als 80 Milliarden Euro.

comdirect: Herr Flossbach, die Preise steigen derzeit rasant, die Lieferketten sind in vielen Branchen gestört und viele Unternehmen müssen im Zuge des russischen Angriffskrieges mehr Geld für Rohstoffe bezahlen. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Bert Flossbach: Wir stehen derzeit vor einigen Herausforderungen. Der barbarische Krieg, den Russlands Präsident Putin in der Ukraine führt, sorgt für steigende Energiepreise. Gleichzeitig führt das Festhalten Chinas an der Zero-Covid-Strategie angesichts der sich dort rasch ausbreitenden Omikron-Variante zu Unterbrechungen vieler internationaler Lieferketten. Knappe Energie und eine Verknappung des Güterangebots lassen die Preise auf breiter Front steigen. Das hat uns im Mai eine Inflation von 8,1 % in der Eurozone beschert, die sich wohl fest in unserem Alltag einnisten wird. Dies muss nicht, kann aber zu einer Stagflation wie in den 1970er-Jahren führen – also Nullwachstum bei hohen Inflationsraten.

comdirect: Die anhaltend hohe Inflation ruft die Notenbanken auf den Plan. Die US-Notenbank Fed hat mehrmals die Zinsen angehoben. Die Europäische Zentralbank wird nachziehen. Ist das die Zinswende?

Bert Flossbach: Nominal steigen die Zinsen. Das ist richtig. Doch den Geist, den die Notenbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik aus der Flasche gelassen haben, dürften sie nicht mehr dorthin zurückbekommen. Trotz der avisierten Zinserhöhungen bewegen wir uns in einem Umfeld mit dauerhaft negativen Realzinsen. Der mentale Inflationsanker vieler Menschen beginnt sich schon länger von der angestrebten 2-%-Zielmarke der Notenbanken zu lösen. Die Bürger richten sich auf steigende Preise ein und passen ihr Konsumverhalten an. Sie beginnen schon damit, Käufe von langlebigen Konsumgütern vorzuziehen, wobei das Angebot aufgrund von Lieferkettenproblemen derzeit oft begrenzt ist. Ein normales Inflationsniveau ist derzeit wohl nur mit weitaus drastischeren Zinserhöhungen zu erreichen, als die Notenbanken sie zuletzt angekündigt haben.

comdirect: Wie stark müssten die Zinsen denn steigen, um die Inflation wirksam zu bekämpfen?

Bert Flossbach: Dazu wäre wohl eine Politik wie die des früheren US-Notenbankchefs Paul Volcker nötig, der 1980 zur Bekämpfung von Inflationsraten von damals bis zu 15 % den Leitzins kurzfristig auf 20 % angehoben und über mehrere Jahre bei über 10 % belassen hat. Doch stellen Sie sich vor, heute würde die EZB den Leitzins auf 7 oder 8 % anheben. Das wäre zum Scheitern verurteilt. Dazu ist die Verschuldung – im Gegensatz zu früher – viel zu hoch.

comdirect: Den Notenbanken, insbesondere der EZB, sind also die Hände gebunden. Was bedeutet das für Anleger?

Bert Flossbach: Für die vielen Sparer und Sparerinnen, die ihr Vermögen auf dem Konto sicher wähnen, kommt dies bei einer Verbraucherpreisinflation von zuletzt 7,9 Prozent in Deutschland einer Enteignung gleich. Früher vollzog sie sich noch schleichend, jetzt ist sie direkt und deutlich spürbar. Wer kann, sollte einen signifikanten Teil des Vermögens in Sachwerte investieren, vor allem in Aktien zukunftsträchtiger Unternehmen und in Gold.

„Wer kann, sollte einen signifikanten Teil des Vermögens in Sachwerte investieren, vor allem in Aktien zukunftsträchtiger Unternehmen und in Gold.“

Bert Flossbach, Mitbegründer der Flossbach von Storch AG

comdirect: In Ihrem Fondsportfolio waren Aktien zuletzt mit mehr als 75 % sehr hoch gewichtet. Ist das nicht angesichts der vielen Herausforderungen für einen Multi-Asset-Fonds recht hoch?

Bert Flossbach: Aus unserer Sicht bleiben Aktien trotz der geopolitischen Risiken und der Lieferkettenprobleme langfristig die attraktivste Anlageklasse. Nur sie bieten eine Chance, die Kaufkraftverluste durch die Inflation auszugleichen. Allerdings sollten die hohen Gewinne der letzten Jahre nicht in die Zukunft projiziert werden. Und die Flut hebt nicht mehr alle Schiffe. Es genügt also nicht mehr, in irgendwelche Aktien investiert zu sein. Die Einzeltitelauswahl ist entscheidend.

comdirect: Gibt es Unternehmen, die sich Ihrer Ansicht nach in einem solchen Umfeld behaupten können?

Bert Flossbach: Die Inflation gilt gemeinhin als Freund der Aktie. Doch dafür müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Der Unternehmensgewinn sollte mindestens mit dem Tempo der Inflation wachsen. Dazu muss das Unternehmen in der Lage sein, seine Marge zu verteidigen – sprich: steigende Kosten an die Kunden weiterzureichen, ohne dadurch einen Absatzeinbruch zu erleiden. Die Bewertung des Unternehmens beziehungsweise der Aktie darf gleichzeitig durch einen starken Zinsanstieg nicht unter Druck kommen.

comdirect: Unternehmen brauchen also Preissetzungsmacht. Haben Sie in der aktuellen Situation die Auswahlkriterien für Unternehmen angepasst?

Bert Flossbach: Nein, auch wenn wir unser Portfolio natürlich permanent überprüfen. Aber mehr denn je erfordert die Großwetterlage unseres Erachtens einen Fokus auf Qualität. Darauf konzentrieren wir uns bereits seit vielen Jahren. Dabei verstehen wir unter Qualitätsunternehmen Unternehmen mit hoher Ertragsresilienz. Das heißt: Sie schaffen es dank guten Managements, ihr Geschäft auch in schwerem Fahrwasser erfolgreich zu steuern und zu wachsen.

comdirect: Seit Jahresbeginn erleben wir eine starke Korrektur bei Technologiewerten. Wie stark wurde der Fonds getroffen und finden Sie inzwischen wieder attraktive Unternehmen mit günstigen Bewertungen?

Bert Flossbach: Die größten Rückschläge gab es bei kleineren und mittelgroßen Technologieaktien, wo die Bewertungen zuvor teils sehr hoch waren. Kursverluste von 30 bis 50 % waren hier im ersten Quartal eher die Regel denn die Ausnahme. Auch wir wurden getroffen, aber nicht so sehr, da wir uns bei der Auswahl der Titel aus diesem Bereich auf bereits profitable Geschäftsmodelle konzentrieren, deren Kurse nicht überproportional abgestraft wurden. Wir halten an fast allen Titeln fest, haben aber bisher nur sehr vereinzelt zugekauft.

comdirect: Welche Branchen finden Sie im aktuellen Umfeld als Investor interessant?

Bert Flossbach: Bei der Titelauswahl fokussieren wir uns auf Unternehmen mit einer hohen Qualität. Die Branchenzugehörigkeit ist hier nicht entscheidend. Um aber die Aktienquote im Fondsportfolio auch angesichts eines Mangels an attraktiven Anlagealternativen hochhalten zu können, ist eine kluge Diversifikation innerhalb des Aktienanteils erforderlich. Sie bietet Schutz vor nachhaltigen Wertverlusten. Daher achten wir darauf, vom Wachstumspotenzial überdurchschnittlich guter Unternehmen aus verschiedenen Branchen zu partizipieren.

comdirect: Gold ist in Ihrem Mischfonds eine wichtige Assetklasse. Haben Sie den Anteil erhöht und welche Rolle übernimmt Gold in Ihrem Portfolio?

Bert Flossbach: Gold ist für uns ein wichtiger Sicherheitsanker im Portfolio. Die Bedeutung von Gold als Mittel zur Diversifikation ist aufgrund der komplexen geopolitischen Lage, vor allem aber wegen der hohen Inflation, noch einmal gestiegen. Solange die Renditen von Anleihen unter der langfristig zu erwartenden Inflationsrate liegen, halten wir eine höhere Gewichtung von Gold als in der Vergangenheit für sinnvoll.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung der comdirect – einer Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 21.06.2022; Quelle: comdirect.de