cominvest Wie viel Wahrheit steckt in „Sell in May and go away, …“?

cominvest: Sell in May
Olivier Le Moal via Getty Images/iStockphoto

Eine der populärsten Börsenweisheiten lautet: „Sell in May and go away, but remember to come back in September“. Doch funktioniert diese Regel und können sich Anleger darauf verlassen? Wir erklären, wie viel Wahrheit darin wirklich steckt.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Kauf von Wertpapieren und wann ist der perfekte Moment für den Verkauf? Diese beiden Fragen treiben Anleger seit jeher um. Die Börsenweisheit „Sell in May and go away, but remember to come back in September“ gibt Investoren dazu einen Tipp: Anfang Mai Aktien verkaufen und erst im September wieder in den Aktienmarkt einsteigen.

Hinter dieser Empfehlung steht die plausible Annahme, dass in den Sommermonaten urlaubsbedingt verhältnismäßig wenig los ist – also weniger gehandelt wird – und deshalb schlechte Nachrichten eine höhere Durchschlagskraft haben als von Oktober bis April. Daher sollten Anleger erst im Herbst wieder in die Aktienmärkte einsteigen, wenn die Jahresendrally unmittelbar bevorsteht.

Statistik unterstützt „Sell in May“

Doch hält sich auch die Börse an diese Weisheit? Auf den ersten Blick scheint die Statistik die Regel zu unterstützen. Verschiedene empirische Studien wie etwa von Fidelity International zeigen: Wer in den vergangenen 30 Jahren die Regel befolgt hätte, stünde heute besser da. Aus einem 10.000-Euro-Investment in den Deutschen Leitindex DAX im Jahr 1988 wäre laut Fidelity nach 30 Jahren die stattliche Summe von 133.223 Euro geworden – natürlich nur, wenn der Anleger jedes Jahr im Mai verkauft hätte und im September wieder eingestiegen wäre. Wer dagegen durchgängig im DAX geblieben wäre, hätte lediglich 114.332 Euro erzielt. Die „Buy and Hold“-Strategie hätte also knapp 20.000 Euro weniger eingebracht.

Auchin fünf der vergangenen sieben Jahre hat die Börsenweisheit zugetroffen: 2013, 2014, 2015, 2017 und 2018 gab es in den vier warmen Monaten von Mitte Mai bis Mitte September mehr oder weniger rote Zahlen im Durchschnitts-DAX-Depot. Lediglich in den Jahren 2016 und 2019 haben Anleger mit der Strategie von Mitte Mai bis Mitte September einen DAX-Anstieg verpasst.

International belegt

Das Phänomen gibt es nicht nur in Deutschland: „Die Outperformance in den kalten Monaten ist für die wichtigsten entwickelten Märkte belegt worden“, erklärt der empirische Finanzmarktforscher Dimitri Speck. Er selbst hat die Kursentwicklung in elf Ländern seit 1970 untersucht. Ergebnis: In allen elf Ländern, darunter Deutschland, die USA, Frankreich, Japan und China, verlief das Winterhalbjahr im Schnitt besser als das Sommerhalbjahr. In den meisten Ländern standen während des Sommerhalbjahres im Mittel sogar Verluste zu Buche.

Allerdings sind die Ausprägungen des Sell-in-May-Phänomens in anderen Märkten mitunter weniger stark ausgeprägt. So betrug nach Auswertungen von Bloomberg von 1988 bis 2017 die durchschnittliche Wertentwicklung zwischen 1. Mai und 1. September im S&P 500 rund 1,2 %. Das ist immerhin besser als eine Null-Performance oder ein Verlust. Allerdings lag bei US‐Hochzinsanleihen die durchschnittliche Wertentwicklung in diesem Zeitraum bei 2 % und bei US‐Staatsanleihen sogar bei 2,8 %. Grundsätzlich gilt allerdings: „Sell in May“ ist nur ein Teil der alten Börsenweisheit. Wer ihn beherzigt, sollte keinesfalls den zweiten vergessen: „But remember to come back in September“. Nicht selten nämlich verpassen Anleger nach turbulenten Sommermonaten den Wiedereinstieg. Wer diese Disziplin nicht aufbringt, sollte sich besser gar nicht an den Saisonalitäten orientieren – denn langfristig ist es sinnvoller, Durststrecken an den Märkten durchzustehen, als gar nicht investiert zu sein.

Wertpapiere unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Bei Wertpapieren in ausländischer Währung kann es zu Wertverlusten durch Wechselkursveränderungen kommen. Dieser Text dient ausschließlich Informationszwecken und stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Er soll lediglich Ihre selbstständige Anlageentscheidung erleichtern und ersetzt keine anleger‐ und anlagegerechte Beratung. Die hier dargestellten Informationen und Wertungen genügen nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit einer Anlageempfehlung oder Anlagestrategieempfehlung. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder. Darüber hinaus unterliegen die dargestellten Wertpapiere und sonstigen Finanzinstrumente keinem Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Anlage‐ oder Anlagestrategieempfehlungen. Stand: 12.03.2020; Quelle: comdirect.de