Insiderhandel in Deutschland: Was ist erlaubt?

Unteres Stockwerk eines leeren Parkhauses.
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Wer aufgrund nicht öffentlicher Informationen, die erheblichen Einfluss auf den Aktienkurs eines börsennotierten Unternehmens haben, Börsengeschäfte tätigt, verschafft sich unerlaubt einen wirtschaftlichen Vorteil. Der sogenannte Insiderhandel ist in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen strafbar. Wir erklären, was man genau unter Insiderhandel versteht und wie zwischen legalem und illegalem Insiderhandel unterschieden wird.

Definition Insiderhandel

Wertpapierkäufe oder -verkäufe, die aufgrund von internen und bisher nicht öffentlich bekanntgemachten Informationen getätigt werden, bezeichnet man als Insiderhandel bzw. Insidertrade. Denn Insider, die sich mit ihrem Insiderwissen bewusst einen Vorteil gegenüber Außenstehenden verschaffen, gefährden die Funktionsweise des Kapitalmarktes. Denn die Entscheidung, mit einer Aktie zu handeln, hängt von bestimmten Informationen ab, die entscheidende Auswirkungen auf den Aktienkurs eines an der Börse notierten Unternehmens haben. Damit Anleger sich gründlich informieren können, sind Unternehmen verpflichtet, für den Kapitalmarkt relevanten Informationen so bald wie möglich öffentlich zur Verfügung stellen. Fehlen kursrelevante Informationen, wird der Kurs verfälscht.

Ist Insiderhandel illegal?

Insider verfügen über kursrelevante Information, noch bevor diese öffentlich bekannt gemacht wurden. Nutzen sie dieses Wissen für den Wertpapierhandel, spricht man vom Insiderhandel. Die Nutzung von unternehmensinternen Informationen zum Handel ist aber nicht grundsätzlich illegal. Vorstände, Aufsichtsräte, Führungskräfte sowie weitere Personen, die Zugang zu vertraulichen Informationen haben, dürfen unter bestimmten Voraussetzungen auch mit den Aktien ihres Unternehmens handeln. Ob es sich dabei um illegale Insidergeschäfte handelt, hängt im Wesentlichen davon ab, zu welchem Zeitpunkt der Handel stattfindet. Wurde die Entscheidung für eine Investition aufgrund von Insiderdaten getroffen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich waren, ist der Handel mit unternehmenseigenen Aktien illegal.

Gut zu wissen: Rund um die Veröffentlichung der Quartalszahlen gelten Handelssperrzeiten, in denen Insidergeschäfte verboten sind. Das Verbot gilt für einen angemessenen Zeitraum vor Bekanntgabe bis kurz nach Bekanntgabe der Ergebnisse. Die Handelssperre gilt auch für den Zeitraum des Börsengangs (Initial Public Offering, kurz IPO).

Legaler Insiderhandel

Grundsätzlich dürfen Mitarbeiter unternehmenseigene Aktien kaufen und verkaufen, wenn sie dies anmelden. Allerdings dürfen auch für diese Käufe keine Insiderinformationen genutzt werden. Um den Verdacht auf Marktmanipulation zu vermeiden, wurden in der Marktmissbrauchsverordnung (MMVO) 3 wesentliche Vorschriften für den legalen Insiderhandel erlassen:

  • Ad-Hoc-Pflicht: Kursrelevante Informationen müssen so schnell wie möglich öffentlich gemacht werden.
  • Insiderlisten: Börsennotierte Unternehmen müssen Personen mit Insiderkenntnissen den zuständigen Behörden melden (Artikel 18 MMVO).
  • Eigengeschäfte melden: Personen mit Führungsaufgaben sind verpflichtet, den Handel mit den Aktien des eigenen Unternehmens innerhalb von 3 Tagen zu melden (sogenannte Directors‘ Dealings). (Artikel 19 MMVO)

Gut zu wissen: Die Marktmissbrauchsverordnung (MMVO) ist eine EU-Verordnung zur Bekämpfung von Insidergeschäften und Marktmanipulationen auf den europäischen Finanzmärkten. Sie wurde 2014 vom Europäischen Parlament und dem Europäischen Rat erlassen.

Wer gilt beim Handel mit Aktien als Insider?

Als Insider gilt jeder, der über kursrelevante Informationen über ein Unternehmen verfügt, bevor diese öffentlich bekannt gemacht werden. In erster Linie geraten Vorstände, Aufsichtsräte oder Führungskräfte unter Verdacht. Sie halten häufig Aktien am eigenen Unternehmen und haben Kenntnis von strategischen Unternehmensentscheidungen, geplanten Akquisitionen oder den Quartals- oder Jahreszahlen haben. Diese Informationen sind Außenstehenden nicht zugänglich und haben maßgeblich Einfluss auf den Aktienkurs und üben dadurch einen erheblichen Kauf- oder Verkaufsanreiz auf Anleger aus.

Mitarbeiter und Dritte

Häufig kaufen auch Mitarbeiter Aktien des eigenen Unternehmens. Verfügen sie über Informationen, die den Aktienkurs beeinflussen, gelten sie ebenfalls als Insider. Das Gleiche gilt für Dritte, die Insidern nahestehen, oder Personen wie Steuerberater oder Notare, die aus beruflichen Gründen entsprechende Informationen von Insidern erhalten.

Gut zu wissen: Privatanleger, die eine Empfehlung von Insidern erhalten oder zufällig Kenntnis von Insiderinformationen erlangen und dieses Wissen nutzen, können sich ebenfalls strafbar machen.

