Geldanlagen bergen Risiken
Autoaktien – Karosserieteile in einer Autofabrik.
Autoaktien – Karosserieteile in einer Autofabrik.
© Nataliya Hora via Adobe Stock / bearbeitet

Autoaktien: Krise als Chance?

  • Die Autoindustrie steht weltweit vor vielen Herausforderungen und unter Margendruck.
  • Volkswagens Sparpläne sorgten an der Börse zunächst für eine Erholungsrally.
  • Luxus sells: Ferrari hält sich an den Aktienmärkten überdurchschnittlich gut.

Alarm allenthalben: Im Sommer kamen die Pläne für Arbeitsplatzabbau bei den Automobilkonzernen und ihren Zulieferern nahezu im Tagestakt an die Öffentlichkeit. Am größten war das Drama bei Volkswagen. Gewerkschaften und das Land Niedersachsen auf der einen Seite, die Familie Porsche und der Vorstand auf der anderen Seite steuerten scheinbar unaufhaltsam auf einen großen Konflikt zu. Anfang September gelang der überraschende Durchbruch: Der Aufsichtsrat winkte mit den Stimmen des Landes Niedersachsen und der Arbeitnehmerinnen und -arbeitnehmer einstimmig das Sparpaket des Vorstands durch. Damit sollen in den kommenden Jahren rund 50.000 Arbeitsplätze zusätzlich abgebaut und unter Umständen bis zu 4 Produktionsstandorte geschlossen werden. Diese bittere Pille für die VW-Beschäftigten kam an den Börsen gut an. Mit einem Plus von über 6 % startete die VW-Aktie eine Erholungsrally.


Gleichwohl ist der Wolfsburger Konzern an der Börse weit von vergangener Größe entfernt. Noch im Frühjahr 2021 hatte der Aktienkurs trotz Corona 3-mal so hoch notiert. Die Krise aber betrifft nicht nur VW, sondern auch die anderen deutschen Autokonzerne, den Fusionskonzern Stellantis mit seinen 14 Marken von Chrysler, Fiat, Opel bis Peugeot und auch die internationale Konkurrenz in den USA und Japan. An hohen Energiepreisen und hohen Arbeitskosten, den Herausforderungen in der Elektromobilität und beim autonomen Fahren wird sich zunächst kaum etwas ändern: „Die Baustellen in der Autoindustrie bleiben auf Jahre erhalten“, erklärt Frank Schwope, Automotive Consultant und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Berlin.


Die Konkurrenz aus China und die hohen Investitionen in neue Technologien führen zum Rückgang des operativen Gewinns – nicht nur in Deutschland. Die 15 führenden globalen Automobilhersteller außerhalb Chinas haben laut einer aktuellen Studie des Center of Automotive Management (CAM) im 1. Halbjahr 2026 im Schnitt bei nahezu konstanten Umsätzen (-1,4 %) mit 1.187 Euro operativ deutlich weniger pro Auto verdient (-17,5 %). Für Studienleiter Stefan Bratzel ist die Schere zwischen Umsatz und Ergebnis das eigentliche Alarmsignal: „Wenn das Ebit 12-mal so stark einbricht wie der Umsatz, verliert die Branche nicht Marktanteile, sondern Ertragskraft.“ Das betrifft nicht alle Hersteller gleichermaßen – ein Blick auf die wichtigsten Player in der Autobranche.

Der einstige Primus in Deutschland steht bei der Profitabilität in der westlichen Welt gar nicht schlecht da. Im Gegenteil: Unter den 15 Branchengrößen erwirtschaften die deutschen Premiumhersteller noch die mit Abstand besten Margen pro Auto. Bei Mercedes-Benz etwa blieben 4.122 Euro hängen. Das reichte, um das Konzernergebnis mit gut 2,5 Milliarden Euro nahezu konstant zu halten. Die Irrwege der „Luxusstrategie“ und die „Alles-elektrisch-Strategie“ haben zwar viel Geld gekostet. Andererseits gilt die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von fast 9 und einer Dividendenrendite von annähernd 7 % manchen Value-Investorinnen und -Investoren als ein Schnäppchen.

An zweiter Stelle bei der operativen Marge liegt BMW mit 3.142 Euro. Anders als Mercedes-Benz setzten die Bayern nicht auf Strategiewechsel, sondern auf eine Mehr-Antriebs-Strategie: Elektro und Hybrid, Benzin und Diesel haben ihren Platz und können in allen BMW-Fabriken gebaut werden. Von der sogenannten „Neuen Klasse“ verspricht sich der neue BMW-Chef Milan Nedeljkovic großen Schwung. Zuletzt jedoch musste BMW kleinere Brötchen backen: Im 1. Halbjahr 2026 lag das Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) mit 1,6 Milliarden Euro um fast 40 % unter dem Vorjahr und in den vergangenen 12 Monaten hat der Kurs der BMW-Aktie mit rund 25 % deutlich stärker nachgegeben als Mercedes-Benz und Volkswagen.

Bei Volkswagen bietet neben dem Sparpaket auch der zunehmende Erfolg des Konzerns in der Elektromobilität Hoffnung auf eine Wende zum Positiven. 2025 belegten Modelle von VW und Skoda gleich die ersten 5 Plätze bei den Neuzulassungen von E-Autos in Deutschland, in Europa lagen immerhin 5 Konzernmodelle unter den Top Ten. Bei einer aktuellen Dividendenrendite von rund 6,5 % und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von gerade einmal 5 ist die Aktie im historischen Vergleich sehr niedrig bewertet. Auch bei den Analystinnen und Analysten schneidet VW unter den 3 großen deutschen Autokonzernen aktuell am besten ab. Aktuell lauten 7 von 12 der von comdirect veröffentlichten Analysten-Einschätzungen auf „Kauf“. Dazu kommen 5 Halte‐Empfehlungen. Eine Verkaufsempfehlung gibt es nicht.

