Der Brexit zusammengefasst Welche Optionen gibt es und womit müssen Kapitalanleger rechnen?

Brexit zusammengefasst – alle Optionen und Folgen
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Der Brexit ist da: Am 31. Januar 2020, nur 2 Tage nachdem das Europaparlament dem Brexit-Gesetzentwurf zugestimmt hat, hat das Vereinigte Königreich die Europäische Union verlassen. Damit hat ein langes Ringen um das Austrittsabkommen ein Ende: Ganze 4 Mal stimmte das britische Parlament seit dem ersten Referendum von David Cameron am 23. Januar 2016 über den Deal ab. Für die Opposition von Premierminister Boris Johnson ist der Austritt eine Niederlage – mit dem kleinen Trost, dass ein ungeordneter, „harter“ Brexit abgewendet wurde. Wirklich spürbar werden die Veränderungen durch den Brexit wohl ohnehin erst nach der Übergangsphase. Während der Frist, die vom 2. Februar bis zum 31. Dezember 2020 dauert, müssen Großbritannien und die EU ihre künftigen Beziehungen vertraglich regeln – und noch herrscht längst nicht in allen Punkten Einigkeit.

Seit dem 31. Januar 2020 ist Großbritannien kein EU-Mitgliedstaat mehr. Die Verhandlungen zwischen dem Königreich und der EU sind aber noch lange nicht abgeschlossen. Bis Ende 2020 müssen die beiden Parteien ihre zukünftigen Handelsbeziehungen vertraglich geregelt haben. Bedenkt man die zähen Verhandlungen um das Austrittsabkommen, scheinen elf Monate eine sehr kurze Frist – umso mehr, als die britische Regierungspartei eine mögliche Verlängerung schon vorab vertraglich ausgeschlossen hat.

Die Regeln für die Zeit nach dem Ausstieg werden das Verhältnis von Großbritannien zur EU verändern – und spürbare Auswirkungen für Wirtschaft, Märkte und Menschen haben. Denn auch wenn der Brexit Realität geworden ist – die Unsicherheit bleibt: Wie werden die Währungs‐ und Aktienkurse auf den britischen EU‐Austritt reagieren? Und wie können sich Anleger sinnvoll auf die Veränderungen vorbereiten, die mit dem Brexit einhergehen? Der Brexit zusammengefasst: Wir geben Ihnen einen Überblick über den Ausstieg und die möglichen Folgen.

Was bisher geschah – eine kurze Zusammenfassung des Brexits

Am 23. Juni 2016 votierten die britischen Wähler in einer Volksabstimmung mit denkbar knappen 52 % der abgegebenen Stimmen für den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Vorausgegangen war ein emotional geführter Wahlkampf, in dem die Brexit‐Befürworter ein Ende der jährlichen Milliardenzahlungen an Brüssel und die britische Unabhängigkeit in Fragen der Handels‐, Industrie‐, Verbraucher‐ und Einwanderungspolitik forderten. Der ehemalige Premierminister Cameron, der für den Verbleib in der EU plädiert hatte, trat nach dem Referendum zurück, sein Amt übernahm die bisherige Innenministerin Theresa May.

Ende März 2017 informierte die britische Regierungschefin den Europäischen Rat formell über den Austritt Großbritanniens aus der EU, der am 29. März 2019 um 23 Uhr britischer Zeit in Kraft treten würde, sofern keine Verschiebung vereinbart werde. Im November 2018 stellten May und die Europäische Union einen gemeinsamen Vertragsentwurf vor, der die Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien nach dem Brexit verbindlich regeln sollte. Unterzeichnet wurde dieses Abkommen allerdings nur vom Rat der Europäischen Union. Das britische Parlament lehnte die Ratifizierung mit deutlicher Mehrheit ab und forderte May zu Nachbesserungen zugunsten Großbritanniens auf. Die EU lehnte dies jedoch ab. Schließlich wurde der für den 29. März 2019 geplante EU‐Austritt zunächst auf den 12. April und im Anschluss auf einem Sondergipfel der EU‐Staaten auf den 31. Oktober verschoben. Vor allem die im Mai 2019 anstehende Europawahl setzte das Vereinigte Königreich unter Druck. Wenn das Parlament den von May unterzeichneten Austrittsvertrag weiterhin nicht annahm, wären die Briten formell noch EU-Mitglieder und müssten folglich an der Wahl teilnehmen.