Wie funktioniert der Insiderhandel?

Insider verfügen über Informationen, die Aktionären oder Investoren noch nicht bekannt sind. Beim illegalen Insiderhandel nutzen sie diesen Informationsvorsprung, was unter Umständen erhebliche Auswirkungen auf den Aktienkurs eines Unternehmens haben kann. Zu Verdeutlichung 2 Beispiele:

Beispiel 1: Insiderhandel bei Mitarbeitern

Ein Mitarbeiter hat aufgrund seiner Position oder Aufgaben Kenntnis über die bevorstehende Insolvenz eines Unternehmens. Er besitzt Aktien des Unternehmens und nutzt seinen Informationsvorsprung, um sie noch vor der Insolvenzbekanntgabe zu veräußern. Damit erzielt er vermutlich einen besseren Kurs und verschafft sich somit gegenüber Außenstehenden einen wirtschaftlichen Vorteil. Das Gleiche gilt, bei Kenntnis über ein Ereignis, dass den Kurs der Aktie vermutlich steigen lässt. Der Aktienkauf erfolgt zu einem günstigen Kurs und er profitiert so vom anschließenden Kursanstieg. Beide Varianten stellen einen Fall des illegalen Insiderhandels dar.

Beispiel 2: Insiderhandel auf Führungsebene

Ganz erhebliche Auswirkungen hat es, wenn Vorstände, Aufsichtsräte oder Führungskräfte Aktien des eigenen Unternehmens kaufen oder verkaufen. Werden Aktien gekauft, suggerieren sie den Anlegern ihre Zuversicht. Werden Aktien verkauft, deutet es darauf hin, dass die Geschäfte nicht gut laufen. Zwar sind nicht alle Käufe oder Verkäufe der Führungsebene zwangsläufig mit der Entwicklung des Unternehmens in Verbindung zu bringen. Aber dennoch haben sie erheblichen Einfluss auf den Aktienkurs und können daher missbräuchlich eingesetzt werden, um den Kurs maßgeblich zu beeinflussen.

Mögliche Strafen beim Insiderhandel

Die Rechtsgrundlage für den Tatbestand des Insiderhandels in Europa bildet die Marktmissbrauchsverordnung (MMVO). Wer demnach Insiderwissen nutzt, um sich zu bereichern, kann sich strafbar machen. Entsteht der Verdacht auf illegalen Insiderhandel, leitet die BaFin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) als in Deutschland zuständige Aufsichtsbehörde eine Untersuchung ein. Erhärtet sich der Verdacht auf Insidergeschäfte, leitet die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein.

Wer gegen die Vorschriften des Insiderhandel verstößt, muss gemäß § 119 des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 5 Jahren oder einer Geldstrafe rechnen.

Was sind Insiderinformationen?

Als Insiderinformationen gelten gemäß MMVO alle Informationen, die bei Veröffentlichung erheblichen Einfluss auf den Kurs einer Aktie hätten und zum Zeitpunkt der Transaktion der Öffentlichkeit nicht bekannt sind. Eine genaue Auflistung, welche Informationen hierzu zählen, liefert die MMVO nicht. Sie spricht vielmehr von Informationen, die ein verständiger Anleger berücksichtigen würde, um eine Investitionsentscheidung zu treffen. Hierzu zählen beispielsweise:

  • strategische Unternehmensentscheidungen
  • Wechsel in Vorstand und Aufsichtsrat
  • Unternehmenszu- oder verkäufe
  • Übernahmeangebote
  • drohende Insolvenz
  • Kooperationen und Partnerschaften
  • Produkt-Launch oder die Einstellung von Produkten
  • Kenntnisse über die zu erwartenden Quartals- oder Jahreszahlen

Veröffentlichung von Insiderinformationen

Eine Information gilt nur dann als Insiderwissen, wenn sie der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt gegeben wurden. Um Insiderhandel zu vermeiden, gilt für Unternehmen eine Publizitätspflicht oder Ad-hoc-Pflicht für kursrelevante Informationen. Die Bekanntgabe der Informationen erfolgt durch die Ad-hoc-Mitteilung. Diese wird vor Veröffentlichung meist durch einen Ad-hoc-Dienstleister zunächst der BaFin und der Börsenführung bekannt gegeben. Im Anschluss wird die Meldung im elektronischen Bundesanzeiger veröffentlicht und schließlich per Ad-hoc-Mitteilung und Pressemitteilung der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Gut zu wissen: Ein Hinweis auf der Unternehmenswebsite oder in den sozialen Medien ist nicht ausreichend.

Diagramm zur Übersicht der Kommunikation im Rahmen der Ad-hoc-Pflicht.
Insiderinformationen werden vor Bekanntgabe in der breiten Öffentlichkeit der BaFin und der Börsenführung zur Verfügung gestellt.

Fazit: Insiderhandel ist nicht zwingend illegal

Zum Schutz des Kapitalmarktes unterliegt der Insiderhandel in Deutschland strengen Vorschriften. Wer diese strikten Regelungen der Marktmissbrauchsverordnung (MMVO), des Wertpapierhandelsgesetzes (WpHG) und die Handelssperrzeiten beachtet, kann sein Insiderwissen unter Umständen jedoch legal für den Aktienkauf nutzen. Generell gilt bei Insidergeschäften jedoch größte Vorsicht, da unter Umständen empfindliche Strafen drohen können.

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