Leerverkäufe Informationen für Anleger

Ein Mann balanciert über einer Schlucht auf einer Slackline.
© zhukovvvlad via GettyImages / iStockphoto

Leerverkäufer gelten häufig als schwarze Schafe der Finanzmärkte. Doch was versteht man eigentlich unter Leerverkäufen bei Aktien? In diesem Artikel erklären wir, woran man Leerverkäufe erkennt, welche Arten es gibt und wie sie funktionieren. Außerdem erfahren Privatanleger, wie sie Aktien shorten können und welche Risiken mit einem Leerverkauf verbunden sind.

Definition: Was bedeutet Leerverkauf?

Im Aktienhandel ist ein Leerverkauf per Definition eine Transaktion, bei der der Anleger einen Basiswert verkauft, den er selbst nicht besitzt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom Short Sale oder „Shortselling“. Ein Shortseller spekuliert darauf, dass der Kurs der Aktie oder eines anderen Wertpapiers in der Zukunft nachlassen und der Titel somit zu einem späteren Zeitpunkt günstiger sein wird.

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Gut zu Wissen: Bei einer „Short-Strategie“ setzt man auf fallende Kurse, während man bei einer „Long-Strategie“ eine Rendite durch Wertsteigerung erzielen möchte.

Wie funktioniert der Leerverkauf?

Im Wertpapierhandel ist der Leerverkauf ein klassisches Termingeschäft, bei dem die Erfüllung zu einem festen Datum in der Zukunft erfolgt. Einfach erklärt: Wenn ein Anleger Aktien leer handelt, verkauft er Papiere, die er gar nicht besitzt. Zu diesem Zweck leiht er sich die Aktien und zahlt dafür eine Gebühr. Ein Shortseller spekuliert auf nachlassende Kurse. Er geht also davon aus, die geliehenen Aktien zu einem späteren Zeitpunkt günstiger an der Börse kaufen zu können, um sie an den Verleiher zurückzugegeben. Die Differenz zwischen dem Verkaufskurs und dem späteren Kaufkurs abzüglich der Leihgebühren ist sein Gewinn.

Mit einem Leerverkauf geht der Verkäufer ein sehr hohes Risiko ein. Denn wenn die Kurse der geliehenen Aktien nicht wie erwartet fallen, muss sich der Verkäufer dennoch zum Ende der Leihfrist mit den entsprechenden Titeln eindecken, um seine Lieferpflicht zu erfüllen. Damit realisiert er Verluste.

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Gut zu Wissen: Hilfreiche Tipps zum Risiko- und Money-Management finden Sie ebenfalls im comdirect magazin.

Infografik zur Funktionsweise von Leerverkäufen
Wer Aktien shortet, verkauft Wertpapiere, die er nicht besitzt.

Was ist ein Beispiel für einen Leerverkauf?

Wie Leerverkäufe funktionieren, lässt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir an, ein Shortseller – das kann ein Hedgefonds oder ein Privatanleger sein – leiht sich von einem Broker 500 Aktien des Unternehmens X zu einem Kurs von je 100 Euro und verkauft diese leer an der Börse. Im Laufe der Leihfrist fällt der Aktienkurs um 20 % und der Leerverkäufer deckt sich zu einem Kurs von 80 Euro mit den Papieren ein, um sie termingerecht an den Broker zurückzugeben. In diesem Fall erzielt der Verkäufer einen Erlös von 20 Euro pro Aktie – bei 500 Aktien entspricht das einer Rendite von 10.000 Euro, von der noch die Leihgebühr abgezogen werden muss.

In einem 2. Beispiel erfüllen sich die Erwartungen des Shortsellers nicht: Der Kurs des geshorteten Unternehmenstitels steigt durch ein überraschendes Übernahmeangebot um 20 % auf 120 Euro. Der Verkäufer ist nun gezwungen, sich zu diesem höheren Kurs mit den Aktien einzudecken, und realisiert einen Verlust von 20 Euro je Aktie zuzüglich der Leihgebühr, die er an den Broker zahlen muss.

Warum macht man Leerverkäufe?

Leerverkaufspositionen werden grundsätzlich zu zwei Zwecken eingegangen:

  • Als Spekulation auf fallende Kurse: Wer Aktien shortet, möchte von Kursrücksetzern profitieren. Der Anleger setzt darauf, dass er die geliehenen Papiere zu einem späteren Zeitpunkt günstiger am Markt bekommt, um durch die Differenz zwischen dem ursprünglichen Verkaufspreis und dem späteren Kaufpreis einen Erlös zu erzielen.
  • Als Absicherungsgeschäft: Leerverkäufe werden auch genutzt, um andere Positionen in Phasen fallender Börsenkurse gegen Verluste abzusichern. Vor allem Hedgefonds sind für diese Investitionsstrategie bekannt. Im Börsenjargon spricht man in diesem Zusammenhang auch vom „Hedging“.
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Gut zu Wissen: Wo Sie Aktien kaufen und wie Sie dabei vorgehen, erfahren Sie im comdirect magazin.

Welche Arten von Leerverkauf gibt es?

Beim Shortselling unterscheidet man zwischen gedeckten und ungedeckten Leerverkäufen.