Der Brexit vor dem Hintergrund der Europawahlen

Die Europawahl vom 23. bis 26. Mai 2019 gilt als entscheidendes Ereignis für den geplanten Brexit. Zwar war es politisch gesehen unvorstellbar, dass die Briten noch einmal daran teilnahmen, aber als EU‐Mitglied war dies für Großbritannien Pflicht. Der EU‐Vertrag regelt, dass alle Bürger der Mitgliedstaaten das Recht zur Teilnahme haben.
Nachdem Großbritannien schließlich doch an der anstehenden Europawahl teilnahm, wurden 73 der 751 Mandate an Großbritannien vergeben. Diese 73 Sitze gehen mit dem Brexit jedoch verloren und werden teilweise auf andere Mitgliedstaaten verteilt. Die Anzahl an Mandaten verringert sich dadurch zunächst auf 705. Die verbleibenden Mandate werden für eine mögliche Erweiterung zurückgehalten.

Die bisherige Chronologie des Brexit

23. Juni 2016

Im Referendum stimmt eine knappe Mehrheit für den Austritt aus der EU.

13. Juli 2016

Premierminister David Cameron, der für den Verbleib in der EU geworben hatte, kündigt seinen Rücktritt an. Theresa May wird seine Nachfolgerin und soll den Austritt mit der EU verhandeln.

29. März 2017

Theresa May reicht einen schriftlichen Antrag auf den EU-Austritt ein. Der Ausstieg muss damit innerhalb von zwei Jahren geschehen.

19. Juni 2017

Die EU-Kommission in Brüssel beginnt erstmals mit den Verhandlungen über den Brexit.

März 2018

Grenzkonflikte in Irland sollen mit dem „Backstop” verhindert werden: Als Lösung der Probleme soll Großbritannien noch mindestens 2 Jahre eine Zollunion mit der EU bilden und Nordirland weiterhin im Binnenmarkt der EU bleiben.

06. Juli 2018

Theresa May legt ein konkretes Ausstiegskonzept vor. Innerhalb der Regierung herrscht Uneinigkeit, viele sind mit dem „Backstop“ nicht einverstanden. Die EU-Kommission kritisiert, dass Großbritannien neun Monate vor dem geplanten Ausstieg noch immer keine klaren Ziele vorweisen kann.

25. November 2018

Das Brexit-Abkommen wird von allen 27 Mitgliedsstaaten der EU unterschrieben. Lediglich Großbritannien muss nun zustimmen.

12. Dezember 2018

Viele Politiker im britischen Parlament sind unzufrieden mit dem Vertrag, sie rufen zu einem Misstrauensvotum gegen Theresa May auf. May erhält 117 Gegenstimmen, damit bleibt sie Premierministerin.

Januar 2019

Die Abstimmung im Parlament über das Abkommen mit der EU wird verschoben, weil Theresa May befürchtet, dass es keine absolute Mehrheit gewinnen würde.

15. Januar 2019

May erhält lediglich 202 Stimmen für den Brexit-Vertrag. 432 Abgeordnete lehnen den Vertrag ab. May übersteht ein erneutes Misstrauensvotum und arbeitet an einem „Plan B“.

13. März 2019

Nach erneuten Verhandlungen mit Brüssel gibt May ein leicht abgeändertes Austrittsabkommen zur Abstimmung ins Unterhaus. May scheitert mit 391 zu 242 Stimmen.

Bei den Änderungen ging es in erster Linie um den umstrittenen Backstop. Das Unterhaus stimmte daraufhin über den EU-Austritt ohne Abkommen ab: Auch diese Option wurde abgelehnt. Seitdem wird die Verschiebung des Austrittes diskutiert.

14. März 2019

Eine unabhängige Gruppe ehemaliger Labour- und Tory-Abgeordneter beantragt eine zweite Volksabstimmung über den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU. Das Unterhaus lehnt mit 334 Nein- zu 85 Ja-Stimmen ab, ein zweites Referendum ist damit erst einmal vom Tisch.

