Interview Sell in May Mittelfristig bleiben Aktien aussichtsreich

3D-generiertes Bild von einer Menschengruppe in einem Konferenzzentrrum
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DJE-Stratege Stefan Breintner über den schwachen Jahresstart, hohe Inflation und den Trend zu defensiven Aktien.

Stefan Breitner

Stefan Breintner ist Leiter Research & Portfoliomanagement bei der DJE Kapital AG. Außerdem verantwortet er seit 2019 unter anderem als Co-Fondsmanager gemeinsam mit Dr. Jan Ehrhardt die Fonds-Dauerbrenner DJE – Dividende & Substanz und DJE – Zins & Dividende.

comdirect: Eine der bekanntesten Börsenweisheiten lautet „Sell in May and go away“. Brechen jetzt die ganz schlechten Monate an?

Stefan Breintner: Die kurzfristige Situation ist sehr schwer einzuschätzen. Saisonale Regeln gelten meist in „normalen Börsenjahren“. Den traditionellen Saisonzyklus mit einem guten Jahresstart bis April haben wir in diesem Jahr aber schmerzlich vermisst. Im langjährigen Durchschnitt ist der Monat April zusammen mit dem November der beste Börsenmonat. Diesmal hat der S&P 500 allein im April 9 % eingebüßt. Insgesamt markierten die ersten vier Monate im US-amerikanischen Markt sogar den schlechtesten Jahresstart seit 1939. In anderen Weltregionen lief es kaum besser. Wer jetzt generell verkauft, realisiert die aufgelaufenen Verluste.

comdirect: Aber die Bedingungen haben sich doch kaum gebessert. Droht keine Fortsetzung des Absturzes?

Stefan Breintner: Die immensen Unsicherheiten halten in der Tat an. Der Krieg in der Ukraine belastet alle Börsenplätze, vor allem aber die europäischen – und da besonders den deutschen Markt. Die rapiden Zinssteigerungen und die straffere Geldpolitik der US-Zentralbank beeinträchtigen zusätzlich die Märkte. Schließlich kommen das Aufflammen der Pandemie und die Null-Covid-Strategie in China hinzu. Wenn im Land der Mitte häufiger ganze Metropolen wie Shanghai und teils ganze Wirtschaftsregionen in den Lockdown gehen, leiden die weltweiten Lieferketten. In der Stimmung der Anleger dürften diese negativen Faktoren aber auch zu einem hohen Grad berücksichtigt worden sein.

comdirect: Warum?

Stefan Breintner: Unter den Anlegern herrscht aktuell sehr großer Pessimismus – die Einschätzungen sind die schwächsten seit der Finanzkrise. Die negativen Nachrichten scheinen damit in gewisser Hinsicht eingepreist. In einer solchen Situation reichen oft schon kleine Hoffnungszeichen für eine technische Erholung. Zudem kommen die Anleger angesichts fehlender Alternativen kaum am Aktienmarkt vorbei. Wie will man bei derzeit 8 % Inflation mit Cash und Anleihen Geld verdienen? Der Immobilienmarkt wiederum ist in vielen Regionen heiß gelaufen, Mangel an Baumaterialien und steigende Zinsen machen ihn zudem schwer kalkulierbar.

comdirect: Insbesondere die Technologieaktien haben in den vergangenen Monaten gelitten. Sehen Sie da inzwischen einen Boden?

Stefan Breintner: Anleger nehmen seit einiger Zeit keine aufgeblähten Bewertungen mehr hin. Zwei Drittel der Aktien des NASDAQ-100 büßten in den vergangenen zwölf Monaten zwischen 30 % und 60 % ihres Wertes ein. Darunter waren einige Unternehmen, die von der Gewinnzone noch weit entfernt sind. Neben den Tech-Giganten beziehungsweise den sogenannten FAANG-Titeln haben aber auch viele andere NASDAQ-Unternehmen sehr solide Geschäftsmodelle und hervorragende Bilanzen. Das bietet Einstiegschancen, wenn der Zinstrend wieder wechselt. Aktuell favorisieren wir jedoch generell eine defensivere Ausrichtung.

comdirect: Welche Sektoren halten Sie in dieser Ausrichtung für Erfolg versprechend?

Stefan Breintner: Öl- und Gaswerte erleben zurzeit eine Renaissance. Angesichts der Verwerfungen durch den Krieg profitieren sie von den Preissteigerungen. Die Gewinne steigen besonders stark, weil die Unternehmen sich in den vergangenen Jahren mit Investitionen in die „alten Energien“ zurückgehalten haben und kaum neue Felder beziehungsweise Förderstätten erschlossen haben. Einige Anleger investieren jedoch unter anderem aus Nachhaltigkeitsaspekten nicht mehr in den (fossilen) Energiesektor. Für sie kann der Sektor der erneuerbaren Energien geeignet sein. Die erneuerbaren Energien bieten mittel- und langfristig die Lösung für die Energieproblematik. Aktuell allerdings leidet die Branche stark unter Lieferkettenproblemen und hohen Metallpreisen. Pharma- und Healthcare-Aktien sind generell wenig anfällig für externe Störungen und bieten Stabilität. Auch der Agrarsektor bleibt spannend.

