Interview Börsenaussichten „Eine Korrektur wäre nützlich“

Die Federal Hall an der Wall Street ist wegen gesundheitlicher Bedenken aufgrund von COVID-19 in New York frei von Fußgängern und Verkehr.
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Volker Schilling, Vorstand der Greiff capital management AG, über Liquiditäts- und Fiskalkanonen, die Notwendigkeit eines kleinen Rückschlags für Tech-Werte und seine Favoriten für die kommenden Monate.

Volker Schilling

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Volker Schilling ist Vorstand der Greiff capital management AG.

comdirect: Herr Schilling, wir sind noch mitten in der Coronavirus-Krise, und 2020 ist das Jahr einer Mega-Rezession. Gleichzeitig notieren die Börsen am Allzeithoch. Ist das noch normal?

Volker Schilling: Zumindest ist das nicht unnormal. Zwischen Wall Street und Main Street, zwischen Börse und Wirtschaft gibt es keine festgeschriebene Korrelation. Auf lange Sicht orientieren sich der Börsentrend insgesamt und die Kurse der einzelnen Aktien zwar an den Gewinnen der Unternehmen, aber kurz- und mittelfristig dominieren vor allem zwei Faktoren – die Stimmung und die Liquidität. Die Stimmung war im März auf dem absoluten Tiefpunkt und erholt sich seitdem parallel zu den steigenden Kursen. Und gleichzeitig gibt es den gewaltigsten Liquiditätszufluss aller Zeiten. Damit war die Basis für die V-förmige Erholung der Börsen gelegt.

comdirect: Aber kann die Geldpolitik dauerhaft die Realität verändern?

Volker Schilling: Es ist ja nicht allein die Geldpolitik. Die monetären Kanonen der Notenbanken schießen aus allen Rohren, aber das taten sie vorher schon in etwas abgeschwächter Form. Mit der Corona-Krise haben die Staaten aber auch die zweite Kanone geladen und abgeschossen: die Fiskalpolitik. Ob Finanzhilfen für Unternehmen, Mehrwertsteuersenkung für alle oder Hilfspaket und 600 US-Dollar für Arbeitslose – diese Schübe aus der Fiskalpolitik wirken sofort auf Unternehmen, Verbraucher und die Börse. Von den geldpolitischen Maßnahmen profitieren die Märkte erst mit Verzögerung 2021. Und dass die Geldpolitik dauerhaft eingreifen kann, zeigt das Beispiel Japan. Dort macht die Zentralbank das seit 30 Jahren. Inflation ist weit und breit nicht zu sehen und im vergangenen Jahrzehnt sind auch die Kurse wieder gestiegen.

comdirect: Die USA haben die Erholung wieder einmal angeführt – trotz verheerender Corona-Zahlen. Was erwarten/befürchten Sie von den US-Wahlen?

Volker Schilling: Ob Biden oder Trump 2021 Präsident sein wird, wird an der Börsenentwicklung mittelfristig nicht so viel ändern. Der Ausgang der Wahlen ist aber unsicherer, als wir Europäer es uns wünschen würden. Trump hat eine breite Unterstützung in der weißen Bevölkerung und in der Wall Street. Die Wall Street liebt ihn, weil er sie liebt und Kurssteigerungen als Erfolgsmarker seiner Regierung sieht. Zudem lieferte er mit seinen Steuersenkungen die Munition für den Aufschwung. Wir werden in den kommenden Wochen so manch rüde verbale Schlägerei erleben. Bei der angespannten Situation am Arbeitsmarkt und in der Wirtschaft könnte sich das kurzfristig negativ auf die Börse auswirken.

comdirect: Und im Rest der Welt? Wird uns etwa in Europa der Brexit ein letztes Mal schocken? Wird China wirklich die konjunkturelle Erholung anschieben?

Volker Schilling: Das Thema Brexit wird noch mal kommen, aber keinen Börsianer mehr wirklich hinter dem Ofen hervorlocken. Ich glaube auch nicht, dass es zum Jahreswechsel wirklich abgeschlossen sein wird. Den chinesischen Wachstumszahlen sollte man nicht eins zu eins glauben. Aber die Tendenz ist wichtig und die scheint zu stimmen. Mit Sicht auf die nächsten Jahre ist China aber für das globale Wachstum das größte Risiko. Denn der amerikanisch-chinesische Streit um die ökonomische Vorherrschaft ist für das globale Wachstum das größte Risiko, vor allem bei einer Wiederwahl von Trump. Gute Chancen bieten die asiatischen Emerging Markets wie Malaysia oder Vietnam.

comdirect: Schauen wir auf die Branchen: Vor zwei Jahren durchbrach Apple als erstes Unternehmen die Bewertungsgrenze von einer Billion US-Dollar. Inzwischen haben Amazon und Microsoft nachgezogen und Apple liegt schon weit über zwei Billionen Dollar. Kann das mit der Tech-Rallye ewig so weitergehen?

Volker Schilling: Da können wir durchaus noch einige Runden erleben. Mit dem jüngsten Aktiensplit und der daraus resultierenden optischen Verbilligung zieht Apple noch einmal mehr Anleger an. Da die Aktie aber trotz Krise seit Jahresanfang um 60 % zugelegt hat, wäre ein Rückschlag aus Anlegersicht durchaus nützlich. Denn bei den aktuellen Kursen hat sich das Chance-Risiko-Verhältnis für Anleger verschlechtert. Schon bei Apple und Microsoft, erst recht bei einem Kometen wie Tesla. Eine leichte Korrektur im Aufwärtstrend wäre bei den Tech-Werten nützlich. Danach könnte der Aufschwung weitergehen.

comdirect: Beispiel Tesla: Der Konzern von Elon Musk ist inzwischen an der Börse höher bewertet als die gesamte europäische und amerikanische Autoindustrie zusammen – also VW, Daimler, BMW, Fiat Chrysler, Renault etc. Ist das gerechtfertigt?

