Leitzins Definition und Bedeutung für Anleger und Finanzierer

Luftaufnahme von LKWs und Lagerhallen
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Der von der EZB festgelegte Leitzins gilt als wichtiges Instrument der Geldpolitik. Senkt die EZB den Leitzins? Diese Frage stellten Marktbeobachter in den vergangenen Jahren häufig, wenn donnerstags der EZB-Rat tagte. Mehr als einmal wurde diese Frage mit ja beantwortet. Aber was ist eigentlich der Leitzins und welche Bedeutung haben Senkungen oder Erhöhungen? Wir gehen auf die Auswirkungen für die Geldpolitik und Privatanleger ein. Zudem zeigen wir, wie sich der Leitzins in der Vergangenheit entwickelt hat.

Was ist der Leitzins – eine Definition

Leitzinsen spielen in der Geldpolitik jeder Zentral- oder Notenbank eine wichtige Rolle. Das gilt selbstverständlich auch für die Europäische Zentralbank (EZB) – die verantwortliche geldpolitische Instanz im Euro-Raum. Der Leitzins bezeichnet den Zinssatz, zu dem die Zentralbank Geschäfte mit den Geschäftsbanken tätigt. Er wird einseitig festgesetzt, die Banken haben nur die Option, Geschäfte abzuschließen oder darauf zu verzichten. Damit beeinflusst die Notenbank die Zinsentwicklung und nimmt mittelbar Einfluss auf die Einlagen- und Kreditpolitik der Banken.

Genau genommen ist die Bezeichnung „der Leitzins“ etwas irreführend. Denn es gibt in der Regel mehrere Zinssätze oder Zinsbandbreiten, in denen Zentralbanken den Kreditinstituten unterschiedliche Geschäfte anbieten. Bei der EZB sind es konkret drei Zinssätze:

  1. Der Hauptrefinanzierungssatz: Zu diesem Zinssatz können sich Geschäftsbanken kurzfristig Geld ab einer Woche Laufzeit bei der EZB leihen. Wenn vom EZB-Leitzins die Rede ist, ist sehr oft der Hauptrefinanzierungssatz gemeint. Er ist der wichtigste der drei Zinssätze und steht in der öffentlichen Berichterstattung im Fokus.
  2. Der Einlagesatz: Er bezeichnet den Zinssatz, zu dem Banken kurzfristig überschüssige Liquidität bis zum nächsten Tag bei der EZB parken können. Sie sind dann quasi selbst Kurzzeit-Anleger bei der Euro-Notenbank. Diese Zinsfestlegung wirkt sich vor allem bei den Anlage- und Kreditzinsen aus. Der Einlagesatz wird sonst weniger beachtet, machte aber von sich reden als die EZB erstmals Negativzinsen einführte. Zudem stellt der Einlagesatz die untere Zinsgrenze für das Tagesgeld dar.
  3. Der Spitzenrefinanzierungssatz: Dieser gilt für ganz kurzfristige Liquiditätsbeschaffung der Geschäftsbanken bei der EZB (sogenannte Übernacht-Finanzierungen). Der Spitzenfinanzierungssatz ist eine Art Dispozins für Kontoüberziehungen der Banken bei der EZB.
EZB-Leitzinssätzeaktueller Satz (Stand 1. Okt. 2020)
Hauptrefinanzierungssatz0,00 %
Einlagesatz-0,50 %
Spitzenrefinanzierungssatz0,25 %

Wie wird der Leitzins festgelegt?

Früher wurde der Leitzins in Deutschland von der Bundesbank festgelegt. Entscheidungen über Leitzinsänderungen trifft heute der EZB-Rat. Dieses Gremium – oberstes Beschlussorgan der EZB – besteht aus den sechs Mitgliedern des EZB-Direktoriums und den Präsidenten der nationalen Zentralbanken des Euro-Raums. Das Direktorium setzt sich wiederum aus dem EZB-Präsidenten (derzeit Christine Lagarde als Präsidentin), dem Vizepräsidenten und den übrigen Direktoren, darunter dem Chef-Volkswirt der EZB, zusammen. Der Bundesbank-Präsident bestimmt in diesem Rahmen den Leitzins für Deutschland mit. Der EZB-Rat tritt üblicherweise alle 14 Tage am Donnerstag zusammen. In der Regel lässt er die Leitzinsen unverändert.

Welche Funktionen hat der Leitzins?

Der Leitzins ist ein zentrales geldpolitisches Steuerungsinstrument. Die Banken orientieren sich bei ihrer Konditionengestaltung an den Konditionen für ihre eigenen Geschäfte mit der Zentralbank. Die Notenbank ist für sie ein maßgeblicher Finanzierungspartner.