03. April 2019

Zum dritten Mal scheitert May mit dem Brexitvertrag vor den Abgeordneten. Der Austritt aus der EU ist damit auf den 12. April verschoben worden, um mehr Zeit für eine Einigung zu finden. Aktuell diskutiert Großbritannien über eine Alternative. Wird vor dem 12. April kein Vorschlag eingereicht, droht der ungeordnete Brexit.

10. April 2019

Die EU-Mitglieder und May einigen sich auf den 31. Oktober 2019 als neues Austrittsdatum. Nimmt das Vereinigte Königreich den Vertrag bis dahin allerdings nicht an, kommt es zum ungeregelten Ausscheiden aus der EU.

24. Mai 2019

Theresa May kündigt ihren Rücktritt als Premierministerin und als Parteichefin der Tories an. Grund dafür sei, dass sie das britische Parlament nicht von ihrem Austrittsabkommen habe überzeugen können. Bis zur Wahl eines Nachfolgers will sie die Amtsgeschäfte noch weiterführen.

26. Mai 2019

Als Noch-EU-Mitglied nimmt Großbritannien an der Europawahl teil. Konservative und Sozialdemokraten, die jahrzehntelang die britische Politik dominiert hatten, erzielen katastrophale Ergebnisse. Klarer Sieger wird die Brexit-Partei von Nigel Farage, die fast ein Drittel der Wählerstimmen auf sich vereinigen kann.

24. Juli 2019

Brexit-Hardliner Boris Johnson übernimmt das Amt des Regierungschefs von Theresa May — einen Tag zuvor war er zum Parteiführer der Conservative Party gewählt worden. Schon in seiner Antrittsrede stellt Johnson klar, dass der Brexit notfalls auch ohne Vertrag mit der EU kommen wird.

28. August 2019

Um zu verhindern, dass seine Brexit-Pläne blockiert werden, verordnet Johnson dem Parlament eine fünfwöchige Zwangspause ab 10.09.2019. Die Abgeordneten sollen erst Mitte Oktober wieder zusammenkommen. Die Königin als formelles Staatsoberhaupt bestätigt die Maßnahme.

04. September 2019

Die Opposition im Unterhaus setzt mit knapper Mehrheit das „No-No-Deal-Gesetz“ durch, das einen Brexit ohne Abkommen verhindern soll. Das Gesetz zwingt Johnson, in Brüssel einen weiteren Aufschub des Austritts bis Januar 2020 zu beantragen, falls bis 19.10.2019 kein Austrittsvertrag ratifiziert ist.

09. September 2019

Am letzten Sitzungstag vor der Zwangspause scheitert Johnson im Parlament mit seinem Antrag auf eine Neuwahl. Damit gibt es keine Möglichkeit mehr für Neuwahlen vor dem geplanten Brexit‐Termin am 31.10.2019.

11. September 2019

Das höchste schottische Gericht erklärt die von Johnson durchgesetzte Zwangspause des Parlaments für ungesetzlich. Damit muss der Oberste Gerichtshof in London entscheiden, ob Johnsons Anordnung aufgehoben wird.

24. September 2019

Der Oberste Gerichtshof hebt die von Premier Boris Johnson verordnete Zwangspause des Parlaments auf. Viele Parlamentsmitglieder fordern mittlerweile Johnsons Rücktritt.

17. Oktober 2019

EU-Chefunterhändler Michael Barnier und der britische Brexit-Minister Stephen Barclay einigen sich auf ein neues Brexit-Abkommen, nach dem Nordirland vorerst Teil des EU-Zollgebiets bleibt. Im Parlament sieht man das Abkommen allerdings kritisch.

19. Oktober 2019

Anstatt dem neuen Brexit-Abkommen zuzustimmen, beantragt das Parlament eine erneute Verschiebung des Austrittsdatums auf den 31. Januar 2020.

28. Oktober 2019

Alle EU-Botschafter stimmen zu, den Brexit-Termin auf den 31. Januar 2020 zu verschieben. Zuvor hatte bereits das britische Parlament Johnsons Zeitplan abgelehnt, den Brexit zum ursprünglichen Termin am 31. Oktober 2019 umzusetzen.