Volker Schilling: Tesla ist für mich und andere Marktteilnehmer kein Automobilwert, sondern ein Technologiewert mit hervorragender Batterie- und Softwaretechnik. Diese Einordnung rechtfertigt deutlich höhere Bewertungen als die klassische Automobilwirtschaft. Allerdings ist die aktuelle Relation für mich deutlich übertrieben. Das gilt für die Kursexplosion bei Tesla, aber auch für die Baisse bei einigen der klassischen Autobauer.

„Für Otto Normalanleger sind klassische Anleihen, die bis zum Ablauf gehalten werden, ein sicheres Verlustgeschäft.“

Volker Schilling

comdirect: Welche von der Corona-Pandemie geplagten Branchen haben aus Ihrer Sicht in den kommenden Monaten Aufholpotenzial?

Volker Schilling: Da gibt es eine ganze Menge. Viele klassische Industrien liegen noch weit unter ihren Höchstwerten. Die Rekorde im Nasdaq und S&P sind allein den großen Hightech-Werten und vor allem den FAAMG-Aktien (Facebook, Apple, Amazon, Microsoft und Google) zu verdanken. Ohne deren herausragende Performancebeiträge läge der S&P 500 etwa seit Jahresbeginn immer noch im Minus. Aktuell bieten sich trotz der bereits gestiegenen Kurse gute Chancen bei Goldminenaktien. Sie profitieren von ihrem Hebel auf den Goldpreis. Die Bewertungen der Minenwerte sind niedrig, die Förderung rückläufig und der Goldpreis liegt am Allzeithoch. Mittelfristig gibt es gute Chancen bei Zyklikern, etwa in der Chemie- und Kunststoffindustrie. Mit anziehender Konjunktur werden sich ihre Kennzahlen deutlich verbessern.

comdirect: Und die langjährige deutsche Vorzeigeindustrie Automobilbau?

Volker Schilling: Auch für die deutschen Autobauer bin ich nicht pessimistisch. Sie sollten den Sprung in die Mobilitätsindustrie schaffen – mit ihren Ingenieurs- und Fertigungskompetenzen, mit Sharing-Modellen und Kooperationen, mit Batterie- und Wasserstofftechnologien. Es ist kein Zufall, dass Tesla-Chef Elon Musk bei seinem jüngsten Deutschland-Besuch auch VW einen Besuch abgestattet hat. Der DAX ist mit seinen klassischen Industrieunternehmen in den vergangenen Jahren hinter anderen Indizes zurückgeblieben. Das könnte sich in den 2020er-Jahren noch deutlich ändern.

comdirect: Die Inflation beginnt sich zu regen. Macht Ihnen das Sorgen?

Volker Schilling: Nicht wirklich. Klar wird es 2021 zu Basiseffekten kommen. Weil in diesem Frühjahr der Ölpreis verfiel, gibt es im März/April 2021 einen hohen Inflationsbeitrag von den Energiepreisen. Zu diesem Zeitpunkt könnte die Inflationsrate deutlich über die 2 %-Marke schießen. Aber ohne Sondereffekte sehe ich auf Jahre hinaus allenfalls eine moderate Geldentwertung. Die enorme Erhöhung der Geldmenge schlägt sich zwar in einer Inflation der Vermögenswerte wie Aktien, Immobilien und Gold nieder, aber bis auf Weiteres kaum in höheren Verbraucherpreisen. Denn das Warenangebot ist nahezu unbegrenzt und die Nachfrage eher gering. Da ist kaum Platz für Margenerhöhungen oder stark steigende Lohnkosten.

comdirect: Für Aktionäre mag eine moderate Inflation verkraftbar sein, für Anleiheinvestoren allerdings nicht. 0 % Zinsen wie bei der gerade emittierten Grünen Bundesanleihe machen bei 2 % Inflation nicht wirklich Spaß.

Volker Schilling: In der Tat. Für Otto Normalanleger sind klassische Anleihen, die bis zum Ablauf gehalten werden, ein sicheres Verlustgeschäft. Da müssten Sie schon zu Fremdwährungsanleihen greifen, etwa aus Malaysia oder Vietnam. Die halte ich persönlich für durchaus interessant, sie sind aber kein wirklich sicherer Hafen.

comdirect: Erwarten Sie nach der Aufholjagd im vierten Quartal noch eine Jahresendrallye? Oder eher eine „gesunde Korrektur“?

Volker Schilling: Die Börsenparty ist in vollem Gange. Kurzzeitig kann mal der Strom ausfallen und eine kurze Korrektur verursachen. Aber mit der Liquidität ist für Musik und Tanz gesorgt. Eine solch gute Party möchte keiner vorzeitig verlassen. Deshalb gehe ich davon aus, dass wir nach der fulminanten Erholung sogar noch so etwas wie eine Jahresendrallye sehen werden. Die Kurse dürften zum Jahreswechsel deutlich höher liegen als zu Jahresbeginn. Auch ein Allzeithoch im DAX halte ich nicht für ausgeschlossen.

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