Konjunkturpakete und Wirtschaftsbelebung Finanzmärkte im Überblick

Mann mit braunen Haaren lächelt in die Kamera. Er trägt ein blaues Hemd und einen blauen Anzug

Ein Beitrag von Andreas Lipkow, Börsenexperte bei comdirect.

Konjunkturprogramme und sinkende Anleiherenditen treiben die Börsen weiterhin an.

Die seit März 2020 grassierende Corona-Pandemie führte zu einem dramatischen Rückgang der Investitionen von Unternehmen in der Eurozone und in den USA. Dem ist nun die US-Regierung mit einem massiven Investitionsprogramm entgegengetreten. 5,9 Billionen US-Dollar planen die USA in Konjunktur- und Infrastrukturprogramme zu investieren. Das schon auf den Weg gebrachte Paket soll US-Unternehmen und Privathaushalten helfen, die Corona-Folgen zu überwinden. Ein 1,9 Billionen US-Dollar schweres Konjunkturpaket hatte Joe Biden schon im März durch den Kongress gebracht. US-Bürger erhalten gerade einen Scheck über 1.400 US-Dollar vom Staat. Weitere 4 Billionen US-Dollar sollen in den nächsten acht bis zehn Jahren für Infrastrukturprogramme hinzukommen. Das zweite Programm ist noch nicht in Kraft getreten und dennoch investieren die US-Unternehmen bereits stark in Infrastrukturen und Digitalisierung wie 5G-Technologie.

In der Eurozone ist die Erholung dagegen bisher schwächer ausgefallen. In Deutschland fließen staatliche Mittel vorrangig in Infrastrukturprogramme. Insbesondere öffentliche Bauinvestitionen wurden davon stimuliert. Der weitere Aus- und Aufbau eines schnellen Internets steht dabei durch die Anwendung und Nutzung der 5G-Technologie im Fokus.

Auch die Transformation der deutschen Wirtschaft hin zu klimafreundlichen Produktions- und Prozessabläufen wird sich weiter fortsetzen. Das Thema ESG (Environmental, Social and Governance) wird somit in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen und ein wichtiger Einflussfaktor für die Finanzmärkte bleiben. ESG steht also für Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung. In diesem Fall geht es bei der Geldanlage nicht nur um Profit, sondern auch um die Frage, welche sozialen oder ökologischen Folgen ein Investment haben kann.

Die deutsche Wirtschaftsleistung – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – ist im ersten Quartal 2021 preisbereinigt um 3,3 % niedriger ausgefallen als im Vorjahresquartal. Bemerkenswert sind allerdings die enormen Exporttätigkeiten der deutschen Industrie, speziell im Automotive-Sektor und im Maschinenbau. Im zweiten Quartal 2021 dürfte die deutsche Exportindustrie weiter an Fahrt gewinnen. Die Auftragseingänge in der Industrie haben sich zuletzt gut entwickelt.

Diese Wirtschaftsbelebung geht einher mit einer potentiellen Beruhigung des Infektionsgeschehens. Damit könnte sich das dritte Quartal 2021 sehr dynamisch entwickeln und eine hohe Ähnlichkeit zu dem Verlauf des vorherigen Jahres 2020 nach der ersten Pandemie-Welle zeigen.

Aufgrund dieser Dynamik rückt ein weiterer wichtiger Faktor ins Scheinwerferlicht: die Inflationsrate. Die zu erwartenden Lockerungen und Öffnungen sowie der wirtschaftliche Aufschwung in den nächsten Monaten können kurzfristig zu deutlichen Preisanstiegen führen. Unternehmen haben erhebliche Umsatzausfälle in den vergangenen Quartalen hinnehmen müssen. Einige Branchen könnten versuchen, durch Preisanhebungen einen Teil dieser Umsatzrückgänge wieder zu kompensieren. Die besseren Konjunkturaussichten dürften wiederrum die Lohnforderungen höher ausfallen lassen. Die Bautätigkeit gesellt sich weiterhin als potentieller Preistreiber durch die hohen Auftragsbestände und eine rege Immobiliennachfrage vor allem im privaten Wohnungsbau kommt noch dazu.

Angesichts der enormen Engpässe in der Industrie und des zu erwartenden Preisanstiegs rücken auch die Notenbanken wieder stärker in den Fokus der Finanzmarktakteure. Vor dem Hintergrund der aktuell positiven konjunkturellen Entwicklungen und der anhaltenden fiskal- und geldpolitischen staatlichen Impulse dürften sich die kurzfristigen Abwärtsrisiken an den deutschen Aktienmärkten vorerst noch in Grenzen halten. Die daraus resultierende potentielle Unsicherheit wird wahrscheinlich erst ab September 2021 stärker auf die internationalen Finanzmärkte einwirken.

Insgesamt besteht im verbleibenden Börsenjahr 2021 eine gute Chance, dass sich die Aktien europäischer Unternehmen im dritten Quartal gut entwickeln und weiter an Fahrt aufnehmen.