Interview zu Corona „Entwarnung gibt es nur mit einem Impfstoff“

Biotech Impfstoff
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Biotech-Experte Dr. Jörg Blumentrath zu der Corona-Pandemie, den wichtigsten Medikamentenentwicklungen und den Aussichten der Pharma- und Biotechbranche.

Dr. Jörg Blumentrath

Dr. Jörg Blumentrath ist Geschäftsführer von Medical Strategy. Der studierte Pharmakologe ist Portfoliomanager und Healthcare-Analyst und hat mehr als 15 Jahre Erfahrung im Portfoliomanagement von Healthcare-Anlagen.

comdirect: Herr Blumentrath: Wie gefährlich ist Covid-19?

Dr. Jörg Blumentrath: Das Corona-Virus hat eine Covid-19-Pandemie mit weltweit vielen Opfern verursacht – medizinisch und ökonomisch. Es gibt gewisse Parallelen zur spanischen Grippe in den Jahren 1918 – 1920. Allerdings ist die Situation nicht vergleichbar. Im und nach dem Ersten Weltkrieg lagen die Gesundheitssysteme in Trümmern. Jetzt wurden relativ zügig Maßnahmen zur Verhinderung der Infektionsausbreitung eingeleitet. Leider geschah das in den Ländern in unterschiedlicher Ausprägung. Es sind bereits viele Menschen gestorben und es werden auch noch zahlreiche sterben. Der entscheidende Faktor für einen relativ glimpflichen Ausgang ist ein gut funktionierendes Gesundheitssystem, das den Belastungen standhält.

comdirect: Was sind dafür die entscheidenden Punkte?

Dr. Jörg Blumentrath: Die Menschen in Europa haben keine Erfahrung mit pandemischen Krankheiten und erleben einen nie gekannten Lockdown. Das hat zunächst zu Verunsicherung und Ängsten geführt. Aber Panik ist kein guter Ratgeber für Entscheidungen, und die Politik hat adäquat reagiert. Zumindest in Deutschland ist das Gesundheitssystem nicht überfordert. Nur ca. 20 % der Infektionen haben einen schweren Verlauf, der teilweise eine Behandlung auf einer Intensivstation mit Beatmung notwendig macht. Schon vor der Krise war Deutschland mit rund 25.000 Betten mit Beatmungsmöglichkeit im Ländervergleich sehr gut versorgt. Seitdem ist die Zahl deutlich gestiegen und dürfte ausreichen.

comdirect: Wann gibt es Entwarnung?

Dr. Jörg Blumentrath: Wir wissen, dass diese Infektion die Welt nicht untergehen lassen wird. Die Mortalitätsrate ist zwar noch nicht bekannt. Aber sie kann zwischen 0,5 % bis 3,5 % liegen; schlimm genug, aber deutlich geringer als etwa bei Ebola. Durch die eingeleiteten Maßnahmen kommt die Infektionswelle in einem Zeitraum unter Kontrolle, der noch nicht eindeutig bestimmbar ist. Die Erfolge der chinesischen Eindämmungsmaßnahmen geben jedenfalls Anlass zu Hoffnung. Eine echte Entwarnung kann es jedoch erst durch die Entwicklung wirksamer Medikamente und vor allem eines Impfstoffs geben. Bis dahin muss jeder durch die Einhaltung konsequenter Hygienemaßnahmen und Social-Distancing seinen Beitrag leisten.

comdirect: Wie weit ist die aktuelle Forschung bei der Bekämpfung des Corona-Virus?

Dr. Jörg Blumentrath: Die moderne Biotechnologie-Forschung hat es ermöglicht, die Struktur des Virus in kürzester Zeit nahezu aufzuklären. Das Verständnis für die Mechanismen der viralen Replikation bildet die Basis für Impfstoff- und Medikamentenentwicklung. Es gibt bereits vielfältige Ansatzpunkte zur Therapie. Das betrifft Substanzen, die bereits in anderen Indikationen in Entwicklung waren oder am Markt sind, aber auch neue Wirkstoffkandidaten. Derzeit laufen mit zahlreichen Medikamenten klinische Studien.

comdirect: Welche Kandidaten sind zurzeit am weitesten?

Dr. Jörg Blumentrath: Weit fortgeschritten sind die Tests mit Remdesivir: Das Medikament wurde ursprünglich vom Biotechunternehmen Gilead zur Ebola-Bekämpfung entwickelt. Seit Februar ist es in der Erprobung zur Behandlung von Covid-19. Erste Ergebnisse liegen vor und stimmen vorsichtig optimistisch. Aber die üblichen Risiken der Arzneimittelprüfung wie Nebenwirkungen müssen noch geprüft werden. Eine Reihe von Firmen beschäftigt sich auch mit der Entwicklung von schützenden Antikörpern. So könnte das US-Biotechunternehmen Regeneron im Sommer mit klinischen Studien beginnen. Weitere wesentliche Entwicklungen in diesem Bereich kommen u. a. von Ligand Pharmaceuticals, Vir Biotechnology oder Abcellera Biologics.