29. Oktober 2019

Das Parlament stimmt mit großer Mehrheit für Neuwahlen. Die für 2022 geplanten Parlamentswahlen werden auf den 12. Dezember 2019 vorgezogen.

12. Dezember 2019

Premier Boris Johnson und seine Partei gewinnen die Parlamentswahlen mit absoluter Mehrheit. Die Tories bekommen 365 Sitze, die Labour-Partei 203 Sitze.

20. Januar 2020

Das britische Unterhaus stimmt dem Brexit-Abkommen mehrheitlich zu.

22. Januar 2019

Nach dem Unterhaus stimmt auch das Oberhaus dem Brexit-Gesetz zu. Damit ist klar: Der Brexit kommt am 31. Januar 2020.

29. Januar 2020

Das Europaparlament stimmt mit 621 Ja-Stimmen, 49-Nein-Stimmen und 13 Enthaltungen für den Brexit-Vertrag mit Großbritannien.

31. Januar 2020

Großbritannien ist nicht mehr Teil der EU. Geplant ist, dass Großbritannien und die EU während der Übergangsphase vom 1.2. – 31.12.2020 ihre künftigen Beziehungen vertraglich regeln.

Weicher Brexit: Austritt nach vereinbarten Regeln

Als das britische Parlament im Januar 2020 das dreieinhalb Jahre verhandelte Austrittsabkommen schließlich akzeptierte, waren auch Brexit-Gegner erleichtert: Die Hoffnung ist groß, dass der Austritt aus der EU jetzt doch als „weicher“ Brexit, also geordnet vonstattengeht. Während der bis Ende 2020 dauernden Übergangsphase gelten für Großbritannien weiterhin die Regeln der Europäischen Union: Das Land muss sich an die Personenfreizügigkeit und die EU‐Handelsverträge halten, hat allerdings keinerlei Mitspracherechte mehr in Brüssel. London muss seine offenen finanziellen Verpflichtungen aus der Zeit der EU‐Mitgliedschaft in voller Höhe ausgleichen, während der Übergangsphase weiter EU‐Beiträge zahlen und sich auch nach 2020 an den langfristigen Lasten aus seiner Mitgliedszeit beteiligen, z. B. an der Altersversorgung der EU‐Beamten. Schätzungen zufolge geht es insgesamt um bis zu 60 Milliarden Euro, die Großbritannien in den kommenden Jahren nach Brüssel überweisen muss.

Folgt auf die Übergangsphase doch noch ein harter Brexit?

Es gilt keineswegs als gesichert, dass Großbritannien und die EU es schaffen, ihre künftigen Beziehungen in nur elf Monaten vollständig zu regeln. Premier Boris Johnson hatte schon im Vorfeld angekündigt, nach Ablauf der Übergangsphase von den EU-Standards abweichen zu wollen. Gelingt es den Parteien nicht, sich in allen Punkten zu einigen, droht trotz allem ein „harter“ Brexit. Im schlimmsten Fall könnten die europäischen Erleichterungen im Personen‐, Waren‐ und Finanzverkehr wegfallen, der Warenaustausch zwischen Großbritannien und der EU zumindest kurzfristig einbrechen. Waren müssten wieder verzollt und mit amtlichen Ursprungszeugnissen versehen werden, an den Grenzen käme es zu kilometerlangen Lkw‐Staus durch die erforderlichen Kontrollen, industrielle Lieferketten wären unterbrochen, zahlreiche Arbeitsplätze wären in Gefahr. EU‐Freihandelsabkommen mit Drittstaaten würden nach einem harten Brexit erst einmal nicht mehr für Großbritannien gelten und auf britische Exporte, etwa nach Japan oder Kanada, würden wieder Zölle erhoben werden. Tausende deutsche Unternehmen sind außerdem an britischen Firmen beteiligt oder unterhalten sogar Produktionsstätten auf der Insel; auch sie wären natürlich mit dem plötzlichen Wegfall der EU‐Erleichterungen konfrontiert. Das EU-Parlament möchte daher die Übergangsphase verlängern, um konstruktiv verhandeln zu können. Dies hatte Großbritannien jedoch vorab mit einer Klausel im Austrittsvertrag abgelehnt.

