Von Anlegern für Anleger Die goldene Börsenweisheit: Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen

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Orientierung an der Börse

In unserer Rubrik „Von Anlegern für Anleger“ gibt comdirect Community-Mitglied nmh seine Tipps und Kniffe aus 30 Jahren Börsenerfahrung an die Magazin-Leser weiter. Diesmal im Fokus: seine liebste Börsenweisheit „Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen“.

Liebe Leserinnen und Leser,

Zum Autor nmh ist seit 1990 an der Börse aktiv und seit 2016 in der comdirect Community. Dort verhilft er anderen Mitgliedern dank seiner langjährigen Erfahrung zu Durchblick und Erfolg im Börsengeschehen. Mit über 350 eigenen Beiträgen und 7500 Antworten ist nmh eines der aktivsten Mitglieder in der Community und zu Recht eine „Community-Legende“.

heute wollen wir über das Geheimrezept sprechen, mit dem man an der Börse reich und erfolgreich wird. Das klingt jetzt sehr reißerisch und spektakulär, ist es aber tatsächlich gar nicht. Ich habe keinen Geheimtipp, welche Aktien man kaufen muss. Sondern es geht eigentlich nur um eine Grundregel an der Börse, die auch gar nicht so geheim ist, jedenfalls nicht unter Profis. Einsteiger kennen diese Börsenregel oft nicht, und falls doch, halten sie sich nicht immer daran. Dabei kann die einfache Weisheit durchaus dabei helfen, die Erfolgschancen an der Börse zu verbessern. Denn:

Es gibt viele schlaue Börsenweisheiten. Manche davon widersprechen sich auch. So liest man manchmal, dass man Aktien kaufen soll, wenn sie billig sind. Andere sagen dagegen, man darf Aktien nur kaufen, wenn sie steigen. Ja, was denn nun? So richtig hilfreich ist das nicht. Doch über all den widersprüchlichen Börsenregeln steht die eine goldene Regel, um die es heute gehen soll: Gewinne laufen lassen und Verluste begrenzen.

Die Idee dahinter ist simpel: Aktien, deren Kurs steigt, sollte man nicht verkaufen. Und Aktien, die fallen, sollten irgendwann verkauft werden, um die Verluste klein zu halten. Denn die ersten Verluste sind die kleinsten, sagt man.

Rechnen wir einmal nach

Eine einfache Rechnung zeigt, wie man mit dieser Regel seine Chancen auf Gewinne verbessern kann. Nehmen wir an, ich kaufe zehn Aktien zu je 1000 Euro ins Depot, mein Einsatz also 10.000 Euro. Bei acht davon habe ich Pech, sie wollen nach dem Kauf nicht mehr so recht steigen. Ich erkenne jeweils nach zehn Prozent Verlust: So geht es nicht weiter, genug ist genug. Ich verkaufe und begrenze den Verlust auf die ersten zehn Prozent, also jeweils 100 Euro. Mein Gesamtverlust liegt bei ärgerlichen 800 Euro. Doch:

Zwei Aktien gehen durch die Decke. Auch wenn es Jahre dauert, aber beide verdoppeln sich, also jeweils plus 1000 Euro. Wir nehmen einen Bierdeckel und rechnen das Gesamtergebnis aus: Zweimal 1000 Euro, minus achtmal 100 Euro, ergibt einen Gesamtgewinn von 1200 Euro oder 12 Prozent vom Einsatz. Und das bei einer miserablen Trefferquote von gerade einmal 20 Prozent! Merke: Es ist völlig egal, ob man mit vielen Investments Verlust macht, solange unter dem Strich ein Gesamtgewinn steht. Auch diese Erkenntnis ist für Einsteiger überraschend: Man kann und muss nicht alle Geschäfte mit Gewinn abschließen. Und durch eine gute Aktienauswahl kann man seine Trefferquote noch verbessern. Darüber sprechen wir in einem der nächsten Beiträge.

Stoppkurse helfen

Diese einfache Strategie lässt sich umsetzen, indem man sich von Anfang an daran gewöhnt, für alle Wertpapiere „Stoppkurse“ zu setzen. Das bedeutet, dass man der Bank den Auftrag gibt, die Aktie zu verkaufen, wenn sie (die Aktie, nicht die Bank) einen bestimmten Kurs, eben den Stoppkurs, unterschreitet. Fällt die Aktie nach dem Kauf, werden Verluste begrenzt. Steigt sie erstmal, darf man den Stoppkurs nach einiger Zeit nach oben nachziehen. Der maximal mögliche Verlust wird immer kleiner, und irgendwann kommt der schöne Moment, wo man mit dem Papier keine Verluste mehr machen kann. Das Spiel geht so lange weiter, bis die Aktie sich irgendwann dazu entschließt, nach Süden zu drehen. Dann (und bitte erst dann!) kommt der Zwangsverkauf mit deutlichem Gewinn. Champagner!

