Geldanlagen bergen Risiken
Energieaktien – Blick in ein modernes Rechenzentrum.
Energieaktien – Blick in ein modernes Rechenzentrum.
© Choirul via Adobe Stock

Energieaktien: KI treibt die Kurse

  • Der Strombedarf wächst durch den KI-Boom in den kommenden Jahren beträchtlich.
  • KI-Spezialisten und Technologiekonzerne profitieren mit stark steigenden Umsätzen.
  • Die deutschen Versorger haben nach langer Durstrecke wieder Fuß gefasst.

Im Herbst 2023 machten sich „WirtschaftsWoche“-Chefredakteur Horst von Buttlar und Börsen- und Dividendenexperte Christian W. Röhl in ihrem Podcast „Leben mit Aktien“ ernsthafte Sorgen um Siemens Energy. Die Abspaltung des großen Siemens-Konzerns brauchte Bürgschaften des Staates in 2-stelliger Milliardenhöhe, weil der große langfristige Auftragsbestand die akuten Probleme im Windkraftsektor nicht überdecken konnte. Die Aktie brach auf unter 7 Euro ein, der Abstieg aus dem DAX drohte und selbst Schlimmeres schien nicht ausgeschlossen. Ein Szenario, das heute aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Zwar sind die Windkraft-Probleme immer noch nicht endgültig gelöst. Aber der Kurs der Aktie von Siemens Energy hat sich binnen 3 Jahren mehr als verzwanzigfacht. Statt um den Abstieg spielt Siemens Energy heute in der Champions League. Der Grund: der Siegeszug der künstlichen Intelligenz, der Siemens Energy lukrative Aufträge en masse einbringt.

KI-Revolution: Rechenzentren und Energieversorgung boomen

Der Durchbruch der künstlichen Intelligenz erfordert gewaltige Investitionen in Kraftwerke und Rechenzentren. Der Stromverbrauch von Rechenzentren soll allein in den USA bis zum Jahr 2030 zwischen 325 und 580 Terawattstunden (TWh) pro Jahr ausmachen. Das entspricht bis zu 12 % des gesamten US-Stromverbrauchs. Weltweit wird sich der Strombedarf der Rechenzentren nach einer aktuellen McKinsey-Studie gar von 600 TWh im Jahr 2025 auf 1.600 TWh im Jahr 2030 nahezu verdreifachen. Energieautarkie durch erneuerbare Energien und Speicher wird zunehmend wichtiger, weil E-Autos, Cloud-Infrastruktur und KI-Anwendungen den globalen Strombedarf massiv nach oben treiben. Davon profitieren Spezialisten für den Bau von Rechenzentren, breit aufgestellte Technologiekonzerne wie Siemens Energy und auch die klassischen Versorger: „Wer heute in KI investiert, kommt an der Energiewirtschaft nicht vorbei“, erklärt Mirko Kohlbrecher, Investmentstratege der Osnabrücker Vermögensverwaltung Spiekermann & CO AG. „Energieversorger und integrierte Energiekonzerne werden zu den ‚Schaufelverkäufern‘ der neuen KI-Ökonomie“, so der Experte.

KI-Spezialisten: Hohes Risiko, große Chancen

Die stärksten Profiteure sind Spezialisten für den Bau neuer KI-Rechenzentren. Dazu gehören insbesondere Unternehmen aus dem Mutterland der KI, den USA. Vertiv Holdings ist ein führender Anbieter von digitaler Infrastruktur für Anwendungen in Rechenzentren und Kommunikationsnetzen. Die Gruppe entwickelt und liefert durchgängige Stromversorgungs- und Kühltechnologien und bietet ein globales Servicenetzwerk. Der Kurs von Vertiv hat sich in den vergangenen 3 Jahren mehr als versechsfacht. Eine noch beeindruckendere Performance hat Bloom Energy vorgelegt. Bloom ist Spezialist für Brennstoffzellen-Energiesysteme. Diese Anlagen können mit Biogas, Erdgas oder Wasserstoff angetrieben werden. Der Clou: Der Strom kann direkt am Ort des Verbrauchs erzeugt werden, zum Beispiel bei Rechenzentren, die zu den zentralen Bloom-Klienten gehören. Wie sehr KI antreiben kann, zeigt auch das Beispiel des unabhängigen US-Stromerzeugers Talen Energy. Erst 2023 schlosss das Unternehmen ein Insolvenzverfahren ab. Aber als Talen 2024 mit Amazon Web Services einen Strom-Liefervertrag abschließen konnte, den es mithilfe des Susquehanna-Atomkraftwerks in Pennsylvania erfüllt, ging der Kurs durch die Decke. Alle 3 US-Aktien reagieren besonders positiv auf den Bau neuer KI-Rechenzentren. Entsprechend hoch sind allerdings auch die Erwartungen, Risiken und Rückschlaggefahren, wenn der KI-Boom stockt.