Das EU-Parlament fordert Personenfreizügigkeit

Ein harter Brexit könnte bedeuten, dass ab 2021 Briten in der EU und EU‐Bürger in Großbritannien wieder Visa, Aufenthaltsgenehmigungen und Arbeitserlaubnisse bräuchten. Noch im August 2019 hatte Boris Johnson angekündigt, die Personenfreizügigkeit abschaffen zu wollen. Wie genau die Regelungen für Reisende und Arbeitnehmer nach der Übergangsphase aussehen wird, bleibt abzuwarten. Nach bisherigem Stand will Brüssel britischen Staatsangehörigen zwar visafreies Reisen bis zu 90 Tagen erlauben – aber nur, wenn London dies umgekehrt auch den Bürgern aller EU‐Staaten garantiert. Einigt man sich tatsächlich auf die vorliegende Ausstiegsvereinbarung, können rund eine Million Briten in der Europäischen Union weiterhin wie bisher leben, das gleiche gilt umgekehrt für mehr als drei Millionen EU‐Bürger in Großbritannien. Sie dürfen arbeiten, studieren und Unternehmen gründen, aber auch Familienangehörige nachholen und Sozialleistungen des Gastlandes in Anspruch nehmen.

Nach dem Brexit: Großbritannien plant eigene Handelsdeals

Unmittelbar nach dem Brexit gibt es noch keine konkreten Angaben, wie die von Boris Johnson angekündigten Abweichungen von den EU-Wettbewerbsregeln genau aussehen werden. Als gesichert gilt, dass die Briten ab 2021 neben dem Handelsabkommen mit der EU auch unabhängige Handelsabkommen mit den USA, Japan und Australien abschließen wollen, um im Welthandel flexibler zu sein. Auch die bisher geltenden EU-Arbeitnehmerrechte könnten künftig im Vereinigten Königreich nicht mehr gelten. Im Finanzsektor wird es vermutlich zunächst keine gravierenden Veränderungen geben – dafür ist die Unsicherheit nach der Finanzkrise noch zu groß.

Stichwort “Backstop”: Endlich eine Lösung für die Irlandfrage

Die bisherige Zusammenfassung zum Brexit hat die Herausforderungen für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU bereits beschrieben – der meistdiskutierte Punkt in den Debatten war allerdings die Binnengrenze zwischen dem EU‐Mitglied Irland und dem britischen Nordirland. Nach einem harten Brexit wäre die Grenze plötzlich eine EU‐Außengrenze mit Personenkontrollen, Grenzschutz und Zollabfertigung. Das jedoch wollten alle Beteiligten unbedingt vermeiden, zumal diese Grenze politisch sensibel ist: Bis in die 90er-Jahre war es immer wieder zu bürgerkriegsartigen Konflikten zwischen den protestantischen Nordiren und ihren katholischen Nachbarn gekommen. Niemand möchte nun den in den letzten Jahren, auch dank offener Grenzen und gemeinsamer EU‐Mitgliedschaft, erreichten Frieden ernsthaft riskieren.

Im Zuge des Brexit-Abkommens hat Johnson die Backstop-Lösung neu verhandelt. Nordirland bleibt in einer Zollunion mit Großbritannien. An der Grenze zur Republik Irland gelten weiterhin die Regeln des EU-Binnenmarktes. So werden Grenzkontrollen und Zöllen zwischen Nordirland und Irland vermieden. Nordirland hat zudem das Recht, alle vier Jahre neu über diese Vereinbarung abzustimmen.

Wie wird sich der Währungskurs nach dem Brexit entwickeln?