Toyota hat in den vergangenen Jahren einiges besser gemacht als die deutschen Autobauer. Der Pionier im Hybridbetrieb ist mit deutlichem Abstand und über 11 Millionen verkauften Autos pro Jahr größter Hersteller der Welt. Im Quartal von April bis Juni hat Toyota trotz der Auswirkungen der Lage im Nahen Osten seinen Quartalsgewinn um mehr als 75 % auf über 8 Milliarden Euro steigern können. Dabei profitierte Toyota vor allem von 2 Effekten: Der schwache Yen verbessert weltweit die Marktposition und beschert üppige Wechselkursgewinne. Zudem sind Hybridautos weltweit aktuell besonders gefragt und werden zum Teil auch noch großzügig subventioniert. Besonders gut lief das Geschäft mit Hybridautos in den USA.

Die chinesischen Autobauer sind zwar das Schreckgespenst für die deutsche Automobilwirtschaft. Aber der heftige Preiskampf auf dem Heimatmarkt bekam ihren Aktien zuletzt nicht gut. BYD führt den chinesischen und globalen Markt für Elektroautos an und hat Tesla als meistverkaufte Marke entthront. Im vergangenen Quartal ging der Gesamtumsatz im Vorjahresvergleich um 3 % zurück, aber der Überschuss zog erstmals seit 5 Quartalen um 30 % auf gut 1 Milliarde Euro an. Das gibt Anlegerinnen und Anlegern Hoffnung auf eine Trendumkehr bei der Aktie, die seit ihrem Hoch im Jahr 2025 um fast 50 % eingebrochen ist. Auch die Aktie von Geely Automobile liegt über die vergangenen 5 Jahre rund 40 % im Minus. Die Beteiligungen an europäischen Traditionsmarken wie Volvo oder Lotus haben sich für den Konzern bisher nicht ausgezahlt.

Besser als der großen Masse der Hersteller geht es den 2 Anbietern Ferrari und Tesla. Ferrari vertritt das Luxussegment und profitiert auch im laufenden Jahr von der Nachfrage seiner sehr wohlhabenden Kundschaft. Zuletzt erhöhte Ferrari sogar die Jahresziele. Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen soll von 2,77 im Jahr 2025 auf mindestens 2,97 Milliarden Euro steigen. Und auch die Auftragsbücher für das Jahr 2027 seien bereits voll, erklärte Ferrari-Chef Benedetto Vigna. Auf die Aktie wirkt sich das positiv aus. In den vergangenen 5 Jahren hat sich das Papier gegen den Trend in der Automobilwirtschaft annähernd verdoppelt.

Auch die Aktien des Elektropioniers Tesla halten sich gut, obwohl der Absatz von Tesla im Jahr 2025 zum zweiten Mal in Folge zurückgegangen ist, der Cybertruck ein gigantischer Flop ist und das Kurs-Gewinn-Verhältnis inzwischen nahe 400 liegt. Aber der Tesla Y führt nach wie vor die europäische Zulassungsstatistik an und ist auch in den USA marktführend. Eigentlich jedoch war Tesla immer eher ein Technologie- als ein Autokonzern. Inzwischen versprechen sich Elon Musk selbst und auch die Anlegerinnen und Anleger ohnehin mehr von den Robotaxis und den humanoiden Robotern als von konventionellen Elektroautos.

Autoaktien und vor allem die Aktien von Zulieferern haben seit 2023 an den Börsen unterdurchschnittlich abgeschnitten. Investitionen in Einzelwerte erfordern Mut und Durchhaltevermögen. Eine Alternative kann da ein ETF auf die europäische Automobilwirtschaft sein. Der iShares STOXX Europe 600 Automobiles & Parts UCITS ETF fasst die europäischen Unternehmen aus dem STOXX® Europe 600 Automobiles & Parts Index. Rund ein Viertel des Portfolios nimmt der Luxushersteller Ferrari ein. Dahinter folgen mit gut 14 % nahezu gleichauf Mercedes-Benz und der französische Reifenspezialist Michelin. Global und viel stärker auf die Technologiezulieferer ist der Xtrackers Future Mobility UCITS ETF – 1C USD ACC ausgerichtet. Am höchsten gewichtet sind aktuell AT&T Inc. sowie die japanischen Werte Hitachi Ltd. und Toyota Motor Corp. Dann folgen der Chipgigant NVIDIA Corp. vor Uber Technologies und BYD Co. Ltd. Im Gegensatz zum ETF mit klassischen Automobilwerten hat dieser ETF in den vergangenen 5 Jahren ein Plus von rund 75 % erzielt.

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Portrait von Michael Reitz, Diplomvolkswirt und unabhängiger Finanzexperte
Portrait von Michael Reitz, Diplomvolkswirt und unabhängiger Finanzexperte
Autor
Michael Reitz

Der Diplom-Volkswirt beschäftigt sich seit 25 Jahren mit dem internationalen Börsengeschehen. Seine ersten schmerzhaften Erfahrungen hat er beim Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 gemacht.

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