Wird der Leitzins gesenkt, führt das tendenziell zu günstigeren Krediten und niedrigeren Zinsen bei Geldanlagen. Die Banken können sich dann selbst günstiger Liquidität bei der Zentralbank beschaffen und mehr Kredite ausreichen. Gleichzeitig sind sie weniger auf Einlagen ihrer Kunden angewiesen – denn sie können auf das Geld der Zentralbanken zurückgreifen. Eine Leitzinserhöhung hat genau die entgegengesetzte Wirkung.

Die originäre Funktion der (Leit-)Zinspolitik besteht in der Sicherung der Preisstabilität durch eine niedrige Inflation. Mehren sich die Zeichen für eine Inflation, wird die Zentralbank die Leitzinsen anheben, um die Kreditvergabe der Banken zu bremsen. Damit wird zugleich das Geldausgeben für private Haushalte und Unternehmen schwerer. Einer überbordenden Nachfrage werden Zügel angelegt, die Geldmenge wird verknappt und der Preisauftrieb verlangsamt sich. Solche Leitzinserhöhungen finden oft in Phasen der Hochkonjunktur statt. In konjunkturellen Schwächephasen reagiert die Notenbank dagegen eher mit einer Leitzinssenkung, um eine Deflation zu verhindern. Im schlimmsten Fall kommt es zu einer Deflationsspirale – ein Abrutschen in eine sich selbst verstärkende wirtschaftliche Abwärtsentwicklung. Dem soll eine Ausweitung der Geldmenge über eine Politik der niedrigen Zinsen entgegenwirken.

Inflationsziel der EZB: Die EZB strebt bis dato eine Inflation von ungefähr 2 Prozent p.a. an. Bei dieser Inflationsrate wird noch von Preisstabilität gesprochen. Inzwischen wird über ein modifiziertes, tendenziell weicheres Inflationsziel nach dem Vorbild der amerikanischen Notenbank Fed diskutiert.

Angesichts der seit Jahren konstant niedrigen Inflationsrate im Euro-Raum ist das preisliche Stabilitätsziel etwas in den Hintergrund geraten. Stattdessen hat ein anderer Aspekt an Bedeutung gewonnen – die wirtschaftliche Wirkung der Zinspolitik. EZB-Leitzinssenkungen sollten in der Finanz- und Eurokrise – ergänzt um Geldmengenausweitung über Anleihekäufe – die Kreditvergabe der Banken stimulieren und so Impulse für mehr Konsum und Investitionen setzen. Das Endziel: die Generierung von mehr Wirtschaftswachstum zur Krisenbewältigung.

Wechselkurseffekte von Leitzinsen: Eine weitere Auswirkung der Zinspolitik können Wechselkurseffekte sein. Zinsunterschiede sind eine Erklärungsgröße für Wechselkursveränderungen. Leitzinssenkungen machen die eigene Währung tendenziell „weicher“, weil verstärkt Geld aus Währungsräumen mit höheren Zinsen nachgefragt wird. Das hat auch einen gesamtwirtschaftlichen Effekt. Exporte werden bei schwächeren Wechselkursen begünstigt und Importe verteuert.

Die EZB-Strategie in der Finanz- und Eurokrise hat als „Niedrigzinspolitik“ oder „Nullzinspolitik“ Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden. Über die Wirksamkeit für das Wirtschaftswachstum wird von Experten nach wie vor trefflich gestritten. Kritiker werfen der EZB vor, eine weitere Zielsetzung mit ihrer Niedrigzinspolitik zu verfolgen – die Entlastung hochverschuldeter Euro-Länder von drückenden Zinsbürden zu Lasten der Sparer. Dies ist von EZB-Seite allerdings so nie akzeptiert worden. Der Vorwurf richtet sich vor allem an den Lagarde-Vorgänger Mario Draghi, dessen Verdienste um die Rettung des Euro und die Stabilisierung des europäischen Bankensystems ansonsten unbestritten sind. Sein berühmtes „whatever it takes“ 2012 erfolgte auf dem Höhepunkt der Euro-Krise. Da hatte die EZB schon längst massive Leitzinssenkungen hinter sich.

Nicht zu vergessen ist, dass Veränderungen der Leitzinsen über die reine ökonomische Wirkung auch eine wichtige Signalfunktion besitzen. Sie zeigen die Richtung an, in die sich die Zentralbank bei ihrer Geldpolitik bewegt und wie sie die wirtschaftliche Lage einschätzt. Börsen registrieren und „verarbeiten“ solche Signale besonders sensibel.

Wie haben sich die Leitzinsen entwickelt?