Nach dem Brexit‐Referendum im Juni 2016 hatte das britische Pfund gegenüber dem Euro rund 10 % an Wert verloren, bis heute hat sich der Kurs nur mäßig erholt. Im Fall eines geregelten Austritts würde es voraussichtlich weniger zu weiteren, erheblichen Kursverlusten kommen. Allerdings handelt es sich bei dem britischen EU‐Austritt um eine einmalige Situation – Voraussagen darüber, ob der Brexit langfristige Auswirkungen auf den Währungskurs hat, können nicht mit Sicherheit getroffen werden. Kommt es allerdings nach der Übergangsphase zu einem ungeregelten Brexit, ist nach Prognose der Bank of England vorübergehend ein Kurssturz von 25 % oder mehr möglich. Deutsche Anleger, die in Pfund notierte britische Aktien, Staats‐ oder Unternehmensanleihen halten, sollten deshalb im Fall eines harten Brexit damit rechnen, dass es zu Kursverlusten kommen kann. Das gilt auch für pfundbasierte Zertifikate, Optionsscheine und CFDs – bei solchen Hebelprodukten könnte es sogar zum Totalverlust kommen, wenn der Kurs der Bezugswährung sinkt. Die langfristige Wirkung kann jedoch nicht vorausgesagt werden. Anleger sollten daher keine übereilten Entscheidungen treffen.

Wie werden die Aktienkurse auf den Brexit reagieren?

Im internationalen Vergleich ist die britische Wirtschaft zuletzt zurückgefallen, die Wachstumsrate liegt nur noch knapp im positiven Bereich. Als Ursache machen Analysten vor allem die zurückhaltende Investitionsneigung der Unternehmen aus Furcht vor einem harten Brexit aus. Der FTSE 100 als führender britischer Aktienindex zeigt sich zwar noch relativ unbeeindruckt. Die Turbulenzen nach einem chaotischen Ausstieg könnten die britische Wirtschaft aber in eine echte Rezession stürzen, auch ein Einbruch der Aktienkurse könnte eine mögliche Folge sein. Was bedeutet das für Anleger? Ein harter No‐Deal‐Brexit würde möglicherweise einen Börsenabsturz bewirken. Die Investition in britische Aktien wäre demzufolge aktuell hochspekulativ. Eine rasche Entspannung des Brexit‐Konflikts könnte dagegen eine positive Börsenentwicklung begünstigen, allerdings ist dennoch Vorsicht geboten. So rät auch die Verbraucherzentrale: Treffen Sie Entscheidungen in Ruhe.
Langfristige Trendänderungen an Finanzmärkten sind nie vorhersehbar.

Auch an der deutschen Wirtschaft ginge ein chaotischer Brexit nicht spurlos vorüber, das ist klar: Großbritannien ist einer der wichtigsten Handelspartner. Waren und Dienstleistungen im Wert von jährlich rund 85 Milliarden Euro flossen in den letzten Jahren von Deutschland in das Königreich. Vorsicht geboten ist deshalb bei Aktien deutscher Unternehmen mit starkem Export‐Geschäft nach Großbritannien, die unter einer britischen Rezession und der Einführung von Handelsbarrieren überdurchschnittlich leiden würden. Betroffen wären Autohersteller und Maschinenbauer, aber auch die Elektronik‐ und die Pharmabranche. Kreditversicherer Euler Hermes prognostiziert für deutsche Exporteure nach dem ungeregelten Brexit allein im ersten Jahr Umsatzeinbußen von rund acht Milliarden Euro.

Wie sollten Anleger mit dem Brexit umgehen?

Grundsätzlich gilt: Bewahren Sie Ruhe und vermeiden Sie überstürzte Aktionen. Auch wenn bisher ungewiss ist, wie sich die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der EU gestalten werden, bedeutet das nicht, dass Sie sich als Anleger komplett zurückziehen oder britische Unternehmen meiden müssen. Informieren Sie sich stattdessen gut und bringen Sie in Erfahrung, welche Firmen trotz der politischen Lage stabil sind. Unternehmen, die vorausschauend geführt werden und über eine widerstandsfähige Marktposition und nachhaltige Einnahmequellen verfügen, können in der Regel gut mit Veränderungen umgehen bzw. sich darauf vorbereiten. Allerdings besteht Grund zur Vorsicht: ein Währungsrisiko und Kursverluste bei britischen Wertpapieren sind möglich.Wertpapiere unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Bei Wertpapieren in ausländischer Währung kann es zu Wertverlusten durch Wechselkursveränderungen kommen. Dieser Text dient ausschließlich Informationszwecken und stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.