Die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen ist weitgehend von der Konjunktur unabhängig. Im Krankheitsfall ist man bereit, alles Notwendige für eine Gesundung auszugeben.

Dr. Jörg Blumentrath,
Geschäftsführer von Medical Strategy

comdirect: Wie können die größten Komplikationen der Covid-19-Erkrankung behandelt werden?

Dr. Jörg Blumentrath: Bei den schweren Verläufen von Covid-19 ist oft nicht das Virus selbst das größte Problem, sondern im Körper ausgelöste Immun-Überreaktionen – der sogenannte Zytokin-Sturm. Diese Überreaktion kann zu multiplem Organversagen und schließlich zum Tod führen. Verschiedene Firmen entwickeln Präparate, die immunbedingte Komplikationen kontrollieren sollen. Die Schweizer Roche etwa hat für den IL-6-Hemmer Tocilizumab eine Notfallzulassung erhalten. Auch Sanofi/Regeneron befindet sich mit einem IL-6-Hemmer derzeit in einer fortgeschrittenen Studie.

comdirect: Die Königslösung zur Covid-19-Bekämpfung wäre ein Impfstoff. Wann können wir mit einem Durchbruch rechnen?

Dr. Jörg Blumentrath: Es gibt breite Bemühungen der Biopharma-Industrie in der Impfstoffentwicklung. Eine Vielzahl an Firmen arbeitet an der Entwicklung eines Corona-Virus-Impfstoffes. Die Mehrheit der Impfstoffhersteller konzentriert sich auf die Bildung neutralisierender Antikörper gegen das virale Spike-Protein. Die sogenannten mRNA-Impfstoffe haben aktuell einen Entwicklungsvorsprung. Die Entwicklung eines sicheren Impfstoffes wird nach heutigen Erkenntnissen allerdings mindestens zwölf Monate dauern, möglicherweise auch mehr.

comdirect: Insbesondere im März gingen Pharma- und Biotechwerte mit dem Markt in den Keller. Hat Sie das überrascht?

Dr. Jörg Blumentrath: Pandemien zogen in der Vergangenheit einen kurzen, aber deutlichen ökonomischen Schaden nach sich. In den USA etwa dauerte es 1948 oder 1957 bei Grippeepidemien bis zur Erholung sieben bis acht Monate. Bei dem aktuellen, mehr oder weniger weltweiten Lockdown kann es natürlich länger dauern. Der ungebremste Stopp der Weltwirtschaft sorgt für eine heftige Rezession. Nahezu alle Branchen haben mit Fabrikschließungen, Lieferproblemen und Absatzschwierigkeiten zu kämpfen. Insbesondere bei Sektoren wie Fluglinien, Kreuzfahrten oder Touristik kommt das Geschäft ganz oder nahezu zum Erliegen. Es ist nicht erstaunlich, dass die Börsen das einpreisen. Für den Healthcare-Sektor ist diese Reaktion jedoch nicht gerechtfertigt.

comdirect: Warum?

Dr. Jörg Blumentrath: Der Healthcare-Sektor ist primär von der allgemeinen Marktentwicklung beeinflusst worden. Aber die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen ist weitgehend von der Konjunktur unabhängig. Im Krankheitsfall ist man bereit, alles Notwendige für eine Gesundung auszugeben. Anders als etwa in der Automobilindustrie gibt es in der Pharmabranche daher aktuell keinen Mangel an Nachfrage. Sollte eine Lösung des Corona-Problems gelingen, profitieren die entsprechenden Unternehmen besonders. Aber eine solche Lösung würde auch für einen großen Reputationsgewinn bei Politik und Bevölkerung sorgen und auf andere Unternehmen der Branche ausstrahlen.

comdirect: Ist der Gesundheitssektor also ein Stabilitätsanker in Krisenzeiten?

Dr. Jörg Blumentrath: Weil Ausgaben für Gesundheit und Medikamente nicht zurückgestellt werden können, ist die Gewinnentwicklung der Biopharmaindustrie weitgehend unabhängig von Konjunkturzyklen. So sind die Unternehmen auch in Rezessionsphasen wie in der Finanzkrise 2008 im Vergleich zu anderen Branchen relativ stabil und Healthcare-Aktien im Kursverlauf weniger volatil geblieben. Ich bin deshalb sehr zuversichtlich, dass der Gesundheitsbereich eine rasche und überdurchschnittliche Erholung zeigen wird – vor allem, wenn sich eine Überwindung der Krise abzeichnet. Aktuell haben die Sektoren „Pharma“ und „Biotech“ einen deutlichen Bewertungsabschlag gegenüber dem S&P 500. Dieser Abschlag sollte sich angesichts der „Defensiv-Qualitäten“ des Sektors reduzieren. In der Vergangenheit waren dies gute Gelegenheiten, um Positionen zu verbilligen oder neu aufzubauen. Der von uns gemanagte Fonds MEDICAL BioHealth hat sich vom Tief im März bereits wieder deutlich erholt.

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