Bis Mitte 2008 bewegte sich der Hauptrefinanzierungssatz als wichtigster EZB-Leitzins in einer Bandbreite von 2,00 % bis 4,75 %. Im Zuge der Finanzkrise kam es dann in der zweiten Jahreshälfte 2008 zu mehreren drastischen Zinssenkungen – von 4,25 % (3.7.2008) auf 2,5 % (4.12.2008). Bis Mitte 2009 folgten weitere Zinsschritte nach unten bis auf 1,00 %. Danach kam es kurzzeitig zu zwei kleinen Zinserhöhungen, denen wegen der Euro-Krise ab 3.11.2011 wieder Zinssenkungen folgten. Seit dem 10.3.2016 liegt der Hauptrefinanzierungssatz unverändert bei 0,00 %.

Bei Einlagezinsenvollzog sich eine fast parallele Entwicklung. Hier war ab dem 11.7.2012 das Nullniveau erreicht. Seit dem 11.6.2014 sind die Einlagenzinsen der EZB negativ. Der Satz wurde in mehreren Schritten von -0,10 % auf jetzt -0,50 % abgesenkt. Seit dem 18.9.2019 ist dieser Satz unverändert. Die Entwicklung der wichtigsten Leitzinssätze zeigt folgende Grafik:

Grafik zur Entwicklung der Leitzinsen im Euro-Raum seit Mitte 2008
Leitzinsen – Entwicklung im Euro-Raum seit Mitte 2008; Quelle: eigene Darstellung nach Angaben Europäische Zentralbank, Deutsche Bundesbank, Bankenverband

Erhöhungen der Leitzinsen sind in nächster Zeit wenig wahrscheinlich. Die EZB hat deutlich gemacht, dass sie zur Bewältigung der Corona-Folgen vorerst an ihrer Niedrigzinspolitik und ihre Geldmengenausweitungen festhalten will.

Wie sind die Leitzins-Auswirkungen auf Bankkonditionen?

Zentralbank-Geschäfte mit den Banken sind kurzfristiger Natur. Dementsprechend handelt es sich bei den Leitzinsen um kurzfristige Zinssätze. Leitzinsänderungen beeinflussen daher am schnellsten und unmittelbarsten die Konditionen am kurzfristig ausgerichteten Geldmarkt. Bei mittel- und längerfristigen Zinssätzen ist die Wirkung dagegen nicht ganz so „durchschlagend“. Hier kommen Zinsänderungen oft erst mit Zeitverzögerung und abgeschwächt an. Bei den langfristigen Zinsen sind oft auch noch andere Einflüsse für die Zinsentwicklung relevant. Das kann dazu führen, dass eine Leitzinsänderung „am langen Ende“ weitgehend unbeachtet bleibt, muss es aber nicht.

Betrachtet man die Zinsentwicklung der vergangenen Jahre für verschiedene Bankgeschäfte, lässt sich feststellen:

  • Die Konditionen für Bankeinlagen (Tagesgeld, Termingeld, Spareinlagen) haben vergleichsweise sensibel auf Änderungen der Leitzinsen reagiert – mit einem Widerstand bei der Zins-Nulllinie. Negativzinsen im Einlagengeschäft der Banken bleiben die Ausnahme – trotz schon länger bestehender Negativzinsen beim EZB-Einlagesatz.
  • Die Dispozinsen reagieren relativ träge auf Leitzinsänderungen und vollziehen Bewegungen nur moderat mit.
  • Bei den Hypothekenzinsen ist ohnehin ein langfristiger Zinstrend nach unten festzustellen. Die EZB-Leitzinssenkungen der letzten Jahre haben diesen Trend noch verstärkt. Insgesamt spiegelt die Entwicklung der Hypothekenzinsen und die Zinsen im Rahmen der Baufinanzierung die Leitzinsentwicklung verstetigt und weniger „sprunghaft“ wider – mit einem gewissen Zinsabstand.
  • Auch die Zinsen für Ratenkredite sind in etwa der Leitzinsentwicklung gefolgt – mit Zeitverzug und mit deutlichem Zinsabstand.

„Des einen Freud ist des anderen Leid“, dieser alte Spruch scheint für Leitzinsänderungen wie gemacht. Sinkende Leitzinsen verbilligen Finanzierungen für Kreditnehmer tendenziell. Es wird dann leichter, Kredite aufzunehmen und die Belastung für Zins und Tilgung zu tragen. Für Anleger und Sparer wird es dagegen weniger rentierlich, in verzinslichen Anlagen zu sparen. Für das Anlegen sind Alternativen gefragt – zum Beispiel Aktien, Aktienfonds, ETFs oder andere Anlageklassen. Die Börse reagiert auf Zinssenkungen gerne mit „Freudensprüngen“ in Form von Kursgewinnen, weil Unternehmen von niedrigeren Zinsen profitieren. Das ist aber kein Automatismus. Bei höheren Leitzinsen sieht es genau umgekehrt aus.

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