  • Gedeckter Leerverkauf: Die Deckung eines Leerverkaufs ist dann gegeben, wenn sichergestellt ist, dass der Leerverkäufer seine Verpflichtung fristgerecht erfüllen kann. Mit anderen Worten: Für einen gedeckten Leerverkauf muss sich der Anleger den zugrundeliegenden Basiswert tatsächlich geliehen haben.
  • Ungedeckter Leerverkauf: Bei einem ungedeckten Leerverkauf hat sich der Verkäufer zum Zeitpunkt der Veräußerung noch kein Eigentum oder Anspruch auf eine Eigentumsübertragung verschafft. Eine solche Transaktion ist also nicht durch reale Wertpapiere gedeckt. Dadurch besteht die Gefahr, dass der Shortseller seine Lieferpflicht nicht oder nicht fristgerecht erfüllen kann.

Wie funktionieren ungedeckte Leerverkäufe?

Bei einem ungedeckten Leerverkauf verzichtet der Shortseller darauf, sich die Aktien vorab von einem Broker zu leihen. Um den Leerverkauf dennoch tätigen zu können, macht er sich den marktüblichen Erfüllungszeitraum zunutze. Innerhalb dieses Zeitraums muss er sich mit den Wertpapieren eindecken, um seine Verpflichtungen aus dem Leerverkauf fristgerecht zu erfüllen.

Das Ausfallrisiko bei ungedeckten Leerverkäufen ist hoch, da es passieren kann, dass der Shortseller die Wertpapiere nicht (oder nicht in der erforderlichen Menge) kaufen kann, weil es kein entsprechendes Angebot gibt oder der Handel mit der Aktie sogar ausgesetzt wird. Dementsprechend kommt beim ungedeckten Leerverkauf zum Marktpreisrisiko noch das Lieferrisiko hinzu.

Sind Leerverkäufe erlaubt?

In Deutschland sind Leerverkäufe nur erlaubt, wenn zum Zeitpunkt des Leerverkaufs eine Deckung vorliegt. Ungedeckte Leerverkäufe in Aktien und öffentlichen Schuldtiteln hat die Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen (BaFin) 2012 verboten. In außergewöhnlichen Situationen kann die BaFin zudem vorübergehend Leerverkäufe auf bestimmte Aktien verbieten.

Wie beeinflussen Leerverkäufe den Kurs?

Leerverkäufe stehen regelmäßig in der Kritik, weil sie den Ruf haben, die Märkte zu beeinflussen und fallende Kurse von Unternehmen erst zu provozieren. In der Tat kann es sein, dass Leerverkäufe das Vertrauen von Investoren und Kreditgebern in ein Unternehmen erschüttern. Wie stark der Einfluss von Shortsellern auf die Finanzmärkte tatsächlich ist, bleibt jedoch umstritten.

Befürworter dieser Investitionsstrategie dagegen argumentieren, dass Leerverkäufe eine wichtige Funktion für die Preisbildung spielen, da sie überbewertete Aktien häufig als erstes aufspüren und dafür sorgen, dass auch negative Informationen in die Kurse einfließen – etwa bei Wirecard, als Shortseller schon früh Unregelmäßigkeiten festgestellt und auf einen fallenden Aktienkurs gesetzt hatten.

Wie kann man als Privatanleger shorten?

Auch Privatanleger haben die Möglichkeit Short-Positionen einzugehen. Wer auf sinkende Kurse von Aktien wetten möchte, kann synthetische Leerverkäufe tätigen – beispielsweise über den Handel mit Derivaten wie Optionsscheinen oder CFDs. Auch ganze Indizes lassen sich shorten – mit sogenannten Inversen ETFs, die die Wertentwicklung eines zugrundeliegenden Index gegenläufig abbilden.

Was sind die Risiken des Leerverkaufs von Aktien?

Bei Long-Positionen kann der Kurs um maximal 100 % fallen – das würde dem Totalverlust des eingesetzten Kapitals entsprechen. Bei einem Leerverkauf ist das Verlustrisiko hingegen unbegrenzt, weil der Kurs eines geshorteten Wertpapiers zumindest theoretisch auch unbegrenzt steigen kann. Der unvermeidliche Rückkauf der leer verkauften Aktien kann deshalb sehr teuer werden.

Vorteile von LeerverkäufenNachteile von Leerverkäufen
Anleger können auch von fallenden Kursen profitierenHohe Zinsen und Brokergebühren
Absicherung von Long-Positionen in Zeiten fallender KurseTheoretisch unbegrenztes Verlustrisiko

Fazit: Leerverkäufe – Termingeschäfte mit unbegrenztem Verlustrisiko

Ein Leerverkauf bietet die Möglichkeit, Wertpapiere zu verkaufen, die man selbst nicht besitzt, und so auf sinkende Kurse zu spekulieren. Mit dieser Anlagestrategie geht man jedoch ein hohes Risiko ein. Denn anders als bei einer Long-Position, mit der man von steigenden Kursen profitiert, ist das Verlustrisiko beim Shortselling nicht auf das eingesetzte Kapital beschränkt, sondern über den Totalverlust hinaus theoretisch unbegrenzt. Gerade als Privatanleger sollte man sich deshalb mit den möglichen Risiken vertraut machen und sich eingehend mit den Unternehmen beschäftigen, dessen Titel man shorten möchte.

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