Interview Value-Investments „Billig allein genügt nicht“

Junger Mann steht alleine auf einem Holzsteg und starrt auf den See. Denkt über das Leben nach. Nebel über Wasser. Neblige Luft. Früher kühler Morgen. Friedliche Atmosphäre in der Natur. Genießt die frische Luft. Ansicht von hinten.
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Fondsmanager Hendrik Leber erklärt, warum er bei Investitionen möglichst zehn Jahre vorauszuschauen versucht und stark auf Zukunftsbranchen setzt.

Dr. Hendrik Leber

Man dürfte nur eine Aktie auf der Welt besitzen? Dr. Hendrik Leber, Chef der Acatis Investment GmbH, weiß, welche das dann wäre.
© David Maupilé

Dr. Hendrik Leber ist Gründer und Geschäftsführender Gesellschafter der ACATIS Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft. Der bekennende Fan der Investment‐Legende Warren Buffett verwaltet mit seinem Team ein Vermögen von rund 10 Milliarden Euro (Stand Ende Januar 2021).

comdirect: Herr Leber, in der Coronakrise boomten wachstumsstarke Technologiewerte, sogenannte Growth-Aktien. Seit einigen Monaten holen die zuvor niedrig bewerteten Value-Werte wie Versicherungen oder klassische Automobilwerte auf. Sehen Sie eine dauerhafte Trendwende von Growth zu Value?

Dr. Hendrik Leber: Nein. Denn ich halte diese Sichtweise für grundsätzlich falsch, weil die Trennung zwischen Growth und Value künstlich ist. Immer wenn Sie Aktien kaufen, geht es um den inneren Wert einer Aktie, also um die Bewertung. Die Frage ist dabei: Wie viel Gewinn erwirtschaftet ein Unternehmen in Zukunft und was ist der angemessene Preis, den ich für eine Aktie in der Gegenwart bezahle?

comdirect: Sind die Unterschiede zwischen volatilen Technologiewerten und „langweiligen“ klassischen Industrien also gar nicht so wichtig?

Dr. Hendrik Leber: Genau, denn entscheidend ist bei beiden der innere Wert. Im Prinzip unterscheiden sich Value- und Growth-Ansatz nur im Hinblick auf ihre Erwartungen. Der klassische Value-Investor ist eher pessimistisch. Er möchte sein Geld möglichst in wenigen Jahren durch die Gewinne des Unternehmens wieder einspielen und setzt auf niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) oder Kurs-Buchwert-Verhältnisse (KBV). Der Growth-Investor trifft dagegen optimistischere Annahmen für die Zukunft des Unternehmens und akzeptiert deshalb höhere Kennzahlen. Bei allen Investoren aber geht es um den langfristigen Wert der Aktie – außer bei den Spekulanten oder Aktivisten in den sozialen Netzwerken, wo Aktien ohne Gewinne oder Gewinnaussichten gepusht werden.

comdirect: Sie sind als Kenner und Anhänger von Investmentlegende Warren Buffett häufig Gast bei den Hauptversammlungen von Berkshire Hathaway. Widerspricht Ihr Ansatz nicht seiner Investmentstrategie?

Dr. Hendrik Leber: Überhaupt nicht. Es gibt in Deutschland ein viel zu enges Bild von Warren Buffett. Angeblich soll er ja allein auf aktuell günstige Bewertungen achten. Das stimmt seit 50 Jahren nicht mehr. Wenn Buffett in ein Unternehmen mit hohem Gewinnwachstum investiert, ist er durchaus bereit, eine höhere Bewertung in Kauf zu nehmen. Vorausgesetzt, dass das Potenzial noch nicht eingepreist ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die Versicherungsaktie Geico, die er 1951 wegen ihres hohen Wachstums kaufte und bis heute besitzt. Die Firma verzeichnet bis heute ein hohes stetiges Gewinnwachstum. Bei solch einer Aktie ist die aktuelle Bewertung gar nicht so wichtig. Deshalb hat er 2016 auch begonnen, in Apple zu investieren. Er sah noch deutlich mehr Potenzial in dem Unternehmen, als der Markt damals Apple zubilligte. Für Buffett hat sich das gelohnt.

comdirect: Wie berechnen Sie das Potenzial und damit den Wert der Unternehmen, in die Sie investieren?

Dr. Hendrik Leber: Der Großteil der Investoren schaut auf den Gewinn der nächsten zwölf Monate. Der sagt aber nicht wirklich viel aus. Ich muss einen Horizont von zehn Jahren haben, um das Potenzial eines Unternehmens beurteilen zu können. Auch Analysten helfen da meist nicht weiter. Sie haben die Aufgabe, die Aussage des Managements zu erklären und das Unternehmen für Investoren greifbarer zu machen. Ihre Langfristprognosen sind aber in der Regel schlecht. Deswegen analysieren wir selbst Unternehmen, entwickeln eigene Modelle und versuchen, die Gewinne für die kommenden zehn Jahre im Voraus zu berechnen.

comdirect: Wo sehen Sie große Chancen in den kommenden zehn Jahren und wo weniger?

Dr. Hendrik Leber: Schauen Sie sich den Markt für Universalbanken an. Sie werden von allen Seiten durch neue Anbieter attackiert, die für einzelne Bereiche gute Lösungen entwickeln. Bei den breit aufgestellten Banken ist das Potenzial für die Zukunft beschränkt. Bei einzelnen Spezialisten aus der Branche wie zum Beispiel Kreditkartenunternehmen oder manchen Fintechs sieht das Bild dagegen anders aus. Das größte Potenzial sehe ich aber im Bereich der Biotechnologie.

comdirect: Warum?

Dr. Hendrik Leber: Gesundheit ist das höchste Gut und wir erleben gerade einen historischen Durchbruch. In Zukunft können Krankheiten wie Krebs individuell behandelt werden. Das ist eine Entwicklung, die ich von der Bedeutung mit der Einführung des Internets vor 25 Jahren vergleichen möchte. Experten können patienteneigene Tumorzellen individuell identifizieren und maßgeschneiderte Therapien entwickeln. Der Hintergrund für diese Entwicklung ist, dass heute mehr Informationen schneller und günstiger ausgewertet werden können. So können Milliarden von Antigenen und Antikörpern eines Menschen bestimmt und mit leistungsfähigen Rechnern verarbeitet werden.

comdirect: Sie sind ein Investor mit jahrzehntelanger Erfahrung. Was hat sich in der Investmentwelt geändert?

Dr. Hendrik Leber: Eindeutig das Tempo des Wandels. Veränderungen machen Wirtschaft aus. Aber durch und dank der Digitalisierung erleben wir in vielen Branchen einen viel rasanteren Umbruch von Geschäftsmodellen. Der klassische Value-Ansatz entstand in einer eher statischen Welt. Da konnten Sie analysieren, wie viel Gewinn Stahlhersteller erzielen, und konnten dann die unterbewerteten Unternehmen herausfiltern. Das funktioniert heute nicht mehr.

comdirect: Worauf kommt es heute an?

Dr. Hendrik Leber: Heute muss ein Value-Investor den rasanten Wandel von Geschäftsmodellen im Blick haben und attraktive Firmen aus Zukunftsbranchen identifizieren. Neben Biotechnologie sehe ich da die künstliche Intelligenz, neue Antriebsformen, das autonome Fahren, Drohnen oder Sprach- und Bilderkennung, um nur einige Beispiele zu nennen. Um heute erfolgreich zu investieren, müssen Sie sich mit neuen Geschäftsmodellen und Ideen auseinandersetzen, die in der Zukunft bestimmend sein werden. Wir nennen das „Value Investing 2.0“.