Ein weiterer Vorteil soll hier nur am Rande erwähnt werden: Der Verkauf von Verlustpapieren schafft Bargeld, das dann sofort in andere Aktien investiert werden kann, die mehr versprechen. So vermeidet man „totes Kapital“. Übrigens gilt diese Regel nicht nur für Aktien. Auch professionelle Investoren, die mit Optionen, Gold, Währungskursen, Bitcoin, Sojabohnen oder Schweinehälften handeln, begrenzen ihre Verluste und lassen Gewinne einfach laufen.

Theorie leicht, Praxis schwierig

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Die Idee liest sich auf dem Papier oder auf dem Bildschirm sehr hübsch, aber in der Praxis ist die Umsetzung gar nicht so leicht. Sie erfordert ziemlich viel Disziplin und teilweise auch Selbstüberlistung. Anleger sind ja auch nur Menschen (naja, viele jedenfalls). Und es ist nur menschlich, sich zu fragen: „Warum soll ich eine Aktie verkaufen, nur weil sie billiger wird? Sollte man da nicht eher kaufen? Die gebe ich nicht her, die wird schon mal wieder steigen. Schließlich will ich mich langfristig an einem Unternehmen beteiligen, an das ich glaube.“ Dahinter steckt auch, dass Amateure nur widerwillig mit Verlust verkaufen. Das ist aber eine böse psychologische Falle. Man hofft, dass die Aktie irgendwann wieder steigt. Aber was, wenn nicht? Dann werden die Verluste immer größer. Und wenn man gar mehreren Aktien dabei zusieht, wie sie immer weniger wert werden, dann erreicht der Gesamtverlust irgendwann Dimensionen, die man nicht mehr aufholen kann. Nein, Hoffnung ist kein guter Ratgeber an der Börse. Und auch der umgekehrte Fall ist schwierig:

Wenn eine Aktie monate- oder gar jahrelang im Kurs steigt, dann entstehen irgendwann Begehrlichkeiten, die Gewinne vom Tisch zu nehmen und zu verkaufen. „Die Aktie hat ja ein Allzeithoch erreicht, die ist jetzt viel zu teuer!“ Doch dadurch nimmt man sich automatisch die Chance, an weiteren Gewinnen teilzunehmen. Auch wenn die menschliche Gier wächst: Profis schauen jahrelang beim Steigen zu und verkaufen eben nicht. Denn meistens hat das Papier kein Allzeithoch erreicht, sondern nur ein Rekordhoch. In aller Regel folgen weitere Rekorde – auch wenn es dafür (natürlich) keine Garantie gibt. Man sagt ja: „Von Gewinnmitnahmen ist noch niemand arm geworden“, obgleich ich persönlich wenig davon halte, sich zu früh mit Gewinn zu verabschieden.

Doch damit nicht genug der Schwierigkeiten in der Praxis: Es gibt noch weitere Fallstricke bei der Umsetzung der Regel: Wo ist die Grenze zwischen Gewinn und nicht mehr akzeptablem Verlust? Wie tief muss eine Aktie denn fallen, damit ich über einen Verkauf nachdenke? Welchen maximalen Verlust sollte ich tolerieren? Wenn man hier zu streng rechnet, fliegt man in der kleinsten Korrektur aus einer gesunden Aktie heraus, die einfach nur atmet. Eine strenge Grenze, wie oben die 10 Prozent, ist nicht die richtige Lösung. Stoppkurse richtig zu setzen, erfordert einiges an Erfahrung. Es gibt aber einige Grundregeln, die das Leben ein wenig leichter machen. Auch das soll Thema in einem der nächsten Beiträge sein.

Bis dahin wünsche ich allen Lesenden viel Erfolg, und was noch wichtiger ist: Viel Spaß an der Börse!

nmh

Community-Mitglied nmh schreibt in unregelmäßigen Abständen als Gastautor für das comdirect Magazin. Der Beitrag gibt seine Meinung, nicht die von comdirect wieder.

Wertpapiere unterliegen Kursschwankungen; damit sind Kursverluste möglich. Bei Wertpapieren, die nicht in Euro notieren, sind zudem Währungsverluste möglich. Die frühere Wertentwicklung ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Dieser Text stellt kein Angebot, keine Aufforderung oder Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Er soll lediglich Ihre selbstständige Anlageentscheidung erleichtern und ersetzt keine anleger‐ und anlagegerechte Beratung. Bei den hier dargestellten Informationen und Wertungen handelt es sich um eine Werbemitteilung, die nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit einer Anlageempfehlung oder Anlagestrategieempfehlung genügt. Die Darstellung gibt nicht die Meinung von comdirect wieder.