„Man muss aktuell selektiver vorgehen und die Unternehmen genau analysieren.“

Stefan Breintner

comdirect: Spielen Dividenden für Anleger wieder eine wichtigere Rolle?

Stefan Breintner: Ja, definitiv. Auch im DAX gab es in diesem Jahr rekordhohe Ausschüttungen. Vor allem Dividendenwerte mit einem soliden und nachhaltigen Dividenden-Wachstum können wieder mit mehr Aufmerksamkeit rechnen.

comdirect: Starke Gewinne und Dividenden wiesen zuletzt trotz sinkender Fahrzeugverkäufe die deutschen Automobilhersteller auf. Wie nachhaltig ist dieser Trend?

Stefan Breintner: Automobile sind vor allem im Luxussegment zurzeit besonders gefragt. Im Gegensatz zu früheren Jahren haben die Hersteller echte Pricing Power, weil das Angebot durch den Chipmangel und andere Störungen in der Lieferkette eingeschränkt ist. Zudem können sie sich auf die besonders margenstarken Autos und auf die Elektromobilität konzentrieren. Das steigert den Gewinn und die operative Marge deutlich. Allerdings besteht auch für die Automobilwirtschaft das Risiko erweiterter Lockdowns und eines Einbruchs im wichtigen China-Geschäft.

comdirect: Auf welche Regionen setzen Sie aktuell besonders?

Stefan Breintner: Es liegt nahe, die Regionen höher zu gewichten, die verhältnismäßig geringere Probleme haben. Der Krieg in der Ukraine etwa belastet Europa und vor allem Deutschland am stärksten. Es gibt aber Werte, die nicht vom Gas abhängen – zum Beispiel Versicherungen oder Börsenbetreiber. Insgesamt sind anhaltende Belastungen für Europa zu befürchten. Dennoch sollte man Europa nicht abschreiben. Denn generell haben europäische Aktien Rückenwind von einer weniger restriktiven Zentralbankpolitik – und auch seitens der Bewertung erscheinen viele Titel in Europa inzwischen sehr interessant. China als wichtigstes Land der Emerging Markets hat zwar weniger Probleme mit dem Krieg. Aber der Immobilienmarkt ist schwierig und die Konjunktur lahmt. Die Null-Covid-Strategie kann weiterhin zu massiven Lockdowns führen.

comdirect: Was bleibt?

Stefan Breintner: Insgesamt erscheinen die Vereinigten Staaten zurzeit aus dem Konjunkturblickwinkel am stabilsten. Die Wirtschaft läuft trotz der Zinswende noch ohne massive Störungen, der Arbeitsmarkt brummt. Die Bewertungen der Unternehmen haben sich abgeschwächt. Und zudem setzen nun im Mai auch Aktienrückkäufe wieder ein, die die Kurse traditionell stützen. Generell gilt in den USA wie in Europa und dem Rest der Welt: Man muss aktuell selektiver vorgehen und die Unternehmen genau analysieren.

comdirect: Wann könnten Zinspapiere wieder attraktiver werden? 

Stefan Breintner: Der Anstieg der Renditen könnte anhalten. Die Inflationsrisiken sind noch nicht gebannt. Auf mittlere Sicht könnte sich die Geldentwertung erst einmal bei 3 % bis 5 % einpendeln. Ich erwarte nicht, dass deutsche Staatsanleihen solche Kupons anbieten werden. Das Chance-Risiko-Verhältnis für Aktien ist grundsätzlich besser.

comdirect: Welches Ereignis würde die Lage aus Ihrer Sicht grundsätzlich ändern?

Stefan Breintner: Ein Gamechanger wäre ein abrupter Stopp der russischen Gaslieferungen. In diesem Fall müssten weite Teile der europäischen Stahl-, Chemie-, aber auch unter Umständen der Nahrungsmittelindustrie voraussichtlich ihre Produktion deutlich herunterfahren. Das würde Europa und allen voran Deutschland in eine Rezession stürzen und den Aktienmarkt massiv belasten.

Bei diesem Interview handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag, der nicht die Meinung von comdirect – eine Marke der Commerzbank AG – wiedergibt. Die Auswahl der Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Aktien unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Stand: 25.05.2022; Quelle: comdirect.de