US-Werte: Am Puls der KI-Investoren

Breiter aufgestellt als die reinen KI- und Stromspezialisten sind Unternehmen, die eine breite Palette aus Kernenergie, Gas, Wind, Solarenergie oder Batteriespeichern abdecken. Für sie ist der KI-Boom ein wichtiger Wachstumstreiber, aber nicht der einzige. Die amerikanische Quanta Services gehört zu den führenden Anbietern von Infrastrukturlösungen für elektrische Energie und die Öl- und Gaswirtschaft. Die Leistungen umfassen Planung, Installation, Ausbau, Reparatur und Wartung der Infrastruktur. Eaton entwickelt Technologien zur sicheren und effizienten Steuerung von elektrischer, hydraulischer und mechanischer Energie. Zu den Hauptprodukten zählen Schaltanlagen sowie Antriebs- und Motorentechnik für die Auto- und Luftfahrtindustrie und Komponenten für Rechenzentren, die aktuell für das größte Umsatzwachstum sorgen. GE Vernova ging 2024 aus der Aufspaltung des legendären US-Konzerns General Electric hervor. Mit den Sparten konventioneller Energieerzeugung, Windenergie und Netztechnik profitiert das Unternehmen von der steigenden Bedeutung der Energiebranche. Allein in den vergangenen 12 Monaten hat der Aktienkurs um nahezu 50 % zugelegt.

Europa: Ingenieure sind weltweit aktiv

Auch europäische Unternehmen profitieren vom Wachstum der globalen Energiebranche. So stellt die italienische Prysmian Hightech-Kabel her, die in der Öl- und Gasindustrie und bei erneuerbaren Energien eingesetzt werden. Schneider Electric ist mit rund 150.000 Beschäftigten der größte französische Industriekonzern. Der Siemens-Konkurrent ist ein Spezialist für die Automatisierung von Prozessen und für das Energiemanagement durch intelligente Netze (Smart Grids). Seit vielen Jahren befindet sich die Aktie in einem stabilen Aufwärtstrend. Siemens Energy hat sich von der Krise erholt. Besonders stark haben sich zuletzt die Strom- und Gasbranche und die Netzwerktechnik entwickelt. Aktuell liegt der Auftragsbestand bei einem Rekordwert von über 150 Milliarden Euro.

Deutsche Versorger: Stromnachfrage treibt Kurse

Die steigende Nachfrage nach Strom pusht auch die deutschen Versorger. Sie galten lange als defensive Aktien par excellence. Anfang der 2010er-Jahre jedoch schickte die Energiewende und der endgültige Abschied von Atomkraftwerken die Aktien der deutschen Versorger in den Keller. Die Zeiten sind vorbei. RWE erwartet 2026 steigende operative Erträge, weil neue Wind- und Solarparks und Batteriespeicher in Betrieb gehen. Der Kurs der RWE-Aktie hat in den vergangenen 12 Monaten über 50 % zugelegt. Auch E.ON fand mit der Konzentration auf Energienetze wieder in die Erfolgsspur zurück. Die Aktie ist mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18 und einer Dividendenrendite über 3 % aktuell noch günstiger bewertet als RWE.

Der comdirect Investment-Talk mit Martin Kerscher

Wie es aktuell um KI-Aktien steht und wie Anlegende mit dem KI-Trend umgehen können, beleuchtet Martin Kerscher gemeinsam mit Stefan Riße von ACATIS Investment im comdirect Investment-Talk.

Im comdirect Investment-Talk spricht Martin Kerscher regelmäßig mit Expertinnen und Experten über aktuelle Entwicklungen an den Finanzmärkten. Alle Folgen findest du auf unserem YouTube-Kanal.

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Portrait von Michael Reitz, Diplomvolkswirt und unabhängiger Finanzexperte
Portrait von Michael Reitz, Diplomvolkswirt und unabhängiger Finanzexperte
Autor
Michael Reitz

Der Diplom-Volkswirt beschäftigt sich seit 25 Jahren mit dem internationalen Börsengeschehen. Seine ersten schmerzhaften Erfahrungen hat er beim Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 gemacht.

Portrait von Martin Kerscher, Wirtschafts-Journalist, Moderator, Medientrainer und systemischer Coach.
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YouTube-Host
Martin Kerscher

Als Wirtschafts-Journalist und Moderator führt Martin Kerscher Video-Interviews für comdirect. Dabei greift er auf die Erfahrung aus mehr als 1.000 Gesprächen zu Finanz-, Wirtschafts- und Kapitalmarktthemen zurück.

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