Interview: „Buffett ist ein Vorbild für Anleger“

Berkshire Hathaway HomeServices Hallmark Realty Schild an der Bürofassade
© MichaelVi via Adobe Stocks

Fondsmanager Frank Fischer über das Hauptversammlungs-Happening von Berkshire Hathaway und die Demut des legendären Investors.

Frank Fischer Portrait

Frank Fischer ist Vorstands­vorsitzender der Shareholder Value Management AG und managt dort mehrere Fonds, die sich am Modern-Value-Konzept orientieren. Seit vielen Jahren besucht der Betriebswirt die Hauptversammlungen von Berkshire Hathaway. Fischer wurde 2018 als Fondsmanager des Jahres ausgezeichnet.

comdirect: Herr Fischer, im Mai dieses Jahres konnten Sie erstmals seit drei Jahren wieder nach Omaha zur Hauptversammlung von Berkshire Hathaway fahren. Litten Sie zuvor unter Entzugserscheinungen?

Frank Fischer: Das kann man so sagen. 2019 war ich mit meinem Sohn dort. 2020 wollte die ganze Familie mit. Das ist an der Covid-19-Pandemie gescheitert. Der Besuch in Omaha ist für mich inzwischen Tradition. Es gibt immer wieder neue Anregungen zum modernen Value-Investing. Zudem treffen wir uns schon im Vorfeld mit über 50 deutschen Finanzexperten und Vermögensver­waltern und tauschen uns zu aktuellen Themen aus. Auch dieser Teil des Omaha-Besuchs ist sehr bereichernd. Insgesamt ist es wie eine Weiterbildungsveranstaltung. Gerade für Asset-Manager ist eine permanente Infragestellung der eigenen Strategie wichtig.

comdirect: Was macht die Hauptversammlung so besonders, dass Sie und Zehntausende andere Aktionäre immer wieder dorthin pilgern?

Frank Fischer: Die Hauptversammlung macht Wirtschaft plastisch. Alle Firmen von Warren Buffett sind vertreten. Von den Eisenbahngesellschaften (repräsentiert über Modelleisenbahnen) über T-Shirts wie Fruit of the Loom und Cowboystiefel bis zu den Süßigkeiten. In vielen dieser Unternehmen ist Buffett teilweise seit 50 Jahren investiert. Ähnlich ist es auch mit den Aktionären, die schon seit Ewigkeiten dabei sind. Es ist eine echte Community, die sich hier versammelt. Diesmal hat mich meine durchaus kapitalismuskritische Tochter begleitet. Sie meinte: „Das ist doch gar keine Hauptver­sammlung, das ist eher ein Festival.“ Auch sie konnte sich dem Charme der Veranstaltung nicht entziehen.

comdirect: Warum schätzen Sie Buffett so?

Frank Fischer: Er ist ein Vorbild für Asset-Manager – ein genialer Investor und gleichzeitig eine demütige Person. Seine jahrzehntelange Erfahrung teilt er in den Briefen an seine Investoren mit, aber auch in Reden an Abschlussjahrgänge an Universitäten. Er hält auch nicht mit Fehlern hinterm Berg. Er weiß, dass auch er als Investor und Manager Fehler macht und will immer noch dazulernen. Mit elf Jahren hat er seine erste Aktie gekauft und wenig später das Value-Investing entdeckt. 80 Jahre später kauft er immer noch Unternehmen. Die Schwerpunktbranchen mögen sich geändert haben, die fantastischen Renditen nicht.

comdirect: Wie schafft er das?

Frank Fischer: Anfangs hat er getreu seinem Lehrmeister Benjamin Graham vor allem nach sehr günstigen Unternehmen gesucht. Das Motto: Bekomme einen Unternehmenswert für einen US-Dollar und zahle nur 50 Cent dafür. Seit den 1970er-Jahren hat er die Strategie angepasst: Seitdem sucht er vor allem Unternehmen hervorragender Qualität zu guten Preisen oder, wie er sagt, „Wunderbare Firmen zum fairen Preis“. Das ist das Modern-Value-Investing, bei dem man durchaus auch etwas höhere Bewertungen beim Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Buchwert akzeptiert.

comdirect: Also eine Kombination von Value und solidem Wachstum …

Frank Fischer: Genau. Solche Unternehmen zu finden, ist seine Spezialität. Buffett hat dabei ein klares Analysemuster: Er schaut auf lange Historien, am besten mindestens zehn Jahre und zwei Geschäftszyklen. Aus den Zahlenwerten extrapoliert er die mögliche Zukunftsentwicklung. Er denkt dabei wie ein Unternehmer. Gibt es einen strukturellen Wettbewerbsvorteil? Bleibt dieser voraussichtlich über längere Zeit erhalten? Oder stehen wesentliche Änderungen an? So kam er auf Unternehmen wie Coca-Cola oder American Express.

comdirect: Was zeichnet diese Firmen aus?

Frank Fischer: Buffett sucht Unternehmen mit einem Burggraben zu den Konkurrenten. Das können Süßigkeiten sein, wo kein Fan wegen 5 % Preiserhöhung zum Konkurrenzprodukt greift. Aber auch Weltunternehmen wie Coca-Cola oder Produkte ohne Konkurrenz wie zum Beispiel Eisenbahnlinien. Selbst in schwierigen oder inflationären Zeiten bleiben diese Firmen stabiler als die große Masse. Auch Apple oder Microsoft können ihre Preise erhöhen, weil der Umstieg auf andere Produkte für private und professionelle User mit zu viel Mühe oder hohen Kosten verbunden wäre. Der weit überwiegende Anteil der Rendite von Berkshire Hathaway kommt aus diesen „wunderbaren Unternehmen“ und dem Zinseszins, den diese Investitionen mit sich bringen.

Ein breiter Absturz der Börsenkurse ist aber nicht nur Gefahr, sondern auch Chance.

Frank Fischer, Vorstandvorsitzender der Shareholder Value Management AG

comdirect: Zwischenzeitlich schlechte Geschäftszahlen sind bei diesen Unternehmen kein Grund zu zweifeln?

Frank Fischer: Im Gegenteil. Wenn die fundamentalen Daten und die Ausrichtung stimmen, sind schlechte Quartale sogar gute Chancen. Denn dann bietet sich die Gelegenheit zu einem günstigen Einstieg oder zum Aufstocken der Anteile. Wenn das Unternehmen wirklich gut ist, wirkt der Spruch von Buffetts Kompagnon Charlie Munger: „Money is made by sitting.“ Hektisches Handeln ist den Machern von Berkshire Hathaway fremd. Und stetiges Unternehmenswachstum ist überhaupt kein Gegensatz zum Value-Gedanken.

comdirect: Gleichwohl hat Buffett so manchen Trend verpasst. In die New Economy ist er gar nicht eingestiegen, bei den Tech-Aktien auch eher weniger.

Frank Fischer: Richtig: 1999 etwa hat man über ihn gelacht, als er keine Tech-Aktien kaufen wollte. Aber dann platzte die Blase und seine Skepsis erwies sich als richtig. Eine gewisse Vorsicht hat Buffett immer ausgezeichnet, weil er eben sehen möchte, dass Unternehmen bereits Erfolge vorweisen können. Aber wenn er dann von einer Idee und einem Businessmodell überzeugt ist, greift er zu. Nicht von ungefähr ist er 2016 bei Apple eingestiegen. Mitten in einer Phase, als das Unternehmen bei Anlegern nicht gut wegkam. Heute ist es das mit Abstand teuerste Unternehmen der Welt und Buffett gehören mehr als 5 % davon im Gegenwert von rund 150 Milliarden US-Dollar – ihm und den Aktionären von Berkshire Hathaway.

comdirect: Buffett ist 92 Jahre alt, sein Kompagnon Charlie Munger 98: Haben Menschen in diesem Alter noch die geistige Mobilität für schnelle Investmententscheidungen?

Frank Fischer: Die beiden mit Sicherheit. Und natürlich sind sie nicht allein im Unternehmen. Das Team ist zwar klein, aber schlagkräftig. Buffetts designierter Nachfolger Greg Abel ist bereits seit vielen Jahren dabei, auch die erfahrenen Investmentmanager Todd Combs und Ted Weschler. Aber noch ist Buffett selbst topfit. Das zeigt er auf der Hauptversammlung, aber auch mit seinen jüngsten Investment­entscheidungen. Zuletzt hatte man ihm vorgeworfen, zu lange zu zögern und Geld anzuhäufen. Jetzt im Frühjahr hat er bei günstigen Preisen zugeschlagen und für einen zweistelligen Milliardenbetrag den Erst- und Rückversicherer Alleghany gekauft – ein ziemlich krisensicheres Geschäft. Zudem hat er seine Beteiligung an Occidental Petroleum zügig gesteigert – in diesem Jahr eines der performancestärksten Unternehmen im S & P 500.

comdirect: Was können Anleger von Buffett lernen?

Frank Fischer: Sie sollten keinen Modeerscheinungen folgen, Unternehmen gründlich analysieren und solche mit einem wirtschaftlichen Burggraben bevorzugen. Entscheidend ist zudem, langfristig und antizyklisch zu denken: also die Möglichkeiten ergreifen, wenn andere Angst haben, und sich auch mal aus dem Markt heraushalten, wenn alle anderen zu euphorisch werden.

comdirect: Das ist nicht ganz einfach für den Ottonormalanleger …

Frank Fischer: Die antizyklische Strategie erfordert viel Disziplin, weil sie den menschlichen Urinstinkten widerspricht. Wir neigen in Gefahrensituationen zur Flucht. Ein breiter Absturz der Börsenkurse ist aber nicht nur Gefahr, sondern auch Chance. Ich kenne viele private Anleger, die ihre Emotionen im Griff haben und bei sicherer Beherrschung der Grundrechenarten mit der Modern-Value-Strategie gute Erfolge haben. Sie haben Spaß an der Analyse und betrachten es als Hobby. Wer aber nicht so gestrickt ist, kann zu Fondslösungen von uns oder anderen Vermögensverwaltern greifen, die nach dem Modern-Value-Gedanken investieren. Oder man kauft sich einfach die Aktie von Buffett selbst. Die B-Tranche von Berkshire Hathaway kostet aktuell rund 300 Euro. Langfristig ist man damit bestens gefahren.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung der comdirect – eine Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 12.09.2022; Quelle